Maiengrüße

Die sieben Zwerge grummelten und schimpften herum nach Zwergen-Art. Sogar im Traum erschienen sie mir in der Walpurgisnacht.

„Morgen ist Maientag. Da vermählt sich unsere Königin mit dem Sonnengott.
Siehst du nicht wie alles blüht und grünt!
Wie von Zauberhand weggefegt ist der Schnee und das Grün bricht hervor, mächtig.
Ah, da freut sich das Herz aber, springt vor Freude, und tanzt zu den Liedern der Waldvögel.
Hörst du die Waldfrösche singen? Sie singen den Maienregen herbei.
Schau, die Blüten auf sprengen ihre Fesseln!
Wie Feuer lodern sie aus dem dürren Holz hervor und duften, und lassen die Bienen und Hummeln summen.
Und du dummer Mensch sitzt da mit den außerirdischen Elektronenelfen!
Komm, trag uns hinaus in den Garten!
Lange genug haben wir Zwerge bei Euch auf der Kante über dem Küchenherd gesessen.
Jetzt musst du pflanzen und säen und ackern, und wir wollen dir dabei helfen.“

So ist es jedes Jahr, am ersten Mai, oder besser beim Maivollmond, da ziehen die Zwerge in den Garten. Und im November, wenn es still und nebelig wird, und die Pflanzenpracht verschwunden ist, da wollen sie wieder ins Haus. Halloween, wenn die Geister umherziehen und die Verstorbenen um milde Gaben bitten, da nehmen sie ihre Sitze über dem Herd wieder ein. Im wonnigen Mai begann für die Kelten und die europäischen Ureinwohner die lichte Jahreshälfte. Da stellten die Menschen Maibäume auf und tanzten unter ihnen oder unter der Dorflinde:

… hei, unter grünen Linden, da leuchten weiße Kleid,
heija, nun hat uns Kinden, ein End all Wintersleid.

Im November dagegen, ist die Sonne schwach, die finstere Jahreshälfte beginnt; da sind die Menschen nicht mehr so ekstatisch, sondern werden innig, ziehen sich in ihre Häuser und Hütten zurück und warten auf die Wiedergeburt des Sonnenkindes zur Wintersonnwendzeit.

Ja, all das wissen die Zwerge, an all das können sie sich erinnern. Sie sind den Wurzeln nahe, nicht nur den Wurzeln der Bäume und Pflanzen, sondern auch den Wurzelgründen unseres Daseins.
„Alles Quatsch!“ sagt da der beschränkte Verstand. „Das ist doch nur Einbildung!“ sagt das reduktionistische Bewusstsein. Aber was wissen die neunmal klugen Reduktionisten? Das Sein ist weiter und tiefer und wunderbarer, als sich das freche Schneiderlein denkt oder überhaupt denken kann.
Zwerge gibt es. Wer die Seelenaugen offen hat, kann sie sehen. Und, wer etwas über Heilkräuter, Edelsteine oder Gärtnerkunst erfahren will, sollte sich gut mit ihnen stellen. Die kleinen bunten Tonfiguren, die ich im Mai in den Garten trage, sind selbstverständlich nicht die Zwerge an sich – ebenso wenig wie eine Marienstatue die heilige Jungfrau, Mutter Gottes oder die Göttin ist. Aber sie helfen das, für äußere Augen unsichtbare sichtbar zu machen; die Figuren sind so etwas wie eine Bildersprache für unsere Seele. Sie weisen auf wirkliche ätherische, seelische Wesenheiten hin, die – jenseits des Vermögens des Verstandes – in unsichtbaren Bereichen tätig sind.
In der Maiennacht feiern die Zwerge und alle anderen Wesen. Da mache ich ihnen ein Licht und gieße etwas Bier. Das bringt Segen in den Gemüsegarten.

Einen schönen Maientag,

Wolf-Dieter

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  • Lotte Wegmann
    Antworten

    Schöner Text! Du bist ja nicht nur ein excellenter Pflanzenkenner und Pflanzenflüsterer und und und… du bist ja auch noch ein Dichter. Danke für diesen Beitrag.

  • Gabriele Hellemann
    Antworten

    Lieber Herr Wolf-Dieter Storl,

    schön, dass ich Sie gefunden habe. Ich habe seit kurzem einen Garten. Diesen möchte ich mit der Permakultur gestalten.

    Mit lieben Gruß aus Graz
    Gabriele Hellemann

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