Das Getreidefest

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Es war lange kalt und nass dieses Jahr. Endlich ist es sommerlich warm. Das wäre auch zu erwarten, denn nun bewegt sich die Sonne durch das Tierkreisbild Löwe: den Alten galt der Löwe als ein Feuerzeichen. In den lauen Nächten blinken nun die Glühwürmchen auf den Wiesen; die Blüten des rankenden Waldgeißblatts verströmen ihren betörenden Duft und in der Ferne flackert ein Wetterleuchten.

Täler grünen, Hügel schwellen, buschen sich zu Schattenruh, und in schwanken Silberwellen wogt die Saat der Ernte zu.

– Goethe

August der Erntemonat

Tagsüber ziehen dicke Quellwolken über den Himmel, Bremsen plagen das Weidevieh, bunte Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte und im Gebüsch und Gras zirpen Grillen und Heuschrecken. In dieser Zeit tut es gut, sich vom Bildschirm zu verabschieden und in diese Naturwunder einzutauchen.

 

Die kosmische Wärme nährt die allmählich reifenden Trauben, die Früchte und Samen. Die Indianer sagen, das Singen der Vögel und der auf- und abschwellende Gesang der Zikaden und anderer Insekten unterstützt den Reifeprozess. Inzwischen gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, die andeuten, dass da etwas dran sein könnte.

Erntemonat“, „Schnittmonat“ oder „Ernting“ nannten unsere Vorfahren den August, denn nun beginnt die Kornernte. Das Getreideerntefest, eines der ältesten bäuerlichen Feste, hat seinen Ursprung im Neolithikum. Die Feldfrüchte galten den ersten Bauern als Kinder der Mutter Erde. Die Erdgöttin trauert um sie. Sie war die ursprüngliche Mater dolorosa, die Schmerzensmutter, die versöhnt werden musste. Und – das glauben die Urgeschichtler zu wissen – manchmal war ein Menschenopfer notwendig, um das zu tun.

Das Getreideerntefest

Getreide

Lange noch, bis an dem Rande der Neuzeit, glaubte das Landvolk, dass ein Wachstumsgeist, ein „Fruchtbarkeitsdämon“, im Feld sein Wesen treibt. Es ist der „Kornwolf“, der Bullkater, der Korn-Bock, der Korn-Bär, der Korn-Eber, der im wogenden Getreidefeld seine Bahnen zieht. Oder es ist die Kornmutter, die manchmal als eine in Weiß gehüllte Frau erschien; es ist die „Alte“, die Baba der slawischen Völker. In England heißt die letzte Garbe »John Barleycorn«, in Schottland ist es die Cailleach, die »alte Frau«.

In vorchristlichen Zeiten gab es Korn-Priester – sie trugen weiße Gewänder und ihre Haare waren lang und verfilzt – deren Aufgabe es war, kurz vor der Ernte das Korn zu segnen, indem sie in den vier Ecken des Feldes einige Ährenhalme schnitten und grüne Zweige oder Arnika steckten. Das sollte verhindern, dass der Kornwolf das Feld verlässt. Bilwisse („diejenigen, die Wundersames wissen“) wurden diese Priester genannt. Später unter kirchlichem Einfluss wurden sie zu Getreideschädlingen erklärt, zu Dämonen, die nachts das Getreide schneiden und seltsame Muster darin hinterließen.

Klatschmohn

Klatschmohn (Papaver rhoeas)

 
 
 

Noch in historischen Zeiten, zogen die Männer mit Sensen mähend durch das reife Kornfeld; die Frauen folgten und banden die Garben. Der Wachstumsgeist floh vor den Schnittern. Zuletzt, in die Ecke getrieben, suchte er Zuflucht in der letzten Garbe. Diese wurde mit Blumen geschmückt – sonnengelbe Jakobskräuter, weiße Feldkamillen, rote Kornraden, blaue Kornblumen, roter Klatschmohn – und, unter Jubel, auf dem Erntewagen wie eine Gottheit in das Dorf gefahren. Dann wurde ausgiebig die Ernte gefeiert und Gott gedankt. Dieses Erntefest, das archaische, neolithische Züge trägt, wurde in ähnlicher Weise in ganz Europa gefeiert.

