Der Weihnachtsmann

Da ich einen weißen Rauschbart habe, halten mich manchmal die kleineren Kinder für den Weihnachtsmann. Ein etwa vierjähriger Junge zeigte auf mich und fragte seinen Papa, ob ich der Weihnachtsmann wäre. „Frage ihn doch selber,“ sagte der Vater. Der Junge schaute mich ganz schüchtern an und sagte nur: „Ich bin ganz brav gewesen!“

Einmal, in Wyoming, musste ich für die Kinder von Verwandten den Santa Claus spielen. Mit rotem Mantel, Kapuze und einem Sack mit Geschenken kam ich aus dem Wald und nahm Platz neben dem Weihnachtsbaum im Wohnzimmer. Ein wagemutiges Mädchen zupfte mir am Bart. „Der ist der echte Santa!“ rief sie jubelnd den anderen Kindern zu, „der Bart ist echt!“

Wer ist der Weihnachtsmann

Wer oder was nun ist der Weihnachtsmann, der Samichlaus, der Nickolaus, der Knecht Ruprecht eigentlich? Woher kommt er ursprünglich? Einige britische Kulturanalytiker behauten eher missbilligend, das Bild, das wir von ihm haben – wohlbeleibt, humorvoll und mit rotem Mantel und roten Backen – gehe auf eine Werbekampagne der Coca-Cola-Company zurück; der eigentliche Santa hätte einen grünen Mantel und wäre mit Stechpalmen (holly) gekrönt gewesen.

Neuheiden führen den Weihnachtsmann auf Odin, dem Schamanengott zurück. In den Nordländern, auch in Nordamerika, kommt er ja, wie ein Schamane auf einem Rentierschlitten daher gebraust. Psychedeliker sehen den rot Bemäntelten sogar als eine Personifizierung des Fliegenpilzes. Der rote Pilz mit den weißen Tüpfelchen wurde ja bekanntlich während der Wintersonnwendtage von den nordischen, slawischen, sibirischen und kanadisch-indianischen Schamanen als Sakrament eingenommen, um im Trance mit den Göttern, Ahnen und Zwergen zu kommunizieren.

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In der Antike, wie auch später in der Renaissance, wurde der alte, weise Geist mit dem Planetengott Saturn identifiziert. Er trägt in seinem Sack die Saaten und Samen der Zukunft. Ihm zu Ehren wurden in den Wintertagen die orgiastischen Saturnalien gefeiert.

Die Christen sehen in dem Weihnachtsmann den Heiligen Nicholas, dem Bischof von Myra (heute in der Türkei), dessen Todestag der 6. Dezember gewesen sein soll. Der große Heilige hat sein ganzes Vermögen der Kirche geschenkt, er war mildtätig und hat viele Wunder vollbracht. Als unerbittlicher Gegner des heidnischen Irrglaubens, fällte er eine der Abgöttin Diana geweihten Baum – ein Aspekt, der ihn für mich eher unsympathisch macht.

Sankt Nicholas war für die mittelalterlichen Menschen ein wichtiger Heiliger. Er wurde zum Schutzpatron der Russen, Kroaten und Serben; für viele Kinder wurde er Namensgeber – Klaus, Nicklaus, Miklós, Nils und (weiblich) Nicole, Nina, usw. – und er gilt als Beschützer der Seefahrer, Kaufleute, Bäcker, Getreidehändler, Prostituierte und andere. Der niederländische Sinterclaas, der Luxemburger Zinniklos und der schweizerische Samichlaus beziehen sich auf diesen Heiligen.

Die ruppigen Gesellen

Da ein christlicher Heiliger nur rein, gut und heilig zu sein hat, wurden ihm, vor allem in den Alpenregionen, üble, ruppige, gewalttätigen Gesellen, die ihm wie ein Schatten folgen, beigesellt. Egal wie sie alle heißen –  Krampus, Knecht Ruprecht, Pelznickel, Schmutzli (Schweiz), Swarte Piet (der „schwarze Peter“, Holland) oder Hans Trapp (Elsass) – bei ihnen stolpern wir wieder über die rauen Naturgeister, die Perchten, die mit der Percht, der Naturgöttin, über das Land im Winter daher fegen. In Russland jedoch wird der Geist der Winterweihenächte, das, meistens in einem frostigen blau-grauen (manchmal auch grünen oder roten) Mantel gehüllte „Väterchen Frost“, von seiner hübschen Enkeltochter „Schneeflöckchen“ begleitet, und vielerorts im protestantischen Norden von dem Christkindlein oder dem Neujahrskindel.

Es gibt keine historischen Belege

Der Weihnachtsmann hat keinen historisch belegbaren Anfang. Er ist ewig, ein Archetypus. Er ist Teil der Ewigkeit, so wie die Sonne, der Jahreszyklus und die Natur an sich an der Ewigkeit teilhaben und keine menschlichen Erfindungen sind. Jede Gesellschaft und jede Zeit schmückt diesen Archetypus auf seine eigene Art und Weise bildhaft aus. Es sind kulturspezifische metaphysische Bilder, die dazu geschaffen sind, unsere Seele in Resonanz zu bringen und uns helfen das Mysterium zu verstehen.

