Mein Besuch in den Bighorn Mountains im Sommer 2019

Eigentlich hätte ich den Garten pflegen sollen, aber ein Familientreffen in Wyoming ließ mir keine Wahl als mitzufliegen. Da waren wir nun am Fuße der Bighorn Mountains nicht weit von Lake de Smet, dem heiligen See der Cheyenne-Indianer, mit Blick auf den schneebedeckten, 4013m hohen Cloud Peak.

Schon der erste Tag führte mich und Christine zu dem magischen See, an dem mich vor Jahren mal eine Klapperschlage ansprang, deren rasselnde Warnung ich (fast) zu spät gemerkt hatte. Zum Glück konnte ich ihr gerade noch ausweichen. Ich schaute in ihre kohleschwarzen Augen und sie nahm mich mit in die archaische Welt der Urzeitreptilien. Sie veranlasste mich auf eine kleine Insel zu schwimmen und die Nacht dort unter dem Sternenhimmel zu verbringen. Die Insel war vollkommen vom Kot der Kormorane, Entenvogel und Kanadagänsen bedeckt, so dass es keinen Platz gab zum Hinlegen. Bis am nächsten Morgen saß ich schlotternd am Ufer, derweil über eine ewige Zeitspanne ein riesiger Wels vor mir hin- und herschwamm und mich mit weisen Fischaugen anglotzte.

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Ich kann gut verstehen, dass dieser See für die Indianer ein Tor zu der Welt der Geister ist, zum Reich der Großmutter, der Seelenhüterin. Oft streifte ich mit dem Medizinmann Bill Tallbull entlang dessen Ufer, oft versenkten wir unseren Geist in die Tiefe unter dem Seespiegel, wo wir die Spirits, die „kleinen Leute“ (Naturgeister und Zwerge) und die Geister der verschollenen Büffel besuchten. Einmal riss uns ein Motorboot, mit einem Wasserskifahrer im Schlepptau, aus der Meditation. Die Insassen johlten und warfen leere Bierdosen ins Wasser. Tallbull konnte das nicht verstehen. „Was ist mit denen los, können sie die Geister nicht sehen?“ fragte er sichtlich entgeistert. Aber die Geschichte kennt Ihr wahrscheinlich schon aus meinem Buch, Ich bin ein Teil des Waldes.

Der See mit den Geistern

Es war auch an diesem See, wo Ingo seinen ersten Film, Manitus grüne Krieger, drehte. Für die Aufnahmen wollte er einige Cheyenne, die wir in einer Taverne aufgesammelt hatten, mit einspannen. O nein, sagten sie, auf keinen Fall würden sie dort hingehen, es gäbe zu viele Geister. Eigentlich gehen nur Medizinleute da hin.

Auch wenn inzwischen einige Wohlhabende aus den Oststaaten sich unweit vom See teure Häuser gebaut haben und Sportboote die Ruhe stören, so zeigte uns der See, dass er noch immer eine Schwelle zur Welt der Geister ist. Es war keine rasselnde Klapperschlange, die mich im zarten Morgenlicht begrüßte, diesmal waren es waren es kleine Hasen, die uns über den Weg hoppelten und gar nicht scheu waren. Am Himmel kreiste ein Adler, Kormorane segelten vorbei und plötzlich offenbarte sich das magische Wesen des Ortes. Es war ein Gnadenmoment, ein Moment, in dem das Alltagsbewusstsein schwindet und der spirituelle Hintergrund sichtbar wird. Wie gebannt standen wir da, während das in der Morgensonne glitzernde Wasser sich in einen Tanz der Lichtelfen verwandelte.

„Das tanzende Licht lässt sich doch irgendwie wissenschaftlich erklären,“ sagte Christine, überwältigt von dem andersweltlichen Anblick, zögerlich.„Das mag sein,“ antwortete ich, „aber solche Überlegungen nehmen nur den Zauber weg!Mir kam mein vor einigen Jahren verstorbener Freund und Lehrer Tallbull in den Sinn. Es war, als wäre er in diesem Augenblick gegenwärtig. Auch der Geist von Christines Großvater, der gerne hier angelte und dessen Asche in den See gestreut wurde, schien da zu sein.

lake-boat

Alte Pflanzenfreunde

In diesem Zustand des natürlich erweiterten Bewusstseins grüßten mich die Pflanzen wie alte Freunde, die man nach langer Abwesenheit wiedersieht und umarmt. An vorderster Stelle war der Steppenbeifuß (Artemisia lucoviciana), den die Cheyenne in allen ihren Zeremonien benutzen. Mit seinem silbrigen Grau und würzigem Duft dominiert er die hügelige Landschaft. Hier und da dazwischen wuchs der zarte Kalte Beifuß (A. frigida), der – wie Tallbull sagte – nur von Frauen verwendet werden darf. Das Gummikraut (Grindelia squarrosa; engl. gumweed) mit seinen mit Harz überzogenen, klebrigen, aromatischen, gelben Blüten strahlte uns an; oft hatte Christine mit dem gumweed-tea den vom Giftsumach (poison ivy) herrührenden Ausschlag erfolgreich behandelt. Bartfadenpflanzen (Penstemon), deren tiefschlündige Blüten sich in hellem Himmelsblau hüllen, ließen uns staunen. Gelbe Goldruten und Schafgarben, die zu meinen „pflanzlichen Verbündeten“ gehören, grüßten uns freudig.

