Die Seidenpflanze

Vor einigen Jahren entdeckte ich in Daniel Rühlemanns fabelhaften Katalog, Kräuter und Duftpflanzen (2015) die Gewöhnliche Seidenpflanze (Asclepias syriaca). Ich habe mir gleich ein Pflänzchen bestellt und in meinen Garten gesetzt, denn dieses Schwalbenwurzgewächs (Asclepidaceae) erweckte in mir schöne Erinnerungen, es war ein ständiger Begleiter meiner Jugend im ländlichen Ohio. Die mannshohe Pflanze wuchs als weed (Unkraut) in dichten Horsten entlang der Straßen und an den Rändern der Maisfelder. Was uns Kinder an ihr faszinierte war der üppige weiße Milchsaft, der aus den eiförmig elliptischen Blättern floss, wenn man diese anknickte – deswegen heißt diese in Amerika heimische Pflanze ja auch milkweed (Milchwurz). Die nach Honig duftenden, hellrosafarbenen doldig-runden Blütenstände werden von unzähligen Schmetterlingen und Bienen umflattert und umschwirrt.

Kein Unkraut, sondern wertvolle Nutzpflanze

Was ich damals nicht wusste und erst später durch meine ethnobotanischen Studien erfuhr, war, dass die Seidenpflanze für die indianischen Ureinwohner eine wichtige Nahrungs- und Nutzpflanze war[1]:

  • Wildgemüse: Die jungen Schösslinge kann man im Frühling wie Spargel essen. Auch die grünen, noch unreifen Schoten (Balgfrüchte) eignen sich, ehe die Samen reifen, gut als Gemüse. Dieses Jahr haben wir es probiert. Die gekochten Schoten, paniert und frittiert, haben mir dermaßen gut geschmeckt, dass es mich bewegt hat davon zu berichten und diesen Artikel zu schreiben.
  • Heilpflanze: Die Indianer kannten vielfältige Anwendungen der Seidenpflanze als Heilpflanze. Die Milch wurde bei Ringelflechte (Scherpilzflechte, engl. ringworm), Verbrennungen und Ausschlag auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Die getrocknete, pulverisierte und anschließend gekochte Wurzel wurde bei Husten und Lungenproblemen eingenommen; sie wirkt beruhigend bei Bauchweh und Asthma. In höheren Dosierungen wirkt die Wurzel purgierend, schweiß- und harntreibend und als Emmenagogum. Schwangere sollten dieses Mittel unbedingt meiden.
  • Faserpflanze: Wenn die Fruchtschoten voll ausgereift sind, sind sie ungenießbar. Sie platzen dann auf und entlassen die, mit einem seidigen, schneeweißen Haarschopf verbundenen, linsengroßen, braunen Samen, die der Wind fortträgt. Es sind vor allem diese feinen seidigen Fasern, die die Gattung ihren Namen verdankt. Aus den Fasern drehten die Indianer Stricke, knüpften und woben daraus Netze, Taschen und Schlingen. Die europäischen Siedler zwirbelten die Seide zu Kerzendochten, die viel sauberer brennen, als jeder Docht aus Baumwolle oder anderen Fasern. Auch wattierten sie mit der Seide Winterjacken und Hosen, denn die Seidenpflanzenseide hält wärmer als Wolle und ist sechsmal leichter. Dank dieser Eigenschaft sammelten die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg –  die tropischen Kapok-Fasern waren da kaum mehr erhältlich – die wildwachsende, einheimische Asklepias-Seide. Damit wurden die Jacken der Flieger wattiert, die nicht nur warmhielten, sondern dank ihrer Leichtigkeit im Notfall auch als Schwimmwesten fungierten. Auch Rettungsringe und Matratzen wurden damit ausgestopft.
seidenpflanze-im-garten

Zu dem Namen

Die Gewöhnliche oder Echte Seidenpflanze bekam von Linnaeus den Namen Asclepias syriaca verpasst, also „syrische Asklepie“. Der große schwedische Botaniker glaubte irrtümlicherweise das fremde Gewächs käme aus dem Nahen Osten, aus Syrien. Dabei ist es, wie fast alle Pflanzen dieser Gattung, ein Kind der Neuen Welt. Der Gattungsname Asclepias geht übrigens auf Asklepios (Äskulap), dem griechischen Gott der Heilkunde zurück, der ein Sohn des Sonnengottes Apollon und einer Sterblichen war. Äskulaps Lehrer war der weise Kentaur Cheiron.  Kentauren, mit dem Kopf eines Menschen und dem Körper eines Pferdes symbolisieren die Verbindung von Verstand und das tierischem Instinkt, Eigenschaften, die ein echter Heiler haben muss. Da Äskulap so erfolgreich heilte, dass er sogar Tote wieder zum Leben erwecken konnte, wurde er von Zeus mit dem Blitzkeil getötet, der Totengott hatte sich nämlich beschwert, dass die Höllen zunehmend leerer wurden.

