Pfingstgrüße

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Pfingsten – heute weiß kaum jemand mehr, was das bedeutet – war einst, neben Weihnachten und Ostern der dritte Höhepunkt des Jahreslaufs. Es ist das Fest des Herabkommens des Heiligen Geistes über die Menschheit und über die Natur. Wald und Flur kleiden sich in frisches Grün, die Blumen blühen dem Himmel entgegen mit frischer Pracht und die Vögel singen liebliche Lieder.

„Der die Natur nicht kennt, liebt sie nicht.“

– Paracelsus

Wie eine Taube schwebte der Heilige Geist sanft vom Himmel herab, wie Feuerzungen senkte sich sein Segen auf die Menschen und füllte sie mit Ekstase, so dass sie in „Zungen redeten“ und egal, wo sie herkamen, einander verstanden. So steht es in der Bibel. Im Galaterbrief heißt es: „Die Frucht, die der Geist hervorbringt, ist Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Milde, Selbstbeherrschung. So etwas verbietet kein Gesetz.“ Das sind schöne Gedanken.

Die Brauchtümer an Pfingsten

Für das einfache Volk war Pfingsten – die Engländer nennen es Whitsuntide, „weiße oder weise Sonnenzeit“ – eine Steigerung der vielen Frühlingsfeste, die ihre Wurzeln in der vorchristlichen Naturspiritualität haben. Bis in die Neuzeit stand das Landvolk früh auf und badete auf den Wiesen im frischen Tau, dem Pfingsttau oder Heiligengeisttau, der, wie auch der Pfingstmaie, der grüne Strauß, Gesundheit und Lebensfreude verspricht. Der Pfingststrauch, davon war man überzeugt, vertreibe Gewitter, Krankheit, bösen Zauber und Ungeziefer. Es gab in der Pfingstzeit Umzüge und Ausflüge mit Wagen, die mit frischgrünem Laub geschmückt wurden. Ähnliches kenne ich noch aus Oldenburg, wo ich in der Nachkriegszeit bis zur 5. Klasse in die Schule ging. Da wurden die Eingänge der Häuser, Fahrräder, Pferdewagen, Autos, Baugerüste und Ställe mit frischen Birkenzweigen geschmückt. Auch die gut riechenden Kalmusblätter kamen beim Schmücken in Frage. Auf dem Lande ließen die Oldenburger Bauern die Türen und Tore offen, damit der Heilige Geist hereinkommen konnte.

Ein Ausflug in die grüne Natur ist heilsam.

In den heiligen Pfingsttagen musste alles sauber sein. Vielerorts wurden die Häuser mit Pfingstbesen aus Ginsterzweigen gereinigt. Brunnen und Quellen wurden besucht, gereinigt und mit Blumen geschmückt. Wie das Osterwasser, galt auch das Pfingstwasser als besonders heilkräftigt. Überall, besonders in England, war es Brauch neue Kleider anzuziehen und frische Bettwäsche zu verwenden.

Zu essen gab es bei uns an dem Feiertag traditionell frischen Spargel mit Rinderzunge. Warum Zunge? Weil der Heilige Geist die Menschen in Zungen reden ließ. (Man aß ja auch „fliegendes Fleisch“ zu Himmelfahrt.) Anderswo gehörten Eiergerichte zum Pfingstessen.

Es gibt so viel altes, lokal unterschiedliches, heute oft vergessenes Pfingstbrauchtum – Pfingstritte (meistens am Pfingstmontag), Ausflüge in die blühende Natur, Schlachten des Pfingstochsen, die Heischegänge der jungen Leute, den Pfingstlümmel, der den Morgen verschlief, Pfingstsingen von Haus zu Haus und vieles mehr – dass es ein ganzes Buch füllen würde, darüber zu berichten. Auch wir können diese schöne Zeit, in der es meistens warm und freundlich ist, feiern, indem wir uns mit der Natur verbinden und aus ihr Kraft schöpfen.

