Ein Geschenk des Himmels

Einige Tage zuvor hatte schon ein bisschen geschneit. Am Abend vor dem Dreikönigstag jedoch (6.1.19) legte es richtig los. Ein ganzer Meter Schnee kam in der Nacht herunter. Albrecht, der schon oft den genau 3km langen Weg, der ins Tal hinunterführt, mit seinen schweren Maschinen gebahnt hatte, war in der Stadt mit Räumungsarbeiten beschäftigt und konnte nicht hochkommen.

Es schneite weiter. Ununterbrochen. Schwerer nasser Schnee, der zunehmend pulvrig wurde. Hier und da krachten die Fichten und einige alte Salweiden unter der Schneelast zu Boden. Auch ein Apfelbaum und der dicke alte Birnbaum am Gartenrand stürzten um. Der Birnbaum brachte zwar nur kleine extrem herbe, zusammenziehende Früchte hervor, die erst genießbar sind, wenn man sie teigig braun werden lässt und trocknet, oder wenn man sie, wie es die Bauern hier früher taten, zu Obstler brennt. Keine besonderen Birnen also, aber schade trotzdem, schade auch um die weiße Blütenpracht im Frühling, schade für die Bienen. Da liegen sie nun wie gefallene Helden, die schönen Bäume. Im Sommer werden wir sie zersägen und Feuerholz aus ihnen machen.

Noch mehr Schnee

Es schneite weiter. Der Schneepflug würde es nicht mehr durch den inzwischen zwei Meter tief liegenden Schnee hochschaffen. Über den Weg lagen sowieso schon, wegen Schneebruch, duzende Bäume. Und dann, am Montag fiel der Strom aus. Christine hatte noch ein bisschen Akku auf ihrem Handy, um das Elektrizitätswerk zu benachrichtigen. Sie erfuhr, dass eine alte Fichte am steilen Hang über die Leitung gestürzt war und dabei einen Masten mit abgeknickt hatte. Die Arbeiter kämen nicht durch den tiefen Schnee durch. Sie würden uns aber gerne ein Aggregat hochbringen, wenn der Weg frei geräumt wäre. Nun, das konnte man vergessen.

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Es schneite weiter.

Nach zwei Tagen kam der Strom wieder. Aber ganz schwach. So schwach, dass die Birnen matt rötlich glimmerten und nicht einmal das Radio funktionierte. Man hatte die Leitung versucht notdürftig zu flicken. Nach anderthalb Tagen fiel ein weiterer Baum auf die Leitung, und aus war es mit dem Strom. Zehn volle Tage lang.

Ohne Strom wurde der Kühlschrank innen warm, die Wasserpumpe fiel aus, wir konnten nicht aufwaschen oder das Klo spülen wie gewohnt. Da holten wir Schnee in Eimern und Töpfen, um ihn auf dem Herd zu schmelzen. Im Gegensatz zu unserem harten, kalkhaltigen Quellwasser, ist das Schneewasser herrlich weich, der Kaffee – wir mussten ihn mit der alten Handmühle mahlen – schmeckte besonders gut.

Die Schreibpause

Das Schreiben am PC – ich arbeite gerade an ein Buch über den Wald – konnte ich getrost vergessen. Lesen ging noch. Aber zu dieser Jahreszeit sind die Tage kurz. Erst nach 8 Uhr begann es hell zu werden und halb Fünf am Nachmittag, dämmerte es schon wieder. Außerdem war der Himmel mit dunklen Schneewolken verhangen, so dass man auch tagsüber eine Kerze brauchte um zu lesen. Glücklicherweise hatten wir noch einige Haushaltskerzen und Teelichter.

Die Zimmer in der Westseite des Hauses, wo sich Bad, Klo und Waschküche befinden, können vom Herd und Kachelofen aus nicht beheizt werden. Das machte mir Sorgen, denn da könnten die Wasserleitungen leicht einfrieren. Vor Jahren, kurz nachdem wir auf den Berg gezogen waren, war das schon einmal passiert. Eine Kerze, die in diesen Räumen die ganze Nacht und auch tagsüber brennt, würde jedoch die Raumtemperatur knapp über Null halten und genügen, um das Malheur zu vermeiden. Und solche Kerzen hatten wir auch.