Jeder Indianerstamm hatte seine eigene Bezeichnung für die Seidenpflanze. Bei den Cheyenne hieß sie, zum Beispiel Matan Mahk oder „Milch-Zweig“. Die englischsprechenden Siedler nannten sie milkweed, silkweed, wild cotton (wilde Baumwolle); die Pennsylvania Deutschen kannten sie als Milich Graut. Im französischen Kanada (Quebec) nennt man die Pflanze cochons du lait (Milchschweine) oder le cotonier (der Baumwollige) und der in Deutschland heute bekannteste Name ist „Papageienpflanze“, denn die reifen Balgfrüchte ähneln den inzwischen als Neozoen in viele Städte Europas aus Nordindien eingewanderten grünen Halsbandsittich (Psittacula krameri). Gerne hängt man als Tischdekoration diese grünen „Papageien“ an den Rand eines Wasserglases.

glas-seidenpflanze

Der königliche Schmetterling: Monarch

Innig verbunden mit der Seidenpflanze ist der wunderschön orange und schwarz gezeichnete Monarch-Schmetterling (Danus plexippus). Dieser ist ein sogenannter Wanderfalter, der sich im Herbst aufmacht und bis zu 3,600 km nach Süden, nach Yuccatan in Mexiko in sein Überwinterungsquartier fliegt. Die Reise dauert 8 bis 10 Wochen. Dabei orientieren sich die zarten Flatterer an der Sonne und an dem Magnetfeld der Erde. Die Ankunft der Mariposa Monarca fällt mit dem ausgiebig gefeierten, farbenfrohen, mexikanischen Totenfest, den Dias de los Muertos, zusammen, wenn die Toten mit Speise und Trank, Blumen und Kerzen begrüßt werden. Schon ehe die Spanier kamen, symbolisierte für die indigenen Völker die Ankunft der vielen Millionen Edelfalter die Rückkehr der Ahnenseelen.

Die hübschen schwarz-weiß-gelb gestreiften Raupen des Falters leben auf keinen anderen Pflanzen als die der Seidenpflanzenfamilie. Beim Fressen nehmen sie die giftigen Herzglykoside auf und reichern sie an. Das gibt ihnen Schutz gegen ihre Feinde. Die Vögel lassen sie deswegen weitgehend in Ruhe.

Inzwischen gibt es auch auf den Kanaren und Azoren Monarch-Falter, und zwar, wurden sie dort zuerst im Jahr 1864 entdeckt. Biologen nehmen an, dass Stürme und Hurrikane einige Exemplare über den Atlantik trieben. Sie hätten nicht überleben können, gäbe es auf den Inseln nicht auch einige endemische Seidenpflanzengewächse, darunter vor allem die Glatte Baumschlinge oder Hörnerranke (Periploca laevigata, spanisch Cornical), deren Samenschoten Stierhörnern ähneln. Auch die seltenen Leuchterblumen (Ceropegia spp.; spanisch Cardoncillo), die derselben Pflanzenfamilie angehören, helfen dem Schmetterling, der inzwischen sein Wanderleben aufgegeben hat, zu überleben.

In der heutigen Zeit geht es den Edelfaltern in der Neuen Welt nicht besonders gut. Die Überwinterungshabitate in Mexiko, wo auf wenigen Hektaren Millionen von Schmetterlingen in dichten Trauben auf Bäumen und Büschen hängen, werden durch Landwirtschaft und Holzeinschlag immer kleiner. Glücklicherweise hat man eine Schutzzone (Mariposa Monarca Biosphere Reserve) eingerichtet, in der Touristen die schönen Falter bewundern können und ihnen eine Überlebenschance geben. Verheerend ist jedoch die Anwendung von Herbiziden (Glyphosat) in den USA auf den riesigen Feldern mit gen-verändertem Mais und Soja; dabei werden die Seidenpflanzen, die das Futter der Schmetterlingsraupen ausmachen, vernichtet. Die einst riesige Monarch-Population ist inzwischen bis zu 90% dezimiert worden.

