Alte Heilsysteme und ihre Sicht auf den Menschen
- 29. September 2026
Schreckensbilder über den Zustand unserer gesundheitlichen Betreuung füllen inzwischen ganze Bücherregale. Ist es da ein Wunder, dass die Menschen nach alternativen, sanften, natürlichen, weniger gefährlichen Heilmethoden suchen?
Seit den 1980er-Jahren werden alte ehrwürdige Systeme aus fernen Kulturkreisen, an erster Stelle die indische Ayurveda und die TCM (Traditionelle Chinesische Medizin), für viele Suchende interessant. Auch Reiki aus Japan, die Huna-Lehre aus Hawaii, dazu Heilmassagen wie Lomi Lomi oder Shiatsu, Tibetische Medizin, koreanischer, tibetischer und indianischer Schamanismus, Prana-Heilung, Qi-Gong, Tai-Chi, Yoga und vieles mehr wird mit mehr oder weniger Erfolg ausprobiert und durchexerziert.
Kleine, oft einander widersprechende therapeutische Sekten bilden sich. Das Medizin-Establishment hat dafür häufig nur ein müdes Lächeln übrig: Nette unterhaltsame Spielchen seien das, aber wenn es ernst wird, dann gebe es doch nur die einzig wahre Medizin, die evidenzbasierte wissenschaftliche Biomedizin!
Nichtsdestotrotz ist die TCM wie auch die indische Medizin recht effektiv und beruht auf überlieferter Erfahrung, die Jahrtausende zurückreicht. Dennoch stammen sie aus fremden Kulturkreisen, und ihre Grundvoraussetzungen, ihr Körperbild, die Erklärung ihrer Wirkmechanismen und ihre bildhaften Imaginationen sind uns recht fremd.
Oder was versteht man unter »Leberblut«? Wie übersetzt man Qi? Was soll – hier nur als Beispiel – einer unserer Ärzte aus einem medizinischen Text wie diesem machen:
»Wenn der Massenmensch durch die Körperseele wegrafft die Hauchseele, das ist: Metall hat Zuviel, so dass Holz nicht ausreicht.
Wenn der Heilige durch die Hauchseele umtreibt die Körperseele, das ist: Holz hat Zuviel, so dass Metall nicht ausreicht.
Denn die in der Körperseele geborgene Hauchseele bewältigt jene ganz, macht sie schweifend, und im Schweifen folgt ihr die Körperseele.«
Guan Junzi; in Heise 1996:57
Schamanisches Naturritual
Ähnliche Fragen gelten für die Ayurveda, die Tibetische Medizin und andere Heilsysteme. Jede medizinische Tradition hat – wie auch Sprache, Religion oder andere kulturspezifische Symbolsysteme – einen eigenen einzigartigen Blick auf das Wesen der Krankheit und Gesundheit, auf deren Ursprung und Sinn, auf die Rolle des Heilers und des Patienten.
Jedes System ist in sich geschlossen, zusammenhängend, oder wie man heute so gern sagt, kohärent. Jedes macht Sinn. Und auch wenn jedes seine therapeutischen Stärken und auch Schwächen hat, es gibt an sich keine bessere, überlegenere Heilkunde, ebenso wie man nicht sagen kann, dass es bessere und weniger gute Sprachen gibt.
Der Glaube, dass unser biomedizinisches Modell universell das Beste und Einzige ist, hat kulturelle Wurzeln; es ähnelt der Annahme, dass unser Monotheismus uns das einzig wahre Gottesverständnis ermögliche, es andere Götter nicht gebe, das seien Götzen.
Genau hier setzt auch die Ethnobotanik an. Sie versucht, das Weltbild anderer Kulturen nicht nur von außen zu betrachten, sondern sich auf ihre jeweilige Perspektive einzulassen – den sogenannten emic approach. Erst dadurch lässt sich verstehen, welche Bedeutung Pflanzen innerhalb einer Kultur als Heilmittel, Wesen und Begleiter haben und in welches größere Weltbild ihre Verwendung eingebettet ist.
Traditionelle Chinesische Medizin
Wie eng ein medizinisches System mit der Beobachtung der Natur verbunden sein kann, zeigt besonders die Traditionelle Chinesische Medizin.
Die fünf Wandlungsphasen, Organe, Körperfunktionen und Elemente (Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall) der Traditionellen Chinesischen Medizin wurzeln ebenfalls im Ablauf der Jahreszeiten: Der Winterregen (Wasser) lässt im Frühjahr neue Pflanzen (Holz) sprießen; diese werden durch die Hitze (Feuer) des Sommers versengt, was zu Waldbränden führen kann; die daraus entstandene Asche (Erde) verwandelt sich in Erdboden. Aus der Erde stammen die Erze, etwa Kupfer; auf den Metalloberflächen kondensiert Wasser, sodass sich der Kreislauf schließt.
Alles ist miteinander verknüpft und im ständigen Prozess des Wandels. Der Mensch gleicht der Landschaft mit seinem Jahresrhythmus. Die Aufgabe der Medizin ist es zu bewirken, dass dieser Wandel harmonisch verläuft, nicht überhastet, aber auch nicht stockend.
Wer tiefer in diese Zusammenhänge eintauchen und erfahren möchte, wie die Traditionelle Chinesische Medizin den Menschen im Wechselspiel mit Natur, Jahreszeiten und den fünf Wandlungsphasen versteht, dem kann ich den neuen Onlinekurs mit Dr. med. Florian Ploberger sehr empfehlen.
Empfehlung: Onlinekurs aus der Storl-Akademie
TCM bei Alltagsbeschwerden mit heimischen Kräutern
Depressionen, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Bluthochdruck – vier Beschwerden, die uns allen vertraut sind. Und doch erzählt jede eine eigene Geschichte, wenn man mit den Augen der Traditionellen Chinesischen Medizin hinschaut. Dr. med. Florian Ploberger, TCM-Arzt und Tibetologe, nimmt dich mit auf eine Reise durch diese feinen Unterschiede und zeigt dir, welche heimischen Kräuter dich dabei begleiten können.
Bleib auf dem Laufenden!
Wolf-Dieters Newsletter abonnieren
Geschichten, Neuigkeiten und Tipps von Wolf-Dieter Storl und der Storl Akademie