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Altarkerzen waren es, die vor einigen Jahren fromme Mönche für die Wallfahrtskapelle hier beim Hof hochgebracht hatten. Bein- oder Hautkranke pilgerten zu dieser, dem Pestheiligen Rochus geweihten Kapelle, opferten einen Birkenbesen und hingen ihr Leid an den gekreuzigten Schmerzensmann. Vor vier Jahren, jedoch, stürzte eine über hundert Jahre alte Fichte – ebenfalls durch Schneebruch – auf das kleine Holzgebäude und zertrümmerte es vollkommen. Lediglich die hölzernen Statuen vom Heiland, Maria und Johannes blieben unversehrt – was einigen Dorfbewohnern im Tal wie ein kleines Wunder vorkam. Die großen Kerzen, die mindestens einen Tag lang brennen kamen uns nun, in dieser Situation zugute.

Was wenn der Schnee schmilzt?

Eine andere Sorge, neben der Gefahr, dass das Wasser einfriert, bereitete uns die schwere Last des Schnees auf dem Dach des 480 Jahre alten Haus. Das Haus wurde in einer ruhigen Phase des Dreißigjährigen Krieges gebaut. Damals war 80% der Bevölkerung Westallgäus durch Krieg und Pest dahingerafft worden. Schweizer besiedelten die Region wieder und ein Appenzeller baute das zerstörte Haus wieder auf und – was sonst? – machte Käse. Würden die alten Balken und Sparren das Gewicht von anderthalb Meter nassen Schnee tragen können?

Und dann, falls es zum Temperaturanstieg und zur plötzlichen Schneeschmelze kommen würde, bestand die Gefahr, dass der Keller, wo sich der Stromverteilerkasten befindet, überfluten würde. Auch das war ein paarmal vor einigen Jahren geschehen.

Solche Gedanken gingen uns anfänglich durch den Kopf, aber was soll es? Es kommt wie’s kommt! Don’t worry, be happy!

Wir wussten nicht wie lange wir hier von der Welt abgeschnitten und ohne Strom verharren müssten. Vorräte hatten wir ja. Holz zum Heizen und Kochen und im Keller lagerten Kartoffeln, Kohlköpfe, rote Beete und Sellerieknollen. Im Gang stapelten Kisten mit Äpfeln. Es war in diesem Jahr eine besonders gute Ernte gewesen. Der lange warme Sommer hatte uns die beste Kartoffelernte beschert, die wir je hatten. Große, dicke, gutschmeckende Erdäpfel. Und dazu eine noch nie dagewesene Fülle an Obst, angefangen mit den Johannisbeeren bis zu einer Apfelernte, die wir kaum bewältigen konnten.

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In den Beeten hatten wir noch Rosenkohl, Federkohl, Schwarzwurzeln, Lauch (Poree), Petersilienwurzeln und Pastinaken. Die wollten wir später ernten, denn draußen halten sie sich am frischsten. Nun aber lagen sie unter zwei Meter Schnee. Bis zum Tauwetter im Frühling werden wahrscheinlich die Wühlmäuse sich darüber hergemacht haben.

Etwas Mehl zum Brotbacken war da, aber wenig Milch, Käse, Südfrüchte oder Katzenfutter. Wir hatten, nach den laschen Wintern der vergangenen Jahre, dieses Wetter gar nicht erwartet.

Anfangs war es schwer

Am Anfang waren wir etwas ungehalten. Es fiel mir schwer, als Workaholic, nicht an meinem Buch arbeiten zu können. Aber dann wurde es uns bewusst, wie herrlich entspannend es ohne Strom ist. Wortwörtlich ist die Spannung weg. Es ist fast wie Urlaub irgendwo in den Rocky Mountains. Oder wie in einem Zen-Kloster: Das wichtigste ist Feuer und Wasser:

Vor der Erleuchtung Holz hacken und Wasser tragen;
Nach der Erleuchtung Holz hacken und Wasser tragen.

