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Narada bring mir das Wasser

Zum Thema Schicksal habe ich eine indische Geschichte gefunden, die mich sehr berührt hat und die ich gerne erzählen würde. Sie heißt „Narada bring mir Wasser“.

Narada bring mir Wasser

Schon in frühster Jugend zog es Narada zu den wandernden Mönchen und Asketen. Bald lebte er als Sadhu, als Gottessucher, der den trügerischen Freuden der Welt entsagte und sich auf den Weg zum göttlichen Urquell machte. Streng waren die Bußübungen und hart die Entbehrungen, die der junge Mann auf sich nahm. Im Winter saß er in eiskalten Gebirgsströmen und im Sommer zwischen vier heiß brennenden Feuern. Er wurde dürr und zäh. Seine Haut rieb er mit Asche ein, seine Haare wurden wirr verfilzt und seine Kleidung bestand nunmehr aus den vier Winden. So wanderte er kreuz und quer durch das Land, von den hohen Eisgipfeln im Norden bis zu den dampfenden Urwäldern am Südrand der Erde.

Eines Tages setzte er sich an das Lagerfeuer eines anderen hageren Asketen namens Mahadev-Baba und erkannte in ihm, denjenigen, den er so lange gesucht hatte. Es war Shiva selber in Menschengestalt, der ihm da gegenübersaß und ihn mit einem rätselhaften Lächeln begrüßte. Von da an blieb Narada in der Einsiedelei des gottverwirklichten Asketen, begleitete ihn auf langen Wanderungen zu heiligen Pilgerorten und diente ihm so gut er konnte.

Wüste

Monate lang wanderten Narada und Mahadev-Baba durch die Wüste

Viele Monate waren vergangen. Sie befanden sich auf Wanderschaft in einer ausgetrockneten, staubigen Landschaft, wo die Luft flimmerte und unerreichbare Fata Morganas hervorzauberte. Es war kurz vor der Regenzeit. Die Bäche waren knochentrocken, das Gras verdorrt, die Rinder schmachteten und dürsteten, ja selbst die Fliegen und Mücken waren verschwunden – so heiß war es. In der Mittagsglut ruhten sie im Schatten eines einsamen Baumes. Narada schaute seinen göttlichen Freund an und fasste den Mut, einen Wunsch, der in ihm brannte, zu äußern:

 

„Mahadev-Baba, wer kennt schon die Wirklichkeit! In den Jahren meiner Suche habe ich erkannt, dass wir ständig getäuscht werden, wir halten Vergängliches für ewig und das Unwirkliche für Wirklichkeit. Die ganze wandelbare, launenhafte, verführerische Welt beruht auf Illusion, auf Täuschung, auf Maya. Es ist deine Maya, deine weibliche Zauberkraft, Shiva. Die betörende, verzaubernde Göttin, die, ihre unendlich vielen Schleier spielerisch bewegend, die Erscheinungen herbeitanzt und wieder verschwinden lässt. Untrennbar ist sie mit dir verbunden, so wie die Hitze mit dem Feuer. Gib mir, ich bitte dich, die Kraft diesen Schein zu durchbrechen. Lass mich den Tanz der Maya verstehen!“

Das willst du gar nicht verstehen, mein Kind,“ antwortete der Baba, „Maya ist unendlich viel schrecklicher und unendlich viel schöner als du es erfassen kannst. Allein der Allumfassende selber kann die Schleier der Illusion durchschauen und sich zugleich an ihrem Tanz ergötzen. Sei zufrieden, tue Gutes, diene dem Göttlichen. Was willst du mehr?“

„Wer Gutes tut, den erwartet das himmlische Paradies,“ erwiderte Narada, nicht lockerlassend, „aber ich möchte zum Kern durchdringen. Zeige mir, Meister, deine Maya!“

Der Baba lächelte und wechselte das Thema. „Es ist so unglaublich heiß und ich habe Durst. Da unten im Tal, siehst du, da ist ein Dorf. Könntest du, lieber Freund, einen Krug Wasser holen. Ich warte hier derweil unter dem Baum bis du wiederkommst.“

