Heilung durch die Kraft der Wildnis

Ein Interview aus dem Magazin Visionen

In den weiten Steppen der Mongolei und der Taiga Sibiriens, jenseits unseres „domestizierten Daseins“, ist der Vorhang zur Anderswelt dünn, fast transparent. Wolf-Dieter Storl ist im Sommer 2017 einen Monat lang von Ulan Bator nach Irkutsk gereist – vor allem, um die dortigen Pflanzen kennenzulernen. Was er fand und ihn unendlich faszinierte, war aber auch die Verbundenheit der indigenen Völker, der Mongolen und der Burjaten, den „Waldmongolen“, mit der Natur.

Hier lebt ein tief verwurzelter Schamanismus als ursprüngliche Form der Spiritualität, dem alles in der Natur heilig ist und der in ihr wie in einem Buch liest – ganz anders als die Blindheit unserer Weltsicht, die so vieles von der Beseeltheit der Welt nicht wahrnehmen kann. „Wildnis und wilde Tiere zu erleben, tut der Seele gut, es erzeugt eine Resonanz mit den tieferen Schichten unseres stammesgeschichtlichen Bewusstseins und verbindet uns mit unseren fernen Ahnen, die einst innig mit der Wildnis verbunden waren“, beschreibt Storl diese Erfahrungen in seinem Buch „Wolfsmedizin“.

Der Autor widmet sich nicht nur den Pflanzen, sondern schildert auch anschaulich die Hintergründe der aktuellen Situation der Naturvölker und ihren jahrtausendealten Glauben.

„Wildnis und wilde Tiere zu erleben tut der Seele gut.“

So gilt der blaugraue Himmelswolf als Vorfahre von Dschingis Kahn. „Wölfe verkörpern die Urkraft von Freiheit und Abenteuer“, so Storl, die „Reinheit und Kraft der wilden, unverdorbenen Natur; sie sind Grenzgänger.“ Grenzgänger wie auch der Schamane, der die verschiedenen Welten miteinander verbindet und sich dabei auch der Kraft der Pflanzen bedient. Jede Jurte, erfährt Storl, jeder Mensch und jedes Tier ist Abbild des Universums undauch Mittelpunkt davon – und alles hat seinen eigenen Himmel.

Was hat Sie auf dieser Reise am meisten beeindruckt?

So vieles! Wir kamen zu Völkern, die noch ziemlich traditionell leben, z.B. in der Mongolei, was ich fantastisch fand. Dort kann man nichts anbauen, weil die Sommer zu kurz und die Winter so lang sind. Da halten die Mongolen ihre Herden frei, ohne Zäune – und die Menschen ziehen ihnen hinterher. Die Tiere bestimmen also, wann es weitergeht! Die Tiere sind eigentlich sehr glücklich, und auch die Menschen sind frei – und es tut gut, so etwas zu sehen.

Wir sind auf einen Vulkan gestiegen und oben am Kraterrand gelaufen – und wohin man schaute, sah man kein Machwerk von Menschen. Einer der heiligen Orte für die Für die Mongolen ist der Himmel das Göttliche und das Gegenstück zur Erde, die weiblich gesehen wird. Da hat man eine Vision davon, wie die Welt wohl war, als wir noch in der Eiszeitsteppe lebten.

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Sie stellten dabei viele Parallelen zwischen den Steppenbewohnern Asiens und den Präriebewohnern Nordamerikas fest?

Zeitweise fühlte ich mich wie in Wyoming oder Montana. Die Urindianer sind ja in der letzten Eiszeit über die zugefrorene Landbrücke der Behring Straße nach Amerika gekommen,
sind den Wisenten gefolgt, die
 sich dort zu Büffeln entwickelt
haben. So sind auch die Wölfe in
 die Neue Welt eingewandert und
 die Braunbären, die zu Grizzlys
 wurden.

Die große Schamanentrommel, die Tipis als Sommerhäuser und im Winter halb in die Erde gesetzte Grubenhäuser – das alles kommt aus dieser Steppe. Und auch die geistige Kultur: Medizinlieder, Methoden des Heilens, auch Märchen.

Viele der Pflanzen, die Sie beschreiben, sind gar nicht so exotisch, sondern auch uns vertraut. Gibt es auch Parallelen bei den Pflanzen?

Für die Indianer wie die sibirischen Schamanen sind die Pflanzen nicht nur „Wirkstoffbehälter“, sondern Wesenheiten, die Kraft haben, uns Gutes zu tun. Da sah ich den „kalten Beifuß“, den ich in den USA bei einem Medizinmann kennengelernt hatte und der dort als „Frauenpflanze“ gilt. In Sibirien wird er auch hauptsächlich von Frauen benutzt.