Literaturtipp

In dem Buch, Ich bin ein Teil des Waldes, geht es darum, einige Hintergründe zu erhellen, die zu der Naturphilosophie führten, die in meinen anderen Werken zum Ausdruck kommen. Für mich ist die Natur nicht etwas Äußeres, etwas rein Gegenständliches, das man mit kühler Sachlichkeit analysieren und quantifizieren kann. Die Natur ist draußen und drinnen; sie durchwebt uns, nicht nur stofflich und energetisch, sondern sie durchdringt uns auch mit inneren Bildern, mit erhabenen Inspirationen, sie ist beseelt und Ausdruck kosmischer Intelligenz.

Cover Ich bin ein Teil des Waldes

Magdalena Machinger, eine Pflanzenfotografin und Dichterin aus der Steiermark, schickte mir zu Weihnahten einen Weihnachtsgruß, in dem sie folgende Zeilen schrieb. Ich denke sie passen auch gut zum Pfingstfest besonders in diesem Jahr:

Warum sich in Zeiten der starken Polarisierungen in ein Lager drängen lassen?
Warum sich für eine Seite entscheiden „müssen“?
Wäre es nicht immer der Weg der Mitte, welcher nach vorne führte,
und nicht seine extremen Abzweigungen!?
Ich bin ein Mensch, und habe die Wahl, wohin ich gehen will.
Ich habe die Wahl, worauf ich die Aufmerksamkeit richten möchte.
So versuche ich mich, weniger zu verschließen,
als viel mehr mich dem zu öffnen, das mich nährt und erhebt.
Ich versuche die Balance zu halten,
das Gleichgewicht unserer Erde zu fördern.
Ich kämpfe gegen nichts und niemanden,
ich nehme wahr und vertraue.
Das was ich heute denke, kann morgen schon Realität sein
Und wenn ich ab und zu nicht mehr weiß,
was ich glauben kann, dann glaube ich an das prinzipiell Gute!

Das innere und das äußere Universum ist unendlich. Unendlich wunderschön und unendlich schrecklich. Es umwirbelt unser Sein und unsere Seele wie ein Wirbelsturm. Da sollten wir uns an das „Auge im Sturm“, an das ruhende Zentrum, halten. Da sollten wir von unserer Selbstgerechtigkeit, unserem Neid, Hass, unseren Unwahrheiten, unserer Gier und unseren Ängsten ablassen und uns mit unserem göttlichen Kern – den die Hindus Shiva nennen – verbinden. Oder, christlich gesehen, sollten wir unsere Herzenstür auflassen, damit der Heilige Geist Einzug halten kann.

Die Pflanzen, die sich ganz dem Himmel, der Sonne und dem Kosmos öffnen und zur gleichen Zeit mit der Güte und Kraft der mütterlichen Erde verbunden sind, können uns Menschenseelen dabei helfen. Ein Pfingstausflug in die grüne Natur kann ein Gottesdienst sein!

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Fronleichnam

1. Juni. Die Sonne scheint, es ist herrlich warm. Die Wiesen blühen. Die Rinder sind nun auf der Bergweide. Und endlich können wir im Gemüsegarten anfangen zu graben, säen und pflanzen. Lange hat es diesmal gedauert. Lange war es kalt auf diesen Höhen und den ganzen Mai hat es geregnet, ab und zu gehagelt und vor genau einer Woche hat es noch einmal kurz geschneit, richtige Frau Holle Flocken; die bleiben aber nicht liegen. Und heizen mussten wir jeden Tag. Da schrumpfte unser kostbarer Holzvorrat, der eigentlich für den nächsten Winter gedacht war, dahin. Nun aber haben die Frost- und Eisriesen ihre Koffer gepackt und sind Richtung Schweitzer und Vorarlberger Alpen abgereist.
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In den Fängen des Wahnsinns

Dass der Mensch dem Wahnsinn verfallen kann, gehört zu seinem Wesen, zur sogenannten conditio humana. Im Vergleich zu den Tieren, ist der Mensch viel weniger an die Weisungen der Natur gebunden. Die vererbte Instinktsicherheit, die den Zugvögeln sagt, wo und wann sie im Herbst hinfliegen sollen, dem Bieber, wie Bäume zu fällen und Dämme zu bauen sind, oder der Katze, wie man Mäuse fängt, diese Sicherheit haben wir nicht. Wir haben uns von der Natur weitgehend emanzipiert.
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Was sagst du dazu?

