Die Natur ist mächtiger als wir
- 14. Dezember 2021
Inzwischen ist es Gewohnheit. Im November, wenn es sowieso wenig im Garten und auf dem Hof zu tun gibt, gehe ich auf die Kanareninsel La Palma. Die kleine Wohnung, in der ich lebe, ist gerade mal zwanzig Meter von Meer und Brandung. Die See und das Rauschen der Brandung tun mir gut, die ständige Bewegung des Wassers lockert die Seele auf. Das brauche ich besonders, denn beim vielen Sitzen und Schreiben in der elektronischen Wolke, erstarrt der Ätherleib. Auf der Insel bin ich sozusagen in Klausur. Sozialleben ist auf null und ich schreibe ungestört an einem jeweils neuen Buch.
Lavastaub und Asche
Diesmal jedoch war es anders. Meine Zuflucht war unzugänglich geworden. Dicke Lavaströme versperrten den Weg. Die Bewohner des Ortes mussten per Schiff evakuiert werden. Lavastaub und Asche, die wie tiefe Schneeverwehungen aussehen, bedecken die Straßen, nur sind sie schwarz. Freunde und alte Bekannte verloren alles, was sie besaßen. Dicke, glühende, über 1000° C heiße Lavaflüsse hatten ihre Häuser und Gärten geschluckt. Die Magma-Massen schoben sich vor gegen die Ortschaft Todoque, durch die ich praktisch jeden Tag gefahren bin, hielten aber einige Meter vor der stattlichen Kirche an. Die Gläubigen sahen darin ein Wunder. Aber nach sechs Tagen bewegte sich die schwarze, glühende Masse wieder und innerhalb von nicht mal einer Minute stürzte das Gebäude ein und wurde verschluckt. Nicht einmal die Schutzherrin der Insel, die Virgen de Las Nieves, konnte bewegt werden, den Vulkan zu beruhigen.
Asche auf den Straßen von La Palma
Ingo, wissend wie gut mir das Meer tat, buchte mir eine Ferienwohnung auf Teneriffa, an der kleinen Bucht San Marco, wo es einen kleinen Strand gibt. Das sollte gut zum Arbeiten und Schwimmen sein. Aber Teneriffa hat eine andere Schwingung, hat viele Touristen und ist unruhiger. Trotzdem schreibe ich an einem Buch, das sich viele wünschten, und zwar über einen meiner Lehrmeister, dem alten „Druiden“ Arthur Hermes, der abgelegen im Wald im Schweizer Waadtland einen Einsiedlerhof betrieb. Auch die „Druckfahnen“ für das im Februar erscheinende Buch, Meine Kräuter des Waldes, lese ich hier auf Korrektur durch.
La Palma ist wegen der Vulkanasche nicht anfliegbar. Aber eine Fähre fährt auf die Insel. Da zufällig meine Tochter und ihr Gefährte, die hier kurz auf Besuch waren, sich das einmalige Spektakel nicht entgehen lassen wollten, bin ich mit ihnen auf La Palma gefahren. Die Wirklichkeit übertrifft bei Weitem das, was man im Fernsehen sehen kann. Plötzlich ist man mit einem neuen, feuerspuckenden, qualmenden Berg, aus dem ein regelrechter Fluss glühende Lava fließt, konfrontiert. Himmeldecke und die Rauchwolken nehmen das unheimliche, rote, apokalyptische Glühen auf.
Erdbeben
Gegen Morgen rüttelten die Betten in den Zimmern, die wir in Los Llanos gemietet hatten. Es war eines der vielen Erdbeben, die den Vulkanausbruch immer wieder begleiten.
Am nächsten Morgen fuhren wir zum Aussichtspunkt Mirador El Time, von dem man den Vulkan und dessen Lavafluss gut überblicken kann. Wir sahen, wie das schnell fließende, flüssige Gestein, bläulichen Rauch erzeugend, eine Bananenplantage durchquerte; ein Bewässerungstank begann zu kochen und sich in einer weißen Dampfwolke aufzulösen. Am Rande der Meeresklippen stieg kurz danach eine schwarze Wolke auf – es muss ein Öltank gewesen sein – und dann stürzte die Lava wie ein Wasserfluss die Klippen hinunter ins Meer, mächtige Dampfwolken erzeugend.
Die Aschewolke des Vulkans “cumbre vieja”
Während wir schauten, trafen wir zufällig einige gute Bekannte. Ein Gärtner, namens Eugen; seit über 30 Jahren hinweg hatte er seltene subtropische Pflanzen gesammelt. Ein Schatz bestehend aus fast 8,000 Arten. Alles verschwunden. Sein Sohn überlebt, indem er eine Firma gründete, die die dicke Aschelast von den Dächern in der Stadt schippt, damit diese nicht unter dem Gewicht einstürzen. Ein anderer, ein älterer Herr, verlor mehrere Häuser, einen wunderbaren Obstgarten und Swimming Pool – alles was er besaß.
Literaturtipp "Einsichten und Weitblicke"
Wir glauben, wir verstehen die Welt. Die Wissenschaft hat sie bis ins kleinste Detail vermessen, zergliedert und analysiert. Was aber wissen wir wirklich? Ist das Sein nicht viel weiter, viel magischer, als wir glauben? Wenn wir anhalten, uns Zeit nehmen und uns in eine Blume, ein Tier, eine Wolke, ein Geschehnis hineinversetzen, dann können uns Welten von unendlicher Tiefe aufgehen. Ein Buch, gefüllt mit vielen klugen Gedanken und Weisheit und eine Orientierungshilfe in einer bewegten Zeit.
Das Schicksal schlägt zu
Das sind erschütternde Geschichten. Wie schnell doch das Schicksal zuschlagen kann! Und dennoch, aus einer anderen Perspektive könnte man das als Hinweis der Götter verstehen. Egal was wir denken und uns einbilden, wir sind nicht so allmächtig, wie wir denken. Wir sind nicht die Herren des Universums.
Mögen Geo-Ingenieure von Beherrschung des Klimas reden, von Kolonisierung des Alls und dergleichen, die Natur ist und bleibt Herrin. Es bedarf nur eines Volltreffers der Magnetstürme der Sonne und die Stromnetze würden versagen, damit die ganzen elektronischen Kommunikationssysteme, die Navigationssysteme, die Spritpumpen, die Smart-Homes, das virtuelle Geld und vieles mehr. Oder ein mächtiger Kometeneinschlag, wie den, der damals die Dinosaurier auslöschte, oder ein Supervulkan, wie etwa der Yellowstone, dessen Eruption einen mehrjährigen Winter verursachen würde. Dazu passt eine Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“ von Matthias Claudius (18. Jh.):
Wir stolzen Menschenkinder Sind eitel, arme Sünder Und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel.
Matthias Claudius
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