Die keltischen Götter

Für die Kelten war das Erntefest im August ein Fest des Feuers. Überall auf den Höhen loderten mächtige Feuer. Im Jahreskreis lag diese Feierlichkeit diametral dem Fest der Frühlingsgöttin Brigit gegenüber. Ihr Fest – die Christen wandelten es in Maria-Lichtmess um – war ein Fest des Wassers; Eis und Schnee schmelzen und die Samen keimen. In den heißen Augusttagen dagegen, verwandelte sich der schöne, junge Sonnengott Belenos (Bhel) in den feurigen, strahlenden Feuergott Lugus (Lugh), dem „Meister aller Künste“, dem „Löwe mit sicherer Hand“, der das Gewordene zum Verblühen, Versamen und zur Auflösung in eine geistige Dimension hinführt; er stellt das Prinzip der Vollendung und der Erfüllung des Schicksals dar. Lugus ist das Feuer, das den Stahl härtet, die Hitze, die dem Obst, den Beeren und Früchten Reife und Süße schenkt. Den Getreidekörnern nimmt er die Milchreife und verwandelt sie in feste, goldene Kerne. Das mondhafte, fleischige Grün der Kräuter macht er mit seinem Feuerhauch zu fein gefiederten, duftenden Gebilden; er reichert sie mit heilkräftigen, ätherischen und fettigen Ölen, Balsamen und Harzen an. Er ist auch der Terminator, der korrupten Herrschern und Lügenmeistern ihren verdienten Tod bringt. Dieses Augustfeuer ist seine Hochzeit mit Annona (Rosmerta), der Matrone mit dem Füllhorn, der Kornmutter, der Ernährerin der Welt.

Lugus‘ Entsprechung bei den Nordgermanen ist Loki, der Feuergott, in dem die christlichen Missionare den Teufel sahen. Auch er ist ein Erntegott. In der nordischen Sage heißt es, dass er mit seiner Sichel die goldenen Haare der Sif, der Göttin des Kornfeldes und Frau des Gewittergottes Thor, abschnitt. Der mächtige Thor wollte ihm dafür alle Knochen brechen, aber Loki versprach, dass er ihr Haar (das Getreidefeld) im nächsten Jahr wieder zum Wachsen bringen würde.

Literaturtipp "Die Pflanzen der Kelten"

 Das Buch “Die Pflanzen der Kelten” führt uns zu einer Heilkunde, in der es nicht um Wirkstoffe geht, sondern um die Zauberkraft und Magie der Pflanzen. Ich stelle die wichtigsten Heil- und Zauberpflanzen und die Bäume der Kelten in ihrem jahreszeitlichen und kulturellen Kontext, in der Heilkunde und in der Magie vor und beschreibe die Bedeutung des keltischen Jahreskreises und Baumkalenders.

Pflanzen der Kelten

Loaf-Mass oder Lammas

Die Angelsachsen bezeichneten das Fest als Loaf-Mass (oder Lammas), die Messe oder Feier des ersten Brotlaibs. Es war Brauch, dass die Lady des Hauses (das englische Wort Lady kommt von angelsächsischen hlofdige = Brotteigkneterin) aus den Körnern der ersten, mit der Hand gezupften Garbe ein Brot bäckt und segnen lässt. Da das Korngetreide die Grundlage des Lebens ist, war das eine wichtige kultische Handlung.

Für Menschen, die in einer entzauberten digitalen Welt leben, sind das nur alte erfundene Geschichten. Doch die Natur lässt sich nicht nur mit Ziffern, Diagrammen, Statistiken und dergleichen beschreiben, sondern auch in Bildern. Heidnischen, wie auch christlichen. Diese sprechen nicht nur das Hirn an, sondern unsere Seele. Die wahren, bildhaften Imaginationen nähren die Seele. Das wusste schon der inspirierte junge Dichter Novalis:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen oder küssen
Mehr als die Tiefgelehrten wissen
Wenn sich die Welt ins freie Leben,
Und in die „freie“ Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die „alten“ wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

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Diskussion

  1. Ich danke Ihnen auf das Herzlichste für das Lebendighalten der guten Brauchtümer, Geschichten und Weisheiten. Von Herzen alles erdenklich Liebe. Ich freue mich auf die kommenden Beiträge.

  2. Wäre schön zu erwähnen, dass viele matriarchale Forscherinnen der Ansicht sind, dass die Reste von Mensesblut als Menschenopferbeweise umgedeutet wurden. Interessanterweise hat sich niemand wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Mensblut ist das ultimative Symbol für Fruchtbarkeit bei Frauen. Liegt also nahe! Es lohnt sich, zusätzlich zu dem wunderbaren Herrn Storl, auch bei Doris Wolf (Vorsicht, es gibt zwei Autorinnen mit diesem Namen) nachzulesen, vor allem was die Steinzeitlichen Kulturen angeht! https://www.doriswolf.com/wp/geheimnisvolle-steinzeit/neu-die-gebar-und-menstruations-hohlen-von-kom-el-ahmar/

  3. Wunderschön, danke für die Erinnerung!

  4. Danke.
    Ganz einfach nur: DANKE !!!!!

  5. Danke für dieses schöne Gedicht!

  6. Schöne Bilder,die mich erinnern an einen Bauern auf unserer Straße.Seine 5 Kinder,eine davon meine Freundin,halfen bei der Getreideernte.Garben wurden aufgestellt.Wir Kinder spielten Verstecke in ihnen.Viele Helfer waren nötig,um das Getreide zu dreschen.Im Bikini wendeten in der Mittagszeit die Töchter das Heu nach der Schule.Schöne alte Zeit auf dem duftenden Heuboden,im Kuhstall,wo zig Schwalben nisteten….


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