Noch kann man folgende Seidenpflanzen legal in den Garten setzen:

  • Die aus dem Westen der USA kommende Prärieseidenpflanze, auch Schöne Seidenpflanze genannt, die der Gewöhnlichen Seidenpflanze recht ähnlich ist. Auch sie kann sehr gut als Wildgemüse – die jungen Triebe, Blüten und unreifen Schoten – gekocht werden. (Das ist die Pflanze, die Ingo am Lake de Smet fotografiert hat)
  • Die Rote Seidenpflanze oder Indianerseidenpflanze, auch Wilde Ipecacuanha genannt, kommt aus dem tropischen Süd- und Mittelamerika. Die nicht winterharte Zierpflanze mit ihren hellleuchtenden, orangeroten Blüten ist nicht nur eine Schmetterlings- und Bienenweide, sondern auch eine Augenweide. Die Volksmedizin Mittelamerikas kennt viele Anwendungen der an sich giftigen Pflanze: die zerstampften Blätter als Umschlag für Geschwüre, als Mittel bei Tripper, Zahnweh, zur Blutstillung und vieles mehr.
  • Die mehrjährige, winterharte, orangerot blühende Knollige Seidenpflanze spielte bei den Indianern eine wichtige Rolle als purgierende, schweißtreibende und schleimlösende Heilpflanze. Die weißen Siedler nannten sie Pleuritis-Wurzel (pleurisy-root), was sich auf Rippenfellentzündung bezieht, und verwendeten sie bei Lungenentzündung und Erkältungen.[2]

Die Seidenpflanze ist auf jeden Fall interessant. Ich habe in ihr einen weiteren pflanzlichen Verbündeten gefunden.

[1] Siehe, Daniel Moerman, Native American Ethnobotany. Portland, Oregon: Timber Press 1999

[2] Matthew Wood, Die Weisheit der Pflanzen. Aarau und München: AT-Verlag 2012

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Zeige 8 Kommentare
  • Matthias Brändel
    Antworten

    Das ist ja wirklich ein sehr interessanter Beitrag von dir und lässt gleich eine Freude aufkommen, da schaue ich gleich bei Rühlemann’s im Katalog nach und werde mir so ein Pflänzchen bestellen und einen schönen Platz im Garten aussuchen.
    Danke für die hochinteressante Info von dir.
    Herzlichst Matthias aus Hennigsdorf

  • Sabine Seyfried
    Antworten

    Ich habe Samen der Seidenpflanze in Töpfen angesät, aber leider hat sie nicht gekeimt. Dann werde ich es nächstes Jahr gleich nocheinmal versuchen 🌸🌸🌸

  • harald
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    das ist ja echt toll… ich bin begeistert! wolf dieter, wenns dich nicht gäbe, wer brächte uns all diese dinge bei!?!!! wir müssen wahrhaft wieder teil der natur werden, doch wie weit sind wir schon von ihr entfernt? also, auf gehts 😉 ganz liebe grüße, harald

  • Katja
    Antworten

    Hallo Wolf-Dieter,
    Vielen Dank für diesen wunderschönen Text.
    Wie schnell breiten sich Seidenpflanzen über die Wurzelns aus?
    Liebe Grüße, Katja

  • Angelika Schwab-Orel
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    Sehr interessant! Ich habe diese Pflanze schon lange in meinem Garten und habe gar nicht gewusst, dass sie viel mehr hergibt als nur zu Dekorationszwecken benutzt zu werden!
    Danke schön für diese wertvolle Information – ich werde in der nächsten Saison einiges ausprobieren.
    Mit blumigen Grüßen
    Angelika Schwab-Orel

  • Rudi Synoradzki
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    Lieber Wolf,
    so wunderbar die Seidenpflanze ist, sie ist bei uns nicht heimisch und wohl so verbreitungsfreudig, dass sie 2017 in die europaweit gültige „Schwarze Liste der invasiven Pflanzen“ aufgenommen wurde. Es sollten bitte alle, die jetzt Seidenpflanzen kultivieren, unbedingt verhindern, dass sie sich ungehindert ausbreiten kann.

    mit ganz herzlichen Grüßen,
    Rudi, der Kräutermann aus Fürth-Burgfarrnbach

  • Agnes Thumm
    Antworten

    Ich lebe in Ungarn, da ist diese Pflanze ein weit verbreitetes „Unkraut“, die Einheimischen nennen sie „Wilder Tabak“ oder Seidenpflanze. Sie kommt in solchen Massen vor, dass sie für die Imker eine wertvolle Tracht ist, es gibt bei den meisten Imkern auch Seidenpflanzenhonig. Ansonsten gilt sie als lästiges Unkraut, ihre nützlichen und heilenden Eigenschaften sind völlig unbekannt. Danke für diese Informationen! Ich werde mich mal gleich ans Sammeln der Seide machen.

  • Christine Seifert
    Antworten

    Vielen Dank für diesen sehr informativen Beitrag. Ich würde gerne so eine Pflanze näher kennenlernen und bei mir im Garten willkommen heißen.
    Lieben Gruß
    Christine Seifert

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