Alles kriegen wir mit
- 24. November 2023
Vor vielen Jahren, als ich noch bio-dynamischer Gärtner war, fiel mir das Buch, Der Mann der Bäume pflanzte, von dem französischen Schriftsteller Jean Giono, in die Hände. Darin wird von einem Schäfer aus der Provence, namens Elzéard Bouffier, erzählt, der immer Eicheln in der Tasche mit sich trug und diese, bei seinen Wanderungen mit seinem Hirtenstab in die Erde drückte. Während vier Jahrzehnte tat er das.
In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen stehe.
– Johann Wolfgang von Goethe
Das Leben wächst
Viele keimten und langsam entwickelte sich ein junger Wald in der ehemals öden Landschaft. Da seine Schafe gerne die jungen Bäumchen abknapperten, gab er die Schäferei schließlich auf und wurde Imker. Die Bäume wuchsen, der karstige, ausgepowerte Landstrich wurde allmählich wieder grün, andere Pflanzen siedelten sich an, die ausgetrockneten Quellen begannen wieder zu fließen und schließlich kehrten immer mehr Menschen zu den vor langer Zeit verlassenen Dörfern zurück.
Während Elzéard mit seinen Schafen durch die öde Landschaft der Provence zog, wütete anderswo im Land der Erste Weltkrieg. Da er keine Zeitung las und wenig Kontakt zu anderen Menschen hatte, bekam er das Kriegswüten jedoch gar nicht mit.
Das Buch war eine Inspiration für mich. Auch ich hörte auf Zeitungen zu lesen oder mich um das Weltgeschehen zu kümmern. Viele, die das Buch lasen glaubten, wie ich, den Schäfer hätte es wirklich gegeben. Aber die Geschichte war lediglich eine schöngeistige Erfindung des Autors.
Die magische Welt der Natur
Mein Gärtnermeister, der Manfred Stauffer, schaute ebenfalls weder Fernsehen, noch hörte er Radio und er las keine Zeitung. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass er alles, was in der Welt geschah, mitbekam. Wie konnte das sein? War es, dass sein Geist nicht zugemüllt war und beim Gärtnern, was durchaus eine meditative Arbeit ist, seine Sinne offen waren? Konnte er lesen, was aus den Augen, „den Fenstern der Seele“, der Menschen strömte, denen er begegnete?
Auf dem Einödhof ist es meist ruhig
Das Leben auf dem Einödhof
Inzwischen leben wir, abgelegen auf einem Einödhof auf einer Allgäuer Bergeshöhe. Hirsche, Gämsen, einige schlaue Füchse, die unsere Erdbeeren stehlen, auch Dachse und Rehe sind unsere Nachbarn. Im Sommer kommen zwar Holzlaster vorbei, sowie viele Mountainbiker und Wanderer, dann sind auch noch die Jungtiere, die sogenannten Schumpen, auf den Weiden, aber im Winter ist es still. Schnee und Eis halten die meisten Besucher ab.
Literaturtipp Der Kosmos im Garten
Wer seinen Garten versteht, die höhere Ordnung darin begreift, der wird sowohl Erfüllung darin finden als auch mehr ernten können. Wie das geht, zeigt ich euch in der Neuauflage meines Klassikers über den Mikrokosmos Garten.
Erstaunlicherweise bekommt man, trotz all dem, mit, was in der Welt so läuft. Man spürt es in der Atmosphäre. Man spürt, wenn in einem Nachbartal, auch wenn man es nicht sehen kann, Bäume gefällt werde. Man spürt, wenn es Sonntag ist oder wenn ein Feiertag, etwa Ostern oder Allerheiligen, im Land gefeiert werden. Da ist die Atmosphäre entspannt. Auch wenn ein Fußballspiel gewonnen wird, etwa die Europa- oder Weltmeisterschaft, da muss man nicht dabei sein, da kriegt man die geballte Spannung irgendwie mit. Ebenso, die Angst und die Unsicherheit, die die Pandemie mit sich brachte.
Egal wo wir sind, wir sind Teil von Bewusstseinsfeldern. Wir können uns nicht abschotten – es sei denn wir versuchen es mit sinnloser Unterhaltung, Alkohol oder Drogen. Aber das wirkt verheerend auf die Seele. Es ist immer gut, in der Natur Rückhalt zu finden, am Meer, in den Bergen, in der Heide oder im Wald. Das hält uns, egal was der Zeitgeist fordert, gesund und in unserem Selbst verwurzelt.
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