Böses vermeiden, wegschauen
- 18. Januar 2024
In einer großen anthroposophisch orientierten Lebensgemeinschaft im Südzipfel des Kantons Genf war ich einst als Gärtner tätig. Aber davon habe ich schon öfters erzählt. Auf der gegenüber liegenden Seite der Rhone, die verträumt am Rande der Kommune vorbeifließt und die, dank eines Chemiewerkes, das seine Abwässer darin entsorgte, immer nach Parfüm roch, befand sich ein recht urtümlicher Eichenwald. Dieser wurde jedoch schrittweise gefällt.
Wir fühlen uns machtlos (powerless), weil wir nicht mehr auf unser Herz hören. Denn unsere Macht kommt aus unserem Herzen.
– Gianni Crow, Maya K’iche Medizinmann
Zwischen Zerstörung und Wunder
Monsterbagger und Bulldozer gruben mit brutaler, titanischer Macht in die Erde, um Sand und Kieselstein zu gewinnen, aus denen man die neuen Hochhäuser und Bauwerke in Genf und umliegenden Städten errichten würde. Es war bedrückend das fortschreitende Zerstörungswerk jeden Tag vom Garten aus zu sehen. Das erwähnte ich der Ilse gegenüber, die eine leitende Mitarbeiterin war und praktisch als „Heilige“ galt.
„Da schau ich gar nicht hin!“ sagte sie belehrend, „Ich schaue nur das Positive und lasse das Negative nicht an meine Seele heran.“
Anstatt ihren gut gemeinten Rat, nicht hinzuschauen, zu befolgen, wanderte ich an einem meiner freien Tage, zu der inzwischen verlassenen Kiesgrube und erlebte ein Wunder. Von wegen ein trostloses Bild der Zerstörung! Neue Lebensräume hatten sich da gebildet.
Überall fassten schnell wachsende Pionierpflanzen Fuß, junge Weiden und Pappeln, Riedgräser, Seggen, Nachtkerzen und Blutweiderich wuchsen da; buntschillernde Libellen schwebten über Pfützen, in denen Kaulquappen, Wasserläufer und Insektenlarven tummelten; im Sonnenschein leuchteten die Algen im Wasser schön grün; Regenpfeifer rannten da zwischen den Pfützen und verschiedene Vögel trillerten ihre Lieder. Ich war froh, dass ich hingegangen war und geschaut habe, anstatt ein imaginäres Bild der Verwüstung mit mir in meinem Kopf herumzutragen.
Gewöhnliche Nachtkerze – Oenothera biennis
Ich erkannte, dass das Leben sich immer neu gebiert, dass es stärker ist als die Mächte der Zerstörung. Das ist übrigens auch eine Grundüberzeugung der indischen Philosophie. Unser Sein besteht nicht lediglich aus Materie und Energie, wie es unsere westlichen materialistischen Wissensphilosophen verkünden. Leben und Bewusstsein sind keine „Epiphänomene“, keine zufälligen Begleiterscheinungen, die aus der Materie hervorgehen, sondern sie gehören – wie die indischen Seher verkünden – zum Sein an sich.
Die Natur liebevoll wahrnehmen, mit offenen Augen und Herzen.
Inspiration finden in einer lauten Welt
Die meisten heutigen Menschen leben in einer Atmosphäre der Angst. Ein Schrecken jagt den anderen und bei all dem Malheur – heißt es – sind wir fast immer selber schuld, schuld wegen unserem Konsum, Energieverbrauch und Lebensweise. Hinzu kommen die zunehmende Geldentwertung, die Angst vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Abstieg, sowie der Schatten verheerender Kriege in Osteuropa und im Nahen Osten. Wer kann da froh werden?
All das wird uns täglich in den Medien serviert. Man ertrinkt in der unaufhörlichen Flut der angstmachenden Informationen. Es ist fast unmöglich zur Besinnung zu kommen.