Und nicht weit vom Ufer entfernt blühten einzelne bienen- und schmetterlingsumtanzte, rosafarbene Seidenpflanzen (Asclepias syriaca); deren junge Triebe, sowie die, an kleine grüne Papageien erinnernden, unreifen Balgfrüchte, geben ein gutes Wildgemüse her. Die Seidenpflanze, die voller Milchsaft ist und deswegen im Englischen milkweed heißt, ist die Futterpflanze der Raupe des bunten Monarchen-Schmetterlings. Wie zum Gruß umflatterte einer der Monarchen-Schmetterlinge meinen Kopf, als ich in dem See schwamm. Vorletztes Jahr hatte ich mir die Seidenpflanze bei Rühlemann’s Pflanzenversand bestellt, so dass sie nun auch in meinem Garten wächst.

milkweed

Die magische Stimmung hielt auch bei der Rückfahrt zum Haus an: Auf den offenen Flächen ästen kleine Herden Gabelböcke – die Amerikaner nennen sie Antilopen – an dem bitteren Steppenbeifußstauden. Eine Familie wilder Truthähne samt niedlichen Küken überquerte die Straße und verschwand im Dickicht. Weißwedelhirsche bewegten sich unter den Gelbkiefern (ponderosa pine). Und dann, während wir auf der Schotterstraße anhielten, um einige Pflanzen näher anzuschauen, setzten sich nur einige Meter entfernt zwei Kondore (Truthahngeier) auf einen Zaun uns schauten uns an.

Jeden Tag gingen wir im frischen Wasser des Sees schwimmen. Der Zauber, der uns am ersten Tag umfangen hatte, verblasste jedoch allmählich. Das war vor allem weil immer wieder, besonders am Wochenende, Angler oder Sportboote erschienen. Offensichtlich zeigten sie wenig Respekt vor dem heiligen Ort. Manche warfen ihre Softdrink-Flaschen oder Schokoriegelpapier einfach in die Landschaft. Und als mich ein Flugfischer (fly fisher) im Wasser entdeckte, schimpfte er über den asshole swimmer, der ihm angeblich die Fische verscheuchte. Mir wurde wieder einmal bewusst, dass auch Gedanken Teil der subtilen Atmosphäre sind. Niedere, disharmonische Gedanken vertreiben die feineren Geister und nehmen der Natur ihren Zauber.

Kühles Wetter

Wyoming war in diesem Jahr ungewöhnlich grün. So grün ist die Landschaft im Windschatten des Big Horn Gebirges nur im Frühling, ab Sommer werden die Gräser normalerweise gelb. Viel Regen und kühle Temperaturen hätte es gegeben. Und nun, Mitte August, seien schon die Kanadagänse erschienen und machten am See Rast, ehe sie weiter in den Süden ziehen. „Das wird einen frühen Winter geben,“ meinte ein alter Cowboy, „es könnte schon im September schneien!“

Auch hier im Allgäu deuten die Zeichen auf einen frühen Winter. Am Tag der Herbstnachtgleiche entdeckte ich auf der fast abgegrasten Weide die zarten lilablühenden Herbstzeitlosen. Zum Glück haben wir genug Abfallholz, das die Waldarbeiter hinterlassen haben, geholt und zurechtgesägt, damit wir nicht frieren müssen

Totalabschuß

Als wir wieder zuhause waren, teilte uns einer der Jäger mit, der es mit dem Hegen des Wilds ernst nimmt, dass die bayrische Jagdbehörde den Totalabschuss des Rotwilds und die Verdopplung der Abschüsse der Gämsen in unserer Region beschlossen hat. Alle Hirsche, die sich außerhalb der zugewiesenen Rotwildgebiete befinden, sollen eliminiert werden. Das solle, nach dem Motto „Wald vor Wild“, den Wald vor Verbiss schützen. Der Jäger war entsetzt über diesen Beschluss der amtlichen Schreibtischtäter. „Für die Gämsen geht das in Richtung Ausrottung,“ sagte er. Wir wohnen zwar auf der württembergischen Seite, aber sind dennoch betroffen, denn die Tiere wandern und kennen keine Bundesgrenzen.

Hirsche und Gämsen haben hier in den Wäldern schon immer gelebt, sie gehören zur ökologischen Ganzheit. Der Wald ist schließlich mehr als eine Baumplantage. Außerdem sind Wildtiere die verkörperte Seele des Landes. Sie beseelen die Landschaft.

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  • Marietta Dahnke
    Antworten

    Vielen Dank für den sehr schönen Bericht. Ich bin immer sehr berührt wie die Tiere uns sich zeigen und auch die Pflanzen. Ich wünsche mir das die nachfolgenden Generationen auch diese wundervollen Energien wahrnehmen können. Was ich nicht verstehe ist, dass trotz Aufklärung des Umweltschutzes es immer noch Menschen gibt, die ihren Müll einfach so in der Natur entsorgen. Das ist nicht nur in Wyoming so, sondern auch in einem führenden Land in Sachen Umweltschutz wie Deutschland so.
    Ich wünsche mir, das es Menschen gibt, die erkennen was mit diesen Abschussfreigaben des Rotwildes und der Gämsen für ein ökologisches Ungleichgewicht entsteht und dem noch rechtzeitig Einhalt gebieten können.

  • Makowska Jenina
    Antworten

    Lieber Wolf,
    Hallo miteinander,
    die Jäger im Bereich Garmisch weigern sich größtenteils, die Abschusszahlen der Regierung zu erfüllen.
    Bei Vorträgen kommt oft durch, dass sie mit den Entscheidungen der Regierung nicht konform sind.
    Mit dem Jagdhorn soll ich oft bei Veranstaltungen dieser Art dabei sein und erfahre/verfolge interessante Beiträge.
    Viele Grüße
    Jenina

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