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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Ein Ethnobotanisches Institut entsteht und andere Neuigkeiten
Bin in letzter Zeit weit gefahren, viel gereist. Fast zu viel. Aber so scheint es jenen zu gehen, die – ob sie wollen oder nicht –  vom Wind des wandernden Gottes ergriffen werden.

Wie immer fing es im Mai an, jener Zeit, in der für die Kelten die helle Jahreshälfte anfing. Mitte April entledigte sich der Garten seiner weißen Decke. Es war ein langer und sehr kalter Winter gewesen. Sobald die Schneedecke weg ist, kommt hier im Allgäu das Grün zum Vorschein und wächst explosionsartig. Da heißt es, sofort umgraben, mit reifen Kompost düngen, Beete ausmessen, Saaten säen, Erdäpfel setzen, Setzlinge pflanzen. Wie jedes Jahr, verlassen die Gartenzwerge am Maifeiertag ihr Winterquartier am dem warmen Herd und fangen an zu werkeln. Ohne ihre Hilfe wäre die Gartenarbeit nur Mühe und der Garten würde nicht so schön leuchten.
Alles sei getan zur richtigen Zeit! Im Einklang mit Himmel und Erde. Pflanzt oder sät man zu früh, dann stockt das Wachstum der Pflänzchen, dann zögern sie, dann hocken sie da und senden Hilferufe aus: Mehltau und Schnecken erbarmen sich ihrer und erlösen sie aus ihrer unglücklichen Existenz. Sät man dagegen zu spät, dann wird es ihnen zu heiß oder sie haben nicht genügend Zeit um sich zu entwickeln. Gärtner, die die kosmischen Rhythmen nicht kennen, arbeiten oft gegen sich selber – sie machen sich unnötige Arbeit.
Kurz nach dem die Eisheiligen vorbeigezogen waren, da ging es auf Pflanzenwanderung (mit der Naturheilschule Achillea) in die Nähe von Einsiedeln in der Schweiz. Von wegen Wonnemonat Mai! Die letzte der Eisheiligen, die kalte Sophie, deren offizieller Tag der 15. Mai ist, ließ sich Zeit. Noch lange hing sie herum. Unsere Gruppe von Kräuterbegeisterten wanderte im strömenden kalten Regen hinab zur Teufelsbrücke, wo sich das Geburtshaus des großen Paracelsus befindet. Der Regen verwandelte sich in Hagel, die Strasse war mit kleinen kugeligen weißen Hagelkörnern vollkommen bedeckt.

„Wohin, sagtest du, gehen wir? Zum Samuel Hahnemann-Haus?“ fragte mich eine Teilnehmerin.
„Nein,“ korrigierte ich sie, „ zum Geburtshaus des Paracelsus.“
„Ach so, ich dachte nur wegen der vielen Globuli, die hier herumliegen,“ gab sie verschmitzt zur Antwort.

Ende des Monats – noch immer war es kalt und regnerisch –, da fuhr ich nach Lassan in Vorpommern. Ein zauberhaftes, verschlafenes Städtchen, am Ende der Welt, am Peenestrom nahe der Ostsee. Der Touristenstrom der jedes Jahr Rügen oder Usedom befällt, lässt den „Lassaner Winkel“ meist unbeachtet. So blieb ein wunderschönes Rückzugsgebiet erhalten, mit viel ursprünglicher Natur, einer einmaligen Vogel- und Wasserwelt, Hünengräber aus der Megalithzeit und einem unendlich weiten Himmel – ein idealer Ort für freie Geister, Künstler, Kunsthandwerker, Musiker, Biogärtner und Kräuterliebhaber. Ein Mittelpunkt ist die Ackerbürgerei Lassan, wo man gut essen und übernachten kann (www.ackerbuergerei.de). Da fand mein Kräuterkurs statt. Ganz nahe befindet sich in Klein Jasedow die Europäische Akademie der Heilenden Künste (www.eaha.org) und der Drachenverlag. Dann gibt es noch den ganz tollen Duft- und Tastgarten in Papendorf ( www.kraeutergarten-pommerland.de) und andere biologische Gärten.
Auf meiner Kräuterwanderung hatte ich das Glück  Simone und Dr. Hagen Gottschling zu begegnen. Die beiden Ethnobotaniker, die einst im Tianschan-Gebirge in Kirgisistan die Pflanzenwelt erforschten, halfen mir die seltenen Pflanzen Vorpommerns zu bestimmen.  Auch schenkten sie mir, aus ihrem Versandkräutergarten (www.kraeutergarten-gottschling.de), eine Tomate, die an kaltes Wetter angepasst ist und keine Geiltriebentfernung nötig hat. Ich bin ganz begeistert von der Pflanze und hab Zuversicht, auf diesem kalten Berg nun endlich mal Tomaten ernten zu können.

