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Was wissen wir Menschen wirklich?

Was wissen wir Menschen wirklich? Unser Dasein, unser Schicksal ist voller Rätsel. Wo kommen wir her? Wo waren wir vor der Geburt? Wohin gehen wir nach dem Tod? Wohin reist die Seele während des Schlafs. Lauter Geheimnisse. Jede menschliche Kultur versucht das Rätsel des Daseins zu lösen, indem seine Weisheitssucher, die wahren Dichter und Schamanen, die Yogis und Visionäre versuchen – durch Askese, Selbstopfer, Einsamkeit, Fasten, Nahtoderfahrung, Ekstasetechniken, entheogene Substanzen, Versenkung und Einkehr – tief zu schauen, tief zu lauschen.

„Wir werden geformt und gestaltet durch das was wir lieben.“

– Goethe

Was sie dabei erfahren, ist schwer zu vermitteln, da die Erlebnisse und „andersweltlichen“ Begegnungen weit jenseits der Grenzen des alltäglichen Verstandes stattfinden. Was sie da transsinnlich erlebten, können sie nur in Bildern, in Märchenerzählungen, im Gesang oder echter künstlerischer Gestaltung „verdichten“, das heißt, ins alltägliche Bewusstsein herabbringen, um es ihren Hörern zu vermitteln.

Yogis versuchen durch verschiedene Techniken das Geheimnis des Daseins zu lösen

shaman

Um zu illustrieren, was sie vernommen, geschaut oder auch durchlitten haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig als die Motive, welche die natürliche Umwelt bietet, zu verwenden. So ist es zum Beispiel der Regenwald mit seinen vielfältigen Stimmungen, der den Pygmäen im Kongo die Bilder liefert, die es ihnen ermöglicht das Mysterium des Seins bildhaft zu erfassen[1]. Der Wald ist die Mutter, die sie nährt, ihnen Schutz bietet, dessen Rinden, Knospen, Wurzeln und Blätter sie heilen kann und dessen Tierwelt ihre Imaginationen, ihre Geschichten, Lieder und Träume bevölkert. Bei den südamerikanischen Indios ist es ebenfalls der tropische Urwald, in dessen Pflanzen und Tieren – Anakonda, Ameisenbär, Tukan, Tapir, Aguti, Blattschneiderameisen und vor allem der Jaguar – sich die göttlichen Mächte kundtun. Für uns Europäer ist diese exotische Fauna zwar interessant, aber in den jahrtausendalten Geschichten und Gesängen unserer (europäischen) Vorfahren spielen sie keine Rolle.

 

Der Regenwald bietet den Ureinwohnern viele Stimmungen und Bilder

Bei den alten nördlichen Waldvölkern, den Kelten, Germanen, Slawen, Kelten und Sibiriern geben Wetterphänomene, die vier klar abgrenzbaren Jahreszeiten, Flüsse, Seen und Berge und deren Bewohner – Bär, Wolf, Rabe, Hirsch, Reh, Maus, Eichhörnchen, Adler, Kuckuck, Fische wie der Stör, Lachs oder Hering – der inneren Seelenlandschaft bildhaften Ausdruck. Im Rauschen des Windes durch die Wipfel des Buchenwaldes vernahmen etwa die Germanen das weisheitsvolle Raunen der Götter, das sie dann in Form von magischen Zeichen, geritzt in Buchstäben, den Runen, festhielten. Ähnlich, wiederum, verläuft es bei den indigenen Völkern in Nordamerika. Auch da sind es die natürlichen Dinge und Gegebenheiten – die Steine, Flüsse, Gewitterstürme, Kräuter, Bäume und die Tiere – die das Vokabular der metaphysischen, sinnbildlichen Sprache ausmachen.

Metaphysische Bilder in der Jungsteinzeit

In der Jungsteinzeit, als die Menschen sesshaft wurden, Tiere domestizierten und Äcker und Gärten bestellten, änderten sich teilweise die metaphysischen Bilder. Zwar spielten die Jahreszeiten und Naturphänomene noch immer eine Rolle, aber auch neue Seelenbilder erscheinen. Nun wurden sakrale Geschichten erzählt von der (geistigen) Saat auf dem Acker des Lebens, Geschichten vom guten geduldigen Ochsen im Joch, von einem guten Hirten, der seine Schafherde sicher durch das Jammertal führt, und von einem gehörnten Widersacher – oft eine umgewandelte paläolithische Tiergottheit –, der die Äcker verwüstet, „Unkräuter“ in die Felder sät und böse „Untiere“ (Ratten, Mäuse, Parasiten, Läuse, Wölfe und andere blutrünstige Raubtiere) erschafft, und der zuletzt von dem guten Gott in die Hölle verbannt  wird.

Der Wolf wurde verteufelt 

Wolf

In komplexeren, urbanen, hierarchischen Gesellschaften bedienten sich die Priester zunehmend anderer Bilderkomplexe, um das Übersinnlich-Numinose zu vermitteln. In derart hierarchisch stratifizierten Gesellschaften, mit Sklaven, Bauern und Herren, imaginiert man auch die Himmel und die Höllen als hierarchisch gegliedert. Oft herrscht darin ein autoritärer, allmächtiger Gebieter – ein Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet. Das Himmelreich wird zur goldenen Zitadelle, zur „Stadt auf dem Hügel“. Solche Bilder dominierten jedenfalls in den Hochkulturen bis zu Beginn der Neuzeit.