Unter dem Baum wartete Baba auf Narada

Narada machte sich auf und lenkte seine Schritte durch den flimmernden Dunst in Richtung des Weilers. An einem Brunnen neben den strohbedeckten Lehmhäusern traf er auf eine junge Frau, die gerade Wasser schöpfte. Ihre Augen waren sanft und gütig, sie erinnerten ihn an die Augen seines Meisters. Sie lächelte ihn freundlich an und er half ihr einen zweiten Wasserkrug ins nahe gelegene Haus tragen. Die Hausbewohner, Mutter, Vater und Geschwister der jungen Frau, hießen ihn ehrfürchtig willkommen und sagten, es sei eine Ehre, dass ein weiser Wandermönch, ihr bescheidenes Zuhause besuche. Bald plauderten sie ungezwungen, lachten, scherzten und tranken einen süßen Tee. 

Im Stall muhten die Kühe, eine Kinderschar spielte auf dem sauber geputzten Lehmboden, Hühner gackerten und kratzten draußen im Gebüsch. Narada fühlte sich geborgen, ja glücklich. Lange hatte er der menschlichen Wärme entbehrt. Die bloße Gegenwart der jungen Frau stimmte ihn fröhlich. Er bemerkte, wie sich ihr bunter Sari an ihren schlanken Leib und breiten Hüften schmiegte und wie wohl geformt ihre Brüste waren. Lange hatte er den Anblick des weiblichen Geschlechts gemieden.

Kuh

Narada wurde Teil des Dorfes und kümmerte sich um die Tiere auf dem Hof

So wurde Narada Teil der Bauernsippe. Er säte und erntete Getreide, züchtete Vieh, pflügte den lehmigen Boden mit dem Pflugochsengespann, und feierte die ländlichen Jahreszeitfeste. Mehr als alles andere war seine Frau die größte Freude seines Lebens. Drei gesunde hübsche Kinder hatte sie ihm geboren. Und als ihr Vater starb, wurde er Familienhaupt. Da er klug und fleißig war, genoss er Ansehen in der Gemeinde und saß bald mit den anderen Verantwortungsträgern im Dorfrat unter dem alten Feigenbaum in der Dorfmitte. An sein früheres Leben als Bettelmönch dachte er kaum mehr. An seinen Guru, den Baba, dachte er gelegentlich, wenn er am Morgen wie am Abend das Bild Shivas mit Blumen schmückte, Räucherstäbchen und ein Öllämpchen anzündete, und mit der Familie einige heilige Mantras sang. So vergingen die Jahre.

Zwölf Jahre waren schon vergangen. Wieder kam der Monsun. Dunkle Regenwolken türmten sich auf wie ein Himalaja Gebirge, Blitze zuckten und Wolkenbrüche fegten über das sofort ergrünende, zu neuem Leben erweckte Land. Wie jedes Jahr stiegen die Bäche und Flüsse, aber diesmal wollte der Regen nicht aufhören. Das Wasser stieg und stieg. So kam es, dass mitten in einer pechschwarzen Nacht eine Flutwelle ins Dorf rollte. Lehmwände stürzten ein, Hütten wurden fortgerissen, und schreiende, verängstigte Menschen und Tiere versuchten im peitschenden Regen auf höheren Boden zu flüchten. Noch rechtzeitig, ehe das Dach einstürzte, packte Narada seine zwei älteren Kinder an der Hand, das Jüngste hob er auf die Schulter, derweil sich seine Frau an seinen Arm klammerte. So versuchten sie sich in Sicherheit zu bringen. Es war jedoch fast unmöglich vorwärtszukommen. Der sich schnell bewegende, wirbelnde, quirlende Malstrom reichte schon bis fast an die Hüften.

Der Monsun traf das kleine Dorf, in dem Narada wohnt

monsun

Der schlammige Boden war glitschig. Er stolperte. Das jüngste Kind fiel kopfüber in die tosende Flut. Reflexartig ließ er die beiden anderen Kinder los, um es zu greifen, aber zu spät. Die beiden älteren wurden sofort vom Wasser erfasst, fortgerissen und von der tosenden Dunkelheit verschluckt. Kaum merkte er, dass auch seine Frau von seiner Seite weggerissen wurde, da verlor auch er seinen Halt. Der Sturzbach zog ihm die Füße weg, riss ihn fort und schleuderte ihn gegen einen Felsen. Sein Kopf prallte auf und die Sinne schwanden ihm. Als er wieder zu Bewusstsein kam, sah er um sich umher, eine endlose weite Fläche, bedeckt von schmutzigem Wasser und Schlamm. Hier und da, halb vom Schlamm bedeckt, lag eine ertrunkene Kuh, ein Hund oder auch ein Mensch.