Der Schnee bringt eine tiefe Stille. Meditation, bzw. das tiefe Hineinsinnen, das Lauschen in die Natur und zugleich in die Seelentiefen wird leicht und ungezwungen. Beim Füllen der Eimer mit Schnee oder beim Schippen hält man unwillkürlich inne, schaut wie schön die Flocken, wie Daunenfedern, vom Himmel herabtanzen. Frau Holle schüttelt ihre Betten. Oder wenn mal die Morgensonne durch die Wolkendecke hindurchbricht, wie dann die Eiskristalle im Geäst der Wildrose oder des Holunders in tausend Farben glitzern und funkeln.

Zeit der Entspannung

Nicht abgelenkt vom Internet, YouTube, Rundfunkprogramm, CD-Spieler, einem Video, einen Telefonanruf, oder sonstigen kleinen elektronischen Dämonen, nimmt man sich Zeit. Zeit, am Abend bei Kerzenlicht Mundharmonika zu spielen und ein altes, verstaubtes Volksliederbuch heraus zu kramen. Christine, die im Gegensatz zu mir Noten lesen kann, spielt Blockflöte dazu. Lieder aus Zeiten, ehe elektrischer Strom die Menschen voll im Griff hatte: Lange ist es her, seitdem wir die alten Weisen gesungen oder gespielt hatten:

Der Winter ist ein harter Mann,
Kernfest und auf die Dauer.

Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Er scheut nicht süß noch sauer …

oder:

Schneeflöckchen, Weißröckchen, da kommst du geschneit
Du wohnst in den Wolken, dein Weg ist so weit …

oder:

Oh Tannenbaum, du trägst ein grünes Kleid,
Im Sommer im Winter, die ganze liebe Zeit …

oder „Leise rieselt der Schnee“, oder alte Seemannslieder, Wald- und Wanderlieder. Ich bin mir sicher, die Musik hat auch den Heinzelmännchen, die sich hinter dem Herd aufhalten, gefallen.

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Unwillkürlich rutscht man beim Liedersingen, beim knisternden Herdfeuer, aus der heutigen Zeit heraus. Man ahnt, die Großeltern und Urgroßeltern sind mit dabei, denn solche Hausmusik kannten sie ja auch. Auch nahmen wir uns Zeit einige Brettspiele zu spielen: „Mensch ärger dich nicht“, „Mühle“, „Schlangen und Leitern“, „Dame“ oder gar Schach. Die Welt da draußen ist weit weg. Was die neusten Nachrichten betrifft, was so’ne Merkel, Trump und die anderen Politiker anrichten, oder wie das Wetter wird, wissen wir nicht. Und dann, gegen halb Acht oder spätestens halb Neun geht es ins Bett, ins Land der Träume.

Die wilden Tiere im Wald

Jeden Tag schaufele ich Schnee, um zum Holz in der Scheune zu gelangen. Eine hungrige, verwilderte schwarze Katze hat dort Unterschlupf gefunden. Vorsichtig fasste sie Vertrauen zu mir und ich bringe ihr nun jeden Morgen etwas Futter.

Viele Tierspuren sind im Schnee zu sehen. In der Nähe des Hofes vor allem die von Füchsen und Dachsen, etwas weiter draußen sieht man Hasenspuren und sogar einige Hirschspuren und herzförmige Rehspuren ziehen sich über die Schneefläche, das, obwohl die Hirsche, wie auch die Rehe, sich bei tiefem Schnee lieber in die Täler begeben.

Mit Schneeschuhen laufe ich zum Waldrand. Die Abdrücke vieler Pfoten, Hufe und Tatzen verraten, dass im Wald viel mehr los ist, als man meint. Eine Wildschweinspur ist mit dabei, Marderspuren und ein winziger Pfad, wo eine Waldmaus gehüpft ist. Wolf- und Bärenspuren gibt es leider nicht. Da merkt man, dass man doch nicht in den Rocky Mountains ist. Yeti-Fußabdrücke waren auch nicht zu entdecken.

