Die Mistel (Viscum album)

Weitere Namen: Hexennest, Trudennest, Martaken, Schnuderbeere, Wintergrün, Heil-aller-Schäden, Fallkraut

Die Mistel ist alles andere als eine „normale“ Pflanze. Die gelbgrüne Kugel mit den weißen, klebrigen, perlenartigen Beeren könnte genauso gut ein kleines pflanzliches Ufo sein, das sich da im kahlen Wintergeäst verfangen hat. Das Gewächs, das trotz winterlicher Kälte und Dunkelheit sein ledriges, grünes Blättergewand behält, hat sich weitgehend vom jährlichen Rhythmus der Sonne emanzipiert. Es verhält sich so, als gingen es die Jahreszeiten nichts an. Auch für denjenigen, der sich sonst kaum um Pflanzen kümmert, hat die Mistel etwas unheimliches an sich. Das spiegelt sich schon in den Namen, die ihr der Volksmund verleihen hat: Hexennest, Hexenbuschen, Teufelsbesen, Trudennest, Gespensterrute, Mahrtake (Mahr = Nachtgeist, Take = Zweig) oder auch Alpranke (Alp = elfisches Wesen).

TOR ZU ANDEREN WELTEN

Für die Kelten war es klar: Die Mistel ist ein Wesen der Zwischenwelt; ein Tor zu anderen Dimensionen. Sie vermittelt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, zwischen Leben und Tod. Ein Mistelpfeil tötet den Sonnengott, wenn – zur Sommersonnenwende – die aufsteigende Jahreshälfte in die absteigende übergeht. Zur Wintersonnenwende ist es wiederum ein Mistelzweig, der das wiedererstehende Leben, die Wiedergeburt des Sonnengottes tief im Schoß der Erde, ankündigt. In den angelsächsischen Ländern wird zu Weihnachten in Anklang an die keltische Tradition noch immer eine Mistel über die Türschwelle aufgehängt. Wer sich unter dieser Mistel befindet, ist – wie die Mistel selbst – frei von allen gesellschaftlichen Normen; er befindet sich in der „Zwischenwelt“, wo Unmögliches möglich werden kann. Wenn sich ein Mann und eine Frau zufällig unter dem Mistelzweig begegnen, dürfen sie einander – egal wer sie sind – liebkosen und küssen. Sie haben Teil am Rausch der kosmischen Fruchtbarkeit.

Die Mistel wurde von den Kelten als die „Alles Heilende“ (oljo-liagi),verehrt. Man kochte aus ihr Salben und braute Getränke um der Fallsucht (Epilepsie) vorzubeugen oder um harte Geschwülste aufzulösen; wie in der Volksheilkunde noch heute behandelt man Geschüre, Ohrenschmerzen, Milzleiden, Rotlauf, Gicht, Vergiftung und Frostbeulen mit ihr. Vor allem aber wurde sie benutzt um die Fruchtbarkeit von Mensch und Vieh zu fördern. Die weißen, schleimigen Beeren, die im Winter reifen, galten bei den Alteuropäern als der Same des träufelnden himmlischen Stiers, der die Erdmutter zu dieser Zeit befruchtet.

SAMMELRITUAL

Der Römer Plinius zeichnete das Mistelsammelritual gallischer Druiden auf: „Die Mistel wird mit großer Ehrfurcht abgenommen, vor allem am sechsten Tag des Mondes, der bei ihnen den Anfang der Monate und Jahre und nach 30 Jahren einen neuen Zeitabschnitt bildet … Sie bereiten ein Opfer und Mahl unter dem Baum und führen zwei große Stiere herbei, deren Hörner da zum ersten Mal umwunden werden. Der Priester, bekleidet mit einem weißen Gewand, besteigt den Baum und schneidet die Mistel mit einem goldenen Messer ab: Sie wird mit einem weißen Tuch aufgefangen. Dann schlachten sie die Opfertiere und bitten den Gott, er wolle sein Geschenk … zum Glück gereichen lassen. Sie meinen, dass die Mistel, in einem Getränk genommen, jedem unfruchtbaren Tier Fruchtbarkeit verleihe und ein Heilmittel gegen alles Gift sei.“ Selbstverständlich handelt es sich bei dem Ritual nicht um eines das die gewöhnliche Kräuterfrau oder der Bauer vollzog, sondern es gehörte zur „hohen Magie“, Es war Teil des Thronbesteigungsrituals des künftigen Herrschers, zu dessen wichtigsten Aufgaben die Gewährleistung der Fruchtbarkeit des Landes und der Herden gehörte. Auf diese Weise zapfte er die kosmische Fruchtbarkeit an.