Es folgten weitere Kräutertage und Pflanzenwanderungen, unter anderem im Stübener Kräutergarten in der Nähe von Dornbirn wo Michael Hinterauer interessante Naturprodukte, Seifen usw. aus Pflanzen herstellt. (www.hinterauer.info)

Noch eine Reise, ein zehntägige Tour kreuz und quer durch Österreich will ich hier erwähnen. Die Vortrags- und Seminartour wurde von Thomas Rolin vom ThoR-Zentrum organisiert. Die Reise führte zu Feigenanbauern bei Wien, zu Biogärtner und Biobauern in der Nähe der schönen Barockstadt Schärding am Inn, zu der Hautevolee am Wörtersee, in das einzigartige Wilderermuseum (gegründet von meinem Freund, dem wilden Kultursoziologen Roland Girtler) in St. Pankraz im Naturpark der Kalkalpen und viele andere Orte, die ich leider nicht alle hier auflisten kann. Wir übernachteten in Pensionen, auf einem Bergbauernhof,  in einem schicken Wellness-Hotel und in einem Zimmer in einem erdrückend mächtigen Benediktinerkloster in Kärnten.
Graz, mit seiner einmaligen Altstadt war der letzte Aufenthaltsort. Da gibt es ein Amt für Stoffflussverfahren. Was soll das denn sein? – fragte ich Thomas. Nun ja, das sei der österreichische Ausdruck für „Recycling“.

In den Wäldern und an den Wegrändern der Steiermark entdeckte ich alte Pflanzenfreunde, die ich noch aus meiner Kindheit in Ohio kannte und die hier ein fröhliches Dasein als Neophythen fristen: die fünfblättrige Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia), eine Art wilder Wein, und die amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana). Letztere heißt in Amerika, Pokeweed; Poke aus der Sprache der Algonquien-Indianer bedeutet Rot. Die roten Beeren dienten als Kriegsbemalung, Tinte und Zaubermittel. Und wie die Indianer, essen die Hinterwäldler, die Hillbillies, die jungen Frühlingssprossen als Gemüse, als „Poke salad“ – darüber hat Elvis sogar ein Lied gesungen: „Poke Salad Annie“. Nur muss man aufpassen, dass man beim Sammeln kein Stückchen von der  Wurzel erwischt, denn die ist sehr giftig. Eine Salbe oder ein Umschlag aus den Wurzeln wird von den Indianern, wie auch in der Hillbillie-Volksmedizin bei Ausschlägen, Schwellungen und krebsigen Geschwüren eingesetzt. Nun, ja, man könnte noch eine Menge über diese und andere Pflanzen erzählen, aber das will ich mir aufsparen, denn ich arbeite an einem Neophythen-Buch – Fremde Pflanzen die bei uns wachsen; Pflanzen mit „Migrationshintergrund“ – und Frank Brunke ist fleißig dabei die Neophythen zu fotographieren.

Aber zurück zu dem ThoR-Zentrum. Diese Organisation die sich für Gesundheitsvorsorge und traditionelle abendländische Methoden einsetzt, veranstaltet an der Universität Wien wieder einen Kongress, diesmal zum Thema „Schattenreich“. Der Kongress findet vom vom 3. bis 5. September auf dem Campus der Alten Universität statt. Es geht um kulturanthropologische Aspekte von Tod und Sterben. Wo sonst als in Wien, die Stadt, die immer etwas für das Morbide, Makabre und den schwarzen Humor („Tauberln vergiften im Park“; „a schöne Leich“) übrig hatte, sollte das stattfinden. Christian Rätsch, Claudia Müller-Ebeling, Kurt Lussi, René Strassman (Author von „Baumheilkunde“) und andere gehören zu den Vortragenden. Bestattungsrituale in europa, Indien und bei den Indianern, sowie die Anwendung von Pflanzen in diesen Übergangsritualen werden da mein Thema sein.