Diskussion

  1. Vielen Dank für die wunderbaren Texte – sie wärmen das Herz 🙂

  2. Lieber Wolf Dieter!
    Danke!
    Besonders deine Worte nach meinem ” Gedicht” haben mich an die Geschichte von Neelakantha, dem Blauhalsigen Shiva erinnert.

    Schluckt er nicht das Gift der Welt aus dem aufgequirrlten Urozean, und rettet damit die Welt vor ihrem Verderben.
    Das Gift welches sein Hals, bzw. Kehlkopfchakra auffängtbzw. zurückhält und ihn damit rettet, aber seinen Hals auf ewig Blau färbt….ist ein so gutes Beispiel für die jetztige Zeit.
    Das Kehlkopfchakra als Sitz des rechten Wortes.

    Einmal mehr erzählt diese Geschichte davon, wie wichtig unser gesprochenes Wort ist.

    In meinen Gedanken entstanden und durch mein Aussprechen zum Wort geworden, ist es wie eine ” Geburt”. Womit ich entweder Vernichtendes oder Förderndes nach aussen in die Welt bringen kann.

    Die Medien verstehen dieses “Handwerk”nur allzugut.

    Mensch, alles was du denken kannst, kannst du auch sein. Aber alles was du sagst, bist du.
    Glg.
    Magdalena

  3. Vielen lieben Dank von ganzem Herzen, ich lese diese Kurzgeschichten so gerne 🌺❤️
    Frohe Pfingsten

  4. Danke und Frohe Pfingsten

  5. Danke für diese schönen Worte zu Pfingsten.

  6. Diese Worte diese Weisheiten vieleicht das wertvollste was wir haben. Polar zu technischen Lebenswelte. Danke Wolf Dieter

  7. Immer wieder Danke für die wohltuenden und bereichernden Texte. Wieviel Inspiration, Einsicht, Freude und Belustigung ich durch die Werke von Herrn Storl schon erhielt ist einzigartig.

  8. VIELEN DANK für die ganz besondern Pfingstgrüße! Schön solche Zeilen lesen zu dürfen, sie tun gut!!! Ich werde morgen mit meinen Kindern auf die Alm spazieren und Pfingsten erstmals anders begrüßen! LG Carolina

  9. Einfach DANKE!
    Bin gerade durch einen Raya Yoga Kurs auch voll vegitarisch gestimmt und seit 20 Jahren Vegetarierin, aber ich lasse Offenheit für alles und genieße die vielseitigen Blickwinkel.
    Wiedermal Weltoffenheit und Freigeist!

  10. Beautifully and meaningfully written –

    • Immer wieder Danke für die wohltuenden und bereichernden Texte. Wieviel Inspiration, Einsicht, Freude und Belustigung ich durch die Werke von Herrn Storl schon erhielt ist einzigartig.

  11. Wir leben in einer Zeit der Transformation – auch der so schönen alten Bräuche. Also werde ich den Text nicht zum zweiten Mal lesen, da er die Aufforderung zum Töten enthält. Einstein und viele Dichter und Philosophen haben es uns vorgelebt. Das Bewusstsein der Menschen wird sich erst im richtigen Mass entwickeln so sie zum Vegetarismus übergehen – heute würde er sagen Veganismus – so wie mit den Kühen und Kälbern umgegangen wird.
    Ohne die Tiere einzubeziehen wird es schwerer mit dem Frieden etc.
    Lektüre u.a. Eugen Drewermann: Von der Unsterblichkeit der Tiere

  12. Obwohl ich zu der Generation gehöre, die noch weiss, was Pfingsten bedeutet, bin ich sehr dankbar für deine erklärenden, Ruhe verströmenden Worte und danke dir von Herzen dafür. Gerne leite ich deine Mail als Pfingstgruss weiter.
    Christine

  13. Deine Worte helfen mir.
    Gerade in dieser Zeit, in der es mir schwer fällt die Mitte zu finden und den Boden unter den Füßen zu behalten, auch für die Menschen, für die ich verantwortlich bin, brauche ich Impulse und Anregungen.
    Danke


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