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Zunderschwamm und Kohle

Esoteriker und »New Ager« verwenden für ihre Räucherungen gerne die in Alufolie eingepackten, leicht entzündbaren, runden Holzkohleplättchen, wenn sie mit irgendwelchen exotischen Düften die Atmosphäre zu reinigen oder das Göttliche zu verehren gedenken. Da diese Holzkohle oftmals aus den ärmsten Ländern kommt, wo die Frauen oft schon Kilometer für ihr Herdholz laufen müssen, nehme ich lieber den einheimischen Zunderschwamm (Fomes fomentarius), um die Kräuter zum Glimmen zu bringen – das heißt, wenn nicht gerade glühende Holzkohle vom Lagerfeuer oder vom häuslichen Herd vorhanden ist.

Korkig-holziger Schichtporling

Der Zunderschwamm ist ein korkig-holziger Schichtporling, der vor allem auf altersschwachen Buchen schmarotzt. Er soll auch gelegentlich auf Birken vorkommen, aber da habe ich ihn noch nie gesehen. Der echte Zunderschwamm ist ebenso elefantengrau wie die Buchenrinde; er hat einen Durchmesser von bis zu 50 Zentimeter und ist fast so hoch wie er dick und breit ist. Man kann ihn eigentlich nicht mit anderen Schichtporlingen verwechseln. Der rotrandige Baumschwamm (Fomes pinicola), der hauptsächlich auf Fichten wächst, ist zwar grau, hat aber einen roten Rand; auch riecht er viel säuerlicher.

Der Zunderschwamm fühlt sich auf Laubbäumen wohl.

Zunder – von derselben sprachlichen Wurzel wie »zünden« – wurde bereits in der Steinzeit zum Feuerentfachen genutzt. Zunder wird wie folgt hergestellt: Der Schwamm wird in Wasser, noch besser in Urin, für einige Tage eingeweicht. Das macht ihn weich genug, so dass es nicht schwierig ist, die harte Huthaut und die Röhrenschicht mit einem scharfen Messer zu entfernen. Genutzt wird nämlich die weiche Innenmasse (Trama). Diese wird nach dem Herausschälen ordentlich getrocknet und durch Klopfen weich gemacht. Der fertige Zunder fühlt sich etwa wie Wildleder an und sieht auch dementsprechend aus.

Wolf-Dieter Storl Ritual

Um die Kräuter zum Glimmen zu bringen eignet sich der Zunderschwamm.

Steinzeitliches Feuerzeug

Das steinzeitliche Feuerzeug bestand aus einem Beutel mit trockenem Zunderpilz, einem Stück Feuerstein und einem Stück Pyrit (Eisenstein). Wenn der Funke, der dem Zusammenschlagen des Pyrits und des Feuersteins entspringt, auf den trockenen Pilz fällt, fängt er gleich an zu glimmen. Mit Pusten und Blasen bringt man ihn schnell zum Glühen. »Ötzi«, der jungsteinzeitliche Bergwanderer, der vor einigen Jahren im Ötztal aus einem Gletscher herausgetaut war, trug bei seinen Wanderungen über die Alpen auch Reste eines Zunderschwamms und einen Pyritstein mit in seinem Beutel. 

Auch ein Birkenporling (Polyphorus betulinus), aufgefädelt auf einen Lederstreifen, wurde bei ihm gefunden. Der Birkenporling ist als Zunder wenig brauchbar – eignet sich auch nicht, wie einige Psychedeliker vermuteten, um auf »Trip« zu gehen –, sondern stellt eine Art steinzeitliche Notfallapotheke dar, da er auf frischen Wunden blutstillend und antiseptisch wirkt. Wie die Kelten benutzten die späteren Europäer den Zunderschwamm, um Feuer zu machen, wenigstens bis zur Erfindung der Streichhölzer um 1850 in Paris. Um die Zündfähigkeit zu erhöhen, wurde der Zunder noch in Salpeter getränkt. Das ist für die Puja aber weniger interessant, da der Schwamm nicht in Feuer auflodern, sondern einfach glimmen soll, sonst würden die Räucherkräuter ja lichterloh verbrennen. 

Textauszug aus Naturrituale

In dem Buch, Naturrituale, erläutere ich die Struktur der Naturrituale,  schamanische Techniken und Rituale, deren Wurzeln in die Steinzeit zurückreichen, können auch dem modernen Menschen Wege zur geistigen Dimension eröffnen. Anhand zahlreicher Beispiele aus Amerika, Asien, Australien und Afrika.

Naturrituale 3D Cover

Wie ich den Zunderschwamm vorbereite

Lange habe ich mit der Räucherkohleherstellung aus dem Baumschwamm experimentiert. Inzwischen habe ich mit dem umständlichen einweichen und dem schwierigen Abschälen der Hutrinde und Röhrenschicht aufgehört.

Ich lasse die Schwämme gut trocknen und zersäge sie senkrecht in Scheiben von etwa 1 bis 2 cm Dicke. Wenn sie so schmal sind, lässt sich die harte Hutschale leicht abmachen. Sogar die Röhrenschicht lasse ich, denn auch sie glimmt, wenn auch nicht so gut wie das Trama.

Eine wichtige Anmerkung zum Schluss:
Der Zunderschwamm steht mittlerweile in einigen Bundesländern in Deutschland unter Naturschutz.

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