Dort wächst auch der Holunder. Die Kelten schabten die Rinde der jungen Triebe nach oben, das bewirkte Erbrechen. Nach unten geschabt, gehen die Krankheitsverursacher durch den Darm ab. Das wird auch in der russischen und sibirischen Kultur so gemacht – und die Indianer machen das genauso. Da sieht man die steinzeitlichen Wurzeln unserer Naturmedizin.

Wildnis kennt auch Grausamkeit und Tod, was wir weitgehend aus unserem Leben verdrängen. Ist das die „Wolfsmedizin“, die wir brauchen?

Den Titel hat der Verlag vorgeschlagen – und er passt! Bei den Schamanen und Heilern habe ich gesehen, dass sie über die Grenzen hinausgehen, und zwar nicht nur in Lichtwelten, sondern auch in die Dunkelheit. Weil sie zentriert sind und gute Hilfsgeister haben, können sie in diese Welten hineingehen. Wenn man geboren wird, ist das wie der Sonnenaufgang, der Tod der Sonnenuntergang.

Sie können nicht verstehen, warum wir uns so um Lebensverlängerungen und Cyborgs bemühen. Das zeigt unsere Angst vor etwas, das eigentlich ganz natürlich ist: vor dem Tod wie auch vor der Geburt. Was ich gesehen habe, war wie ein kleiner Blick in die Steinzeit hinein. In den Städten ist das anders, da herrscht die Konsumgesellschaft, da lassen die Jungen das Traditionelle hinter sich. Aber das hat keine langfristige Zukunft.

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Wie können wir diese ursprünglichen Kräfte wieder in uns aktivieren?

Das ist eine individuelle Sache. Immer mehr Menschen wollen aus dem Konsum und der Entfremdung heraus und versuchen, zu sich zu kommen. Hilfe dabei ist die Natur selbst. Es 
tut gut, einfach mal wieder barfuß
zu laufen und den Boden zu spüren; die Reflexzonen sind nicht 
ohne Grund an den Fußsohlen, 
sondern dienen der Kommunikation mit der Erde. Mit lebendem Feuer statt Strom kochen oder sich Zeit nehmen, einfach mal in die Sonne zu gehen oder die Pflanzen zu betrachten. Das sind die kleinen Dinge, die wir machen können. Wenn wir uns unserer geistigen Führung anvertrauen, geht es in die richtige Richtung.

Sie sprechen oft von Naturwesen, der beseelten Welt. Wir sind diesbezüglich blind – wie werden wir wiedersehend?

Zum Teil, indem wir uns zuwenden. Zum Teil gibt es auch Menschen, die ungewöhnliche Erlebnisse haben, etwa eine Krankheit, wo sie sich tief besinnen müssen oder sich wieder auf Traditionen besinnen. Das sind nicht die großen Gelehrten der „hohen“ Kultur. „Hausfrau“ bedeutet etwa Hausherrin, „Freya des Hauses“. Heutzutage hat das Wort ja keine Konjunktur – aber früher „trug“ die Frau das Haus, wie auch heute noch in der Mongolei, wo sie die Hüterin des Feuers ist. Sie sitzt in der Mitte der Jurte, und über ihr ist der Rauchfang. In der tiefen Meditation reist sie durch den Rauchfang – das war bei uns im Mittelalter auch so, da gingen die sog. Hexen durch den Schornstein.

Die Hausherrin, die „Freya des Hauses“ hütet das Feuer.

Der Schornstein ist auch der Eingang der Geister, darum kommt auch bei uns der Weihnachtsmann durch ihn. Der Storch, der aus dem Reich der Frau Holle kommt (auch eine archetypische Figur), bringt die Kinder, und der Kinderkeim kommt auch durch den Schornstein. Wir denken, das sei totaler Quatsch. Aber das individuelle Wesen des Menschen kann man durch die Naturwissenschaft nicht erklären. Kein Baby ist wie ein anderes, und oft ist noch eine Spiegelung an das frühere Leben im Neugeborenen zu sehen. Das liegt noch alles in uns, nur muss die Erinnerung daran mit der Natur geweckt werden. Schamanen hatten wir auch bei den germanischen Völkern.

Odin war einer, der in tiefer Trance seine Seele hinausschickte und in Form von Tieren durch die Natur ging, während er physisch dalag wie tot. Sein Reitpferd hat acht Beine – ein Bild der Totenbahre. Das verbindet uns mit den Völkern, die in den Weiten Sibiriens, der mongolischen Steppe und dem Norden Amerikas leben.

 

Artikel aus dem Magazin „Visionen“ weiter Informationen unter: www.visionen.com

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