Narada schluchzte und begann bitterlich zu weinen. Plötzlich hörte er eine ihm vertraute Stimme: „Kind! Was weinst du? Wo ist das Wasser, das du mir bringen wolltest. Ich warte schon fast eine halbe Stunde!“

Als er erschrocken aufblickte, blieb sein Herz fast stehen. Was da eben Matsch, Wasser und Verwüstung war, verwandelte sich vor seinen Augen in eine heiße ausgetrocknete Wüstenlandschaft. Da, im gleißenden Sonnenlicht, stand sein Freund, der Sadhu Mahadev-Baba neben ihm. Ein seltsames, bittersüßes, leicht grausames Lächeln flog über dessen Lippen: „Begreifst du jetzt das Geheimnis meiner Maya?  

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Diskussion

  1. Wolf Dieter Storl nannte es eine Geschichte über das Schicksal. Darauf betrachtet sehe ich es so: Ein Mann dachte sein Schicksal ist es erleuchtet zu werden und nach dem Leben das Paradies zu finden. Aber als er eine Frau und eine liebende Familie fand, vergaß er sogar seinem „Gott“ das erbetene Wasser zu bringen und wandte sich voller Freude dem irdischen zu. Er vergoss keine Träne über die Aufgabe seines Mönchsdaseins. Aber als ihm als irdische entrissen wurde, kannte seine Trauer kein Ende. – sein Lehrer kam und riss ihn in die Realität seines jetzigen Daseins zurück. Er, der Mönch hatte durch durch die Gnade Shivas seine wahre Natur erkennen können. Seinen tiefsten verborgenen Wunsch, der weit fern seiner gelebten und erträumten Realität lag.

  2. Diese Geschichte ist für mich ganz offenbarend und selbsterklärend. Wir leben in dem Nebel der Illusion, dessen was wahr sei. Aus Gnade hat Shiva seinen Begleiter spüren lassen, was Illusion und was Anhaftung an Irdisches bedeutet. Narada hat es nicht verstanden … so wie Shiva vorhersagte. Menschen sagen, sie wollen Erleuchtung, aber die meisten können dann nicht damit leben. Shiva ist der Gott der Zerstörung. Narada musste alles verlieren – auch seine Illusion der Geborgenheit. Nur so kann Neues entstehen.

  3. Seit meiner Jugend lese ich die Bücher von Wolf-Dieter und er hat mir sehr viel Wertvolles mitgegeben. Umso schlimmer finde ich, dass er diese Geschichte von Narada gut zu finden scheint. Weil ich sie schrecklich finde.
    Was soll denn da die Aussage sein, wo soll da die Weisheit liegen?

    Der “Allumfassende” tanzt da also mit seiner Maya und ist nach seiner eigenen Aussage der einzige der das verstehen und genießen kann. All die fühlenden Wesen sind einfach blind in die Welt geworfen, so dass sie auf die Täuschungen des höchsten >GottesGott< eine Täuschung, die sich für ihn wie ein ganzes Leben anfühlt, er durchlebt das alles, er fühlt, er liebt. Dann nimmt er ihm alles wieder auf schreckliche Weise und hat nicht einmal Verständnis für das Leid seines "Dieners", sondern interessiert sich nur dafür, dass der brav seine Befehle befolgt. Was soll das für ein Gott sein? Liebe zur Schöpfung, Väterlichkeit, Güte oder Gerechtigkeit sehe ich in dieser Geschichte nicht im Ansatz.

