Haben Pflanzen eine Seele?
- 20. Mai 2026
Jeder Mensch ist ein Mikrokosmos. In seinem Leib befinden sich die Organzentren und das Nervensystem, die sein Leben steuern und führen. Wir haben das Gefühl, dass dasjenige, was wir unsere Individualität, unser Selbst oder unsere Seele nennen, in uns, in unserem Körper seinen Sitz hat.
Zwischen Erde und Sternenhimmel
Pflanzen dagegen sind viel unmittelbarer mit dem äußeren Makrokosmos, mit der umgebenden Natur, mit Wind und Wetter, mit dem Sternenhimmel und dem Erdboden verbunden. Sie haben keine inneren Organe, kein Innenleben. Ihr „Selbst“ verliert sich irgendwo in der Peripherie. Es ist die Sonne, der Mond, der Wechsel von Tag und Nacht und der Jahreszeit, die den Pflanzen ihren Pulsschlag und Lebensrhythmus geben.
Die Sonne ist das von außen her pulsierende, gemeinsame Herz der Vegetation. Die Planeten geben der Pflanze andere Impulse und wirken ebenfalls von außen her auf sie ein, ähnlich wie die Organe im tierischen Organismus von innen her wirken. Das immer wachsende Wurzelwerk, die Abermilliarden absterbenden und nachwachsenden, mit Pilzflächen verquickten Wurzelhärchen, tasten sich wie Sinnesorgane durch Humus- und Erdboden und nehmen ständig Informationen, Mineralien, Wasser sowie Botschaften von anderen Lebewesen auf. Der Erdboden und das Netz von Pilzfäden sind somit sozusagen das steuernde Hirn der Pflanzen. Das flache grüne Blattwerk ist zugleich Auge und Lunge.
Wir sehen also, dass die Pflanze schon auf der Erfahrungsebene ein ganz offenes, nach außen gerichtetes, makrokosmisches Wesen ist. So auch auf der geistig-seelischen Ebene: Vergebens sucht man die Pflanzenseele im Inneren ihres stofflichen Leibes. Keine inneren Nerven, Hirne oder andere Organe sind vorhanden, welche die Träger eines Geistes oder einer Seele sein könnten. Und dennoch verhalten sich die Pflanzen äußerst intelligent: Sie kommunizieren mit beseelten Wesen über Düfte und Botenstoffe, und manchmal auch durch ihre Schönheit.
Viele suchen die Pflanzenseele im Inneren. Doch sie entfaltet sich zwischen Himmel und Erde.
Wo lässt sich nun der Pflanzen Geist oder Seele lokalisieren?
Der Philosoph und Anthropologe Max Scheler (1874-1928) spricht von der „ekstatischen“ Natur der Pflanze (Scheler, Max; Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1928). Ekstase, aus dem griechischen ekstasis, bedeutet „entrückt“, „außer sich geraten“, „heraustreten“. Pflanzen gleichen dem komatösen Patienten und dem schwer Verunglückten oder Sterbenden, der seinen Körper von außen her wahrnimmt.
Beim Menschen ist dieser Zustand des sich außerhalb Befindens eine höchst seltene und bedrohliche Ausnahme, bei den Pflanzen dagegen ist es der normale Zustand. Daher kann man sagen: Pflanzen haben zwar Geist und Seele, aber diese sind nicht innerhalb ihrer Körperlichkeit inkarniert. Ihre Seelen umweben ihre Leiber und wohnen extern, in der sie umgebenden Natur, im Wind, im Wetter, in den Wolken, im Tanz der Wandelsterne.
Ihr Geist, ihr „Ich“ ist, wie es die Weisen sagen, noch weiter draußen. Von den sieben Sternen des Großen Wagens (Arktos major) , wo die sieben Rishis wachen, von dort oben, nahe des Nordsterns, schauen sie herab, die Wachen, die Wachsenden (Calasso, Roberto, Ka. London: Vintage. 2001; S. 163). So heißt es in der vedischen Überlieferung.
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In den Fixsternen, im Tierkreis befinden sich die Archetypen, die geistigen Urbilder der Pflanzen. Von dort, am Rand der phänomenalen Welt, strahlen sie nach unten und projizieren ihre schönen Gestalten auf die Erde – so berichten es die alten Überlieferungen des Westens, so heißt es noch immer in der Weltanschauung eines Rudolf Steiner.
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