Der Weihnachtsmann ist keine historische Person, er ist ein Geistwesen. Das sehen wir schon darin, dass er in der Tiefe der Nacht durch den Schornstein oder Kamin – dem Herz des Hauses – hereinkommt. Schon seit der Alten Steinzeit galt der Rauchfang, die Öffnung des Spitzzeltes (Tipi), der Jurte oder des Grubenhauses als der Eingangsort der Geistwesen, oder auch als das Tor in die himmlischen Welten, durch die die Schamanen flogen. Im früheren Ostpreußen kam der Geist als Schimmelreiter daher. Ein Schimmel – wie Odins Sleipnir oder das weiße Ross des westslawischen Svantewit – galt immer als ein Geisterross.

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Von weit, weit her kommt dieser Archetypus der Winterweihenächte. Für die Skandinavier kommt er vom Nordpol oder vom weit entfernten Lappland. Väterchen Frost, wie auch der Weihnachtsmann in meiner sächsischen Heimat, kommt aus dem tief verschneiten Winterwald, aus dem saturnischen Tannenwald. Auch der Schweizer Samichlaus kommt von weit her, aus dem finsteren Schwarzwald. Und der niederländische Sinterclaas kommt mit einem Schiff von weit her über das Meer gefahren, aus der Richtung Spaniens.

All das passt zu diesem Urbild. Saturn ist der äußerste sichtbare Planet, das Tor zum Fixsternhimmel, zur Ewigkeit. Die Winterzeit, die Zeit, wenn Schneekristalle vom Himmel fallen, galt als die saturnische Zeit. Die Gaben, die dieser Geist bringt, sind die des Segens, die der kristallenen Klarheit entspringen. Es sind die Gaben der kosmischen Liebe; die Gaben der Ahnen, die sich aus dem Zeitlichen verabschiedet haben. Und die größte dieser Gaben ist die Schau der Geburt des Lichtkindes im stillen, tiefen Schoß der Erde und, zugleich, im Innersten unseres Herzens.

Die Haselrute

Auch wenn sie keine Worte dafür haben, die kleinen Kinder wissen noch um diese Mysterien der Ewigkeit. Sie sind dem Himmel noch nahe. Deswegen lieben sie auch noch heute den Weihnachtsmann.

Und, übrigens, wenn es heißt, dass er mit seinen Haselnussruten die unartigen Kinder bestraft, so stimmt das nicht – das ist lediglich eine Erfindung der spießigen Biedermeier-Zeit, in der auch der Struwwelpeter geschrieben wurde. Die Haselrute ist und war immer ein Zeichen der Fruchtbarkeit; sie brachte den jungen Frauen, den Hoftieren und dem Feld fruchtbares Gedeihen.

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Zeige 6 Kommentare
  • Catherine
    Antworten

    Danke für diesen aufschlussreichen Text!! Sehr bereichernd!

  • Gabriele
    Antworten

    Schön

  • Ursula Kulik
    Antworten

    Danke, lieber Wolf-Dieter, für deine wundervollen Worte. In dieser verrückten Zeit bist du für mich wie ein Ruhepool, bei dem ich als Stadtmensch Kraft tanken kann und mich immer wieder besinne, wie wichtig die Natur für uns ist. Heute früh hatte ich gerade so gedacht, dass ich mal etwas über die Geschichte des Weihnachtsfestes und dem ganzen Geschehen darum wissen möchte. Und dann lese ich heute früh deine eMail und erfahre viele Weisheiten. Vielen Dank, ich werde die Geschichte meiner Familie auch vorlesen. Hast du eigentlich auch mal ein Buch oder eine Geschichte für Kinder geschrieben? Lieber Wolf-Dieter, für deine wundervolle Arbeit möchte mich ganz herzlich bei dir bedanken und dir und deiner Familie ein besinnliches Weihnachtsfest wünschen. Danke, dass du uns immer wieder den Zauber der Natur bewußt machst. Liebe Grüße aus Berlin sendet dir Ursula

  • Rolf Werner
    Antworten

    Ganz wunderbarer Artikel der sich nicht nur auf eine Seite fixiert, sondern einzelne Facetten aufzeigt und diese dann in einem Grossen verbindet. Auch ich habe meine Vorlieben zu dieser Gestalt, sehe in einem Moment eher die eine Facette, dann wieder ‚rufe‘ ich einen anderen Aspekt davon – aber er ist immer und trotz meiner 52 Jahre, mein geliebter ‚Samichlaus‘. ……… Danke Wolf einmal mehr für Deine tollen und inspirierenden Texte!!

  • Birgit Oltsch
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    Was für wunderbare, kluge Worte so kurz vor den Rauhnächten.
    Allen ein besinnliches und schönes Weihnachtsfest
    mit den besten Wünschen für das neue Jahr aus dem Vogtland

  • Dagmar
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    einfach toll, diese vielfältigen Aspekte aus verschiedenen Regionen zu lesen.

    ich habe immer schon an den Weihnachtsmann geglaubt… dann kommen auch die Geschenke 😉

    aber viel wichtiger ist die Natur: der Winter und die Geistwesen in den WeihNächten

    Danke Wolf-Dieter Storl

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