Ethnobotanik, was ist das? Viele glauben es hat etwas mit entheogenen (psychedelischen) Pflanzen zu tun. Ja, stimmt. Aber das ist nur ein winziger Teilaspekt. Ethnobotanik ist eine Kreuzung von Ethnologie und Botanik. Es geht darum zu erkunden, wie eine Ethnie (Volk, Stamm, Kulturgemeinschaft) mit den Pflanzen ihrer Umwelt umgeht, wie sie sie benennt, welche eine wichtige Rolle in der Kultur spielen als Nahrungspflanze, als Heilpflanze, als Rauschpflanzen, als Faserpflanzen, als Färbepflanzen, Giftpflanzen, Zierpflanzen, Kultpflanzen (Heilige Bäume, Symbolik), mit welchen Göttern, Geistern, Heiligen, Tierwesenheiten die Pflanzen verbunden sind, welcher Glaube und Aberglaube sie umrankt. Ethnobotanik erkundet die Pflanzen aus der Perspektive der indigenen Völker, der Eingeborenen selber und ist somit Teil der kognativen Anthropologie. Sie ist, in anderen Worten, ein unendlich weites und interessantes Gebiet.

Nach meiner Definition ist Ethnobotanik die Interaktion des Pflanzengeistes mit dem menschlichen Geist. Damit befinde ich mich wieder einmal außerhalb des streng definierten wissenschaftlichen Paradigmas, aber davon bin ich überzeugt: Neben dem sichtbaren, messbaren lebendigen Leib, ihrer Physiologie und ihrern messbaren biologischen Rhythmen, haben die Pflanzen, auf einer nicht stofflichen Ebene, einen bewussten Geist. Mit diesem Geist haben die Indianischen Medizinmänner und -frauen, die ich kannte, kommuniziert.

Oft bekommen wir Anfragen von Studenten, wo man im deutschsprachigem Raum oder auch anderswo in Europa Ethnobotanik lernen könnte. Die Antwort ist, leider nirgendwo so richtig. In Harvard, zum Beispiel, gibt es das Studienfach, aber es steht vor allem im Dienst mächtiger Pharmakonzerne, denen es interessiert, welche Heilmittel die Curanderos, Yerberos und andere schamanische Heiler verwenden.
Es lag also in der Luft ein Ethnobotanisches Institut zu gründen, wenigstens als Anlaufstelle für zukünftige ethnobotanische Vernetzungen. Eine junge Medizinethnologin, Sarah Moritz und ihr Mann Patrik Moritz haben sich. mit viel Mühe und Fleiß dafür eingesetzt, dass so etwas zustande kommen konnte. Im Rahmen eines entspannten, sonnigen „ethnobotanischem Wochenendes“ auf dem Schwarzenbacher Hof (www.hausdesphoenix.de) wurde das Ethnobotanische Institut (www.ethnobotanisches-institut.de) in Freisen im Saarland aus der Taufe gehoben. Unter den Referenten, die mit dabei waren, befanden sich die Ethnologin und Kunsthistorikerin, Claudia-Müller-Ebeling, der renommierte Ethnologe und Ethnopharmakologe, Christinn Rätsch, die visionäre Gründerin des Schwarzenberger Hofs, Rita Maria Brill, der wackre Kämpfer für nachhaltige biologische Landwirtschaft, Christoph Fischer aus dem Chiemgau, Sarah Moritz, die in einer Feldforschung Pflanzenheilkunde im Amazonasgebiet erkundet hatte, und der Botaniker und Pflanzenfotograph, Frank Brunke. Der Same für das Ethnobotanische Institut (etnobotanisches-institut.de) wurde also in gute Erde gelegt.