VOLKSHEILKUNDE

Aber auch beim einfachen Volk galt die Mistel als konzeptionsfördernd. In einem alten Kräuterbuch heißt es: „Drei Mistelzweige in einem halben Liter süßen Weißweins drei Minuten lang gesotten, acht Tage vor dem Eintritt der Periode der Frau getrunken, bewirken Schwangerschaft.“ Auch Kräuterpfarrer Kneipp, wie auch Maria Treben, empfahl den Frischsaft aus den jungen Zweigen gegen Unfruchtbarkeit, Gebärmutterstörungen, Gebärmuttergeschwülste und Weißfluss. Er schrieb, „den Müttern kann ich die Mistel nicht genug ans Herz legen, sie mögen recht gute Bekanntschaft mit ihr machen.“

Klinisch erwiesen ist inzwischen die krampflösende, blutdrucksenkende Wirkung der Mistel. Misteltee oder –tropfen verlangsamen den Herzschlag und erweitern die Arterien. Eigentlich wirkt die Mistel „adaptogen“, also harmonisierend: Sie senkt hohen Blutdruck, hebt aber auch zu niedrigen Blutdruck. Hilfe bringen Mistelpräparate auch bei Schwindelgefühl und, wie der Kneipparzt Dr. Bohn aus seiner Praxis bestätigt, bei „chronischen Krämpfen und hysterischen Beschwerden“. Auf diese Wirkung basiert wahrscheinlich die traditionelle Anwendung der Mistel bei Epilepsie. Rudolf Steiner, der – als sei er ein wiedergeborener Druide – intuitiv sehr viel altkeltische Weisheit in die neue Zeit hineinbrachte, hat die Mistel für die Krebstherapie wiederentdeckt. Nach der alten Signaturlehre ist es durchaus schlüssig, dass die schmarotzende Pflanze ihr Gegenbild in krebsigen Wucherungen hat. Tatsächlich wurde inzwischen in der Mistel nicht nur ein tumorhemmendes Protein entdeckt, sondern zugleich auch ihre das Immunsystem stimulierende Wirkung bestätigt. Eine höhere Lebenserwartung der mit Mistel behandelten Krebskranken ist statistisch erwiesen.

Heilkunde der Kelten

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  • Gisela Rosa Essert
    Antworten

    Lieber Herr Storl,… Eine Wonne immer wieder aufs Neue Ihre seelen–und herzberuehtenden Worte, Formulierungen und Weisheiten zu lesen.
    Ihre Sprache verwandelt das bloße Wissen in ein Geschmeide fuer die Sieele. Ja traegt mich auf Händen in eine zauberhafte Welt.
    Vielen Dank dafuer!
    Ihnen und Ihren Lieben eine lichte Adventszeit….
    Gisela Rosa Essert – the herbal witch!

  • Guido Puchas
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    Lieber Wolf Dieter Storl, besten Dank für alle wunderschönen Berichte. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie nur das Allerbeste zu Weihnachten und für das neue Jahr.
    Mit lieben Grüßen, von Guido Puchas

  • Sabine Wöhrle
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    Lieber Wolf-Dieter Storl, Deine Bücher, Geschichten und Gedichte begleiten mich schon sehr lange, während meiner Ausbildung zur Kräuterhexe durfte Dein Wissen nie fehlen. Ich wünsche Dir von Herzen eine schöne Weihnachtszeit und bewegende Rauhnächte.
    Liebe grüße
    Sabine Wöhrle

  • Alexandra
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    Danke für die schöne, Mistel Beschreibung.Jetzt muß ich nur noch den Tee suchen…und trinken…

  • Franz Josef Hölz
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    Lieber Herr Storl,vielen Dank für Ihre Infos.

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