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Da es schwer ist im Winter zu dem Komposthaufen im Garten zu gelangen, baute ich eine Kiste, in der wir die organischen Abfälle vorübergehend lagern. Man sieht wie der Geruch des Sammelkomposts Meister Reinecke und Meister Grimbart anzieht, aber da ein schwerer Deckel auf dem Kasten liegt, kommen sie nicht da ran. Eines Morgens wollte ich Schnee für den Teekessel holen, und was sehe ich da: Ein Dachs hat ein Loch gegraben, so dass er von unten her, sich die Abfälle holen konnte.  Mit nahezu krimineller Energie hat er gebuddelt, wobei er die Erde und Kompostreste bis zu drei Meter über den sauberen weißen Schnee versprengte. Wieso ist er noch aktiv? Ich dachte, Dachse halten Winterschlaf! Er muss wirklich hungrig sein.

Ja, die Tiere! Während ich dieses schreibe, läuft ein großer, stolz aussehender Fuchsrüde über den Schnee durch den Garten. Er sieht fast aus wie ein Steppenwolf. Ein Kolkrabe sitzt nicht weit entfernt auf einer Fichte und singt sein Rabenlied. Und gestern Morgen klopfte ein Specht an den dicken Holzwänden. Er wollte an die feisten Holzwürmer, die sich in den Balken eingenistet haben. Ich musste ihn wissen lassen, dass wir auf Spechthöhlen in der Wand keine Lust hatten.

Der Strom ist wieder da

Am Mittwoch dem 16. Januar war plötzlich der Strom wieder da. Nun darf ich wieder arbeiten. Nun ist die Spannung wieder gegenwärtig. Nun sind wir wieder ins 21. Jahrhundert zurückgekehrt. Es war eine schöne, stille Zeit – ein Geschenk des Himmels.

Noch immer liegt der Schnee tief und darunter begraben viele Baumstämme. Es wird noch eine Weile dauern, ehe der Weg durch den Wald geräumt werden kann. Ju und seine Freundin Noelle, beide jung und sportlich, werden wohl noch einmal auf Schneeschuhen hochkommen müssen und uns – wenn nötig – mit dem allernotwendigsten Nachschub versorgen. Vielleicht schaffe ich es selber mal ins Tal mit Schneeschuhen, denn im Büro liegen eine Menge Bücher herum, die darauf warten signiert zu werden.

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  • Uwe Schmidt
    Antworten

    Lieber Wolf Dieter

    Vielen Dank für den eindrucksvollen Bericht. Das Leben auf dem Berg bringt einem die Natur sehr nahe. Man spührt die Jahreszeiten intensiver. Ich bin schon gespannt auf Dein neues Buch. Das Frühjahr drängt sich schon hervor, die Weiden und Birken zeigen schon das erste Grün. Danke Dir.

  • Gabriele
    Antworten

    Lieber Wolf Dieter,

    Wenn wir in der nächsten Woche mit Freunden in die Alpen fahren, so werde ich Deine berührende Geschichte mitnehmen und sie am Abend vorlesen. Du bist ein wunderbarer, feinfühliger Erzähler.

    Ich habe Dich in Frankfurt bei einem Vortrag kennen gelernt. Damals hatte ich noch ganz schlimme Borrelliose Symptome, konnte kaum gehen… Du warst umringt von Menschen und hast Dir trotztdem Zeit genommen, hast mir Mut gemacht, ich durfte in tiefe warm drein blickende Augen sehen und irgendwie war mir klar, ich komme da wieder raus mit der wilden Karde als Unterstützung und mit deinem Wissen und meinem Vertrauen.
    Ich bin Dir sehr dankbar und wünsche Dir und deiner Familie alles LIEBE und Gute auf all euren Wegen.

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