Die lebendige Natur, das unmittelbar Natürliche, ist eher sanft; es muss sinnend erschaut und gefühlt werden. Die Bilder der elektronisch vermittelten virtuellen Realität jedoch springen und schreien uns an, sie sind Hingucker, Teaser und Nervenkitzel, sie lassen einen nicht los. Sie machen süchtig. Das hatte schon mein Lehrmeister, der Bauernphilosoph Arthur Hermes erklärt: Das Kranke, das Abartige, fasziniert. Nur gute Nachrichten würden eher langweilen und würden nicht geschaut werden.
Man muss sich übrigens klar sein, dass das Gaukelspiel, das uns fasziniert und unseren Geist auf diese Weise gefangen nimmt und mit dem wir interagieren, eigentlich nichts anderes ist als tote, leblose Elektronik. Es ist – um ein eher albernes Beispiel heranzuziehen – wie der Unterschied zwischen dem Faltbild von einem Pin-up-Girl in einem Schmuddelheft und einer Beziehung mit einer Partnerin in Fleisch und Blut.
Ganz anders ist es, wenn wir mit der lebendigen Natur in Resonanz gehen, mit ihren Düften, Klängen und Farben, ihrer lebendigen Ausstrahlung, ihrer Spiritualität. Seit Urzeiten ist sie unsere Begleiterin, Lebensquelle und Ernährerin von Leib, Seele und Geist.
Literaturtipp Der Weise vom Mont Aubert
In meinen Werken begegnet den Lesern immer wieder eine mysteriöse Gestalt – Arthur Hermes.
Dieses Buch enthüllt das Rätsel um seine Person, seine Lehren und den tiefgreifenden Einfluss, den er auf mein Leben hatte.
Die Bibel und der Koran erzählen von den Städten Sodom und Gomorra, in denen Gottlosigkeit und Perversion herrschten, so dass Gott sie mit Feuer und Schwefel vernichten wollte. Hätte es wenigstens zehn Gerechte in diesen Städten gegeben, wären sie verschont geblieben, aber es gab nur eine gottesfürchtige Familie und das war die des Lot. Ein Engel führte Lot und seine Sippe aus der verdammten Stadt und warnte sie, nicht zurückzuschauen und sich die Zerstörung anzusehen. Lots Frau war aber neugierig und blickt hinter sich. Was sie sah, erschütterte sie dermaßen, dass sie zu einer Salzsäule erstarrte. Man solle sich also – so die Botschaft – vor der Verzauberung durch das Negative und Schreckliche in der Welt, hüten, damit die Seele nicht erstarrt.
Ganz einverstanden bin ich mit der Geschichte nicht. Ich will wissen und sehen was in der Welt, auch der Gaukelwelt, geschieht und nicht wie der Strauß den Kopf in den Sand stecken. Auch ich schaue immer wieder im Internet oder lese dieses und jenes. Das heißt, ich glaube nicht, dass man das, was auf einen hereinströmt, blockieren soll. Wichtig ist jedoch, dass man nicht davon mitgerissen wird, dass man nicht in den Negativitäten ertrinkt.
In diesem Universum, mit seinen unendlichen physischen und geistigen Dimensionen, sollte man immer in der göttlichen Mitte, im Herzen, bleiben. Das ist unser Ankerpunkt. Da wohnt das Göttliche. Wenn man da zuhause ist, dann braucht man keine Grenzen oder Grenzwächter, von da aus kann man die Welt in allen ihren Aspekten ohne Scheuklappen betrachten und erforschen.
Dabei solle man folgendes nicht vergessen. Was der Mensch beachtet, was er schaut, was für ihn interessant ist, worauf er sein Bewusstsein richtet, das gewinnt an Daseinskraft und verwirklicht sich. Unser Schauen zieht die Dinge aus dem Sein ins Dasein. Wenn uns nur die elektronische Gaukelwelt interessiert, dann wird sie sich immer stärker manifestieren, ihre Inhalte werden sich zunehmend materialisieren.
Wenn uns dagegen die unmittelbare lebende und webende Natur – die Pflanzen, Tiere, das Spiel der Wolken, die Seen und das Gestein – begeistert und inspiriert, wenn wir die Natur liebevoll wahrnehmen, dann stärken wir sie, dann zieht unser Geist sie ins Dasein. Das – diese Liebe – ist der beste Naturschutz, besser als jede politische Aktion.
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