    Auch scheinen mir die Schlußfolgerungen, die diese Geschichte nahelegen, nicht besonders sinnvoll zu sein. Lebenslange Entbehrungen, ein absichtliches Schlechtbehandeln des Körpers, ein Arbeiten gegen die natürlichen körperlichen Impulse soll also besser sein, als ein Leben voller Liebe, in dem man sich gut und in Dankbarkeit um alles kümmert, was einem gegeben wurde? Es soll besser sein, den Leib zu quälen, als ihn gut zu behandeln, weil er ja nur zur "Täuschung" der Welt gehört? Menschen zu lieben und eine Familie zu gründen soll wertlos sein, weil ohnehin alles vergänglich ist? Also ich denke, selbst wenn hier alles vergänglich ist, ist es besser, wenn man ein gutes Leben hatte, als wenn man nur gequält wird. Man stirbt irgendwann, auch die Liebsten sterben irgendwann, alles verändert sich, ja. Aber das gilt ja auch für den Asketen. Mag sein, dass letzterem der Abschied leichter fällt, er hat sich nicht gebunden, er hat nicht viel zu verlieren. Deswegen aber sein ganzes Leben freiwillig in Leid und Elend zu verbringen, gleicht dem Konzept, sich nicht mehr verlieben zu wollen und keine Beziehungen einzugehen, weil die Trennung am Ende so weh tut. Es zählt aber eben nicht nur das Ende, sondern auch die vielen Jahre vorher.

    Narada scheint ja auf eine Belohnung nach dem Leben zu hoffen, spricht in der Geschichte sogar von einem "himmlischen Paradies".
    Da geht der "Baba" aber gar nicht drauf ein, sondern wechselt lieber schnell das Thema…

    • Im Kommentar unten fehlen einige Zeilen. Eigentlich hatte ich im zweiten Absatz geschrieben:

      Der “Allumfassende” tanzt da also mit seiner Maya und ist nach seiner eigenen Aussage der einzige der das verstehen und genießen kann. All die fühlenden Wesen sind einfach blind in die Welt geworfen, so dass sie auf die Täuschungen des höchsten >GottesHöchstengöttlicherGott< ihm alles wieder auf schreckliche Weise und hat nicht einmal Verständnis für das Leid seines "Dieners", sondern interessiert sich nur dafür, dass der brav seine Befehle befolgt. Was soll das für ein Gott sein? Liebe zur Schöpfung, Väterlichkeit, Güte oder Gerechtigkeit sehe ich in dieser Geschichte nicht im Ansatz.

      • Es hat schon wieder nicht geklappt… es werden beim Senden automatisch Sätze gestrichen… ärgerlich, entschuldigt bitte.

        Also einmal versuche ichs noch mit dem zweiten Absatz:

        Der “Allumfassende” tanzt da also mit seiner Maya und ist nach seiner eigenen Aussage der einzige der das verstehen und genießen kann. All die fühlenden Wesen sind einfach blind in die Welt geworfen, so dass sie auf die Täuschungendes “höchsten Gottes ” hereinfallen. Die Menschen sollen dabei anscheinend am besten freiwillig auf alles Schöne und Angenehme verzichten.
        Genuß (der Genuß eines grausamen, kalten Voyeurs), scheint einzig für den “Allumfassenden” reserviert zu sein.
        Selbst ein Mensch wie Narada, der sich nach Kräften bemüht, den “Göttern” zu dienen, hat anscheinend nur die Wahl, sich entweder selbst lebenslang Leid aufzuerlegen, oder es am Ende willkürlich vom “höchsten Gott” serviert zu bekommen. Ohne Grund, ohne Sinn. Anscheinend soll man nicht einmal danach fragen. Als Narad nach dem Kern des Sache fragt, schickt ihn der “Höchste” in eine Täuschung, die sich für ihn wie ein ganzes Leben anfühlt, er durchlebt das alles, er fühlt, er liebt. Dann nimmt er ihm alles wieder auf schreckliche Weise und hat nicht einmal Verständnis für das Leid seines “Dieners”, sondern interessiert sich nur dafür, dass der brav seine Befehle befolgt. Was soll das für ein Gott sein? Liebe zur Schöpfung, Väterlichkeit, Güte oder Gerechtigkeit sehe ich in dieser Geschichte nicht im Ansatz.

  4. Dankeschön und ein gesegnetes pfingstfest mit herzlichen grüssen aus dem schönen schwarzwald! jutta pochert💚🐾


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Vortrag

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15. Dezember - 19:30 Uhr