Natur rückt in der Moderne in die Ferne

In der Moderne bedienen wir uns zunehmend anderer Imaginationen: Es sind Bilder inspiriert durch die allgegenwärtige, menschengemachte Technologie. Die Seelenbilder, die uns die unmittelbare Natur schenkt, verblassen oder rücken zunehmend in die Ferne. Wer hat noch echte Begegnungen mit der Wildnis und seinen Bewohnern, so wie man sie seit der Steinzeit erleben konnten. Walt Disneys Kreationen, Filme auf Discovery Channel oder eventuell ein Besuch im Zoo prägen unser heutiges Verständnis unserer animalischen Brüder und Schwestern. Fleisch und Milch kommen, in Zellophan gewickelt, aus dem Supermarkt; wer denkt noch an die Tiere, die uns ihr Leben opfern. Und die Wucht, die unerbittlich „göttliche“ Macht der Jahreszeiten, die Kälte und Dunkelheit des Winters und die brütende Hitze der langen Sommertage erleben wir – dank Zentralheizung, Klimaanlage, Tropenurlaube, Nachtbeleuchtung oder Bildschirmscheinwelten – nur noch bedingt. Mitten im eiskalten Januar gaukeln uns die Medien eine glühend heiße Serengeti vor; auf dem Tisch stehen zu Weihnachten Erdbeeren aus Chile und Mangos aus Brasil; auch der Flug auf die tropische Touristeninsel, relativiert und verwirrt die Seelenbilder, die wir tief in uns tragen.

Wie war es einst, als man auf einem Einödhof lebte, als man aß, was die eigene Scholle hervorbrachte, und man im eisigen Winter nicht sicher war, ob das Brennholz oder das Heu bis zum Frühjahr reichte. Wie war es, als auf verschneiten Straßen wochenlang kein Durchkommen war oder das Wolfgeheul immer näher rückte? In diesen Zeiten war der Hausherd, der Kamin mit seiner lebensspendenden Wärme der Mittelpunkt des Lebens, so wie das Herz die Mitte des Leibes ist; da waren die Geschichten und Märchen, die der Großvater oder die Großmutter erzählte, die Hausmusik und die Rätsel, die man einander aufgab, die abendliche Unterhaltung.

In der Einkehr während der längsten Nacht des Jahres, der Wintersonnenwende, vernahm die Seele die Wiedergeburt des Sonnenkindes als heilverkündendes Ereignis. Bedeutsam auch der Tag, an dem das Eis taute und die ersten Blümchen – Schneeglöckchen, Huflattich, Buschwindröschen – sich vorsichtig aus der Erde hervorwagten: Es war, als wandle eine wunderschöne, göttliche Jungfrau über das Land. Und dann im Mai, wenn die Zugvögel alle wieder da waren, der Kuckuck rief und der Weißdorn blühte, da feierte die Vegetationsgöttin ihre Vermählung mit dem jungen, siegreichen Sonnengott, und die Menschen feierten mit.

Literaturtipp "Einsichten und Weitblicke"

Wir glauben, wir verstehen die Welt. Die Wissenschaft hat sie bis ins kleinste Detail vermessen, zergliedert und analysiert. Was aber wissen wir wirklich? Ist das Sein nicht viel weiter, viel magischer, als wir glauben? Wenn wir anhalten, uns Zeit nehmen und uns in eine Blume, ein Tier, eine Wolke, ein Geschehnis hineinversetzen, dann können uns Welten von unendlicher Tiefe aufgehen. Ein Buch, gefüllt mit vielen klugen Gedanken und Weisheit und eine Orientierungshilfe in einer bewegten Zeit.

 

Früher war nicht alles besser

So drehte sich das Jahresrad, und immer wieder gab es dabei besondere Tage, die voller Magie waren und an denen die Götter und Geister die Seelen der Menschen berührten und ihnen Lebenssinn vermittelten. Noch immer begleiten uns diese, von der Natur inspirierten Bilder. Aber sie verblassen zunehmend. Sie verblassen, umso mehr wir uns von der unmittelbaren Natur entfernen. Ich will damit nicht unbedingt sagen, dass sie bessere Imaginationen sind, sie sind lediglich anders.

Ich will nicht, wie es viele Romantiker tun, behaupten, dass das Leben besser war, es war hart und teilweise entbehrungsreich. Dennoch hat uns die Unmittelbarkeit der Natur über viele, viele Generationen geprägt, hat der Seele Bilder geschenkt, die tiefere Resonanzen erzeugen als unsere heutigen Maschinen-Metapher

Die Jahresrythmen nehmen wir heutzutage nicht mehr so strak war

Das Große Mysterium – so nannte mein Freund, der Cheyenne Medizinmann Bill Tallbull, das unbegreifliche Göttliche in und um uns – lässt sich von den Menschen eben nicht erfassen. So konnte der schlesische Mystiker Angelius Silesius sagen: Gott ist ein lauter Nichts … je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir. Das Primatenhirn ist viel zu begrenzt es zu erfassen. Wir können das göttliche Mysterium nicht begreifen, sondern uns nur mit Hilfe passender Imaginationen diesem annähern.

Oder, besser gesagt, das Mysterium ergreift uns! In diesem Sinne, sind alle Mythen hilfreich und alle sogenannten Religionen beinhalten wahre Ansätze, aber letzten Endes erweisen sie sich immer als Stückwerk. Die verschiedenen Religionen ähneln somit den Speichen eines Rades; alle führen zur Mitte, zur Nabe. Oder man könnte sie mit den vielen Flüssen vergleichen, die alle irgendwann ins Meer fließen. Oder noch besser gesagt, allein das göttliche Selbst in uns kann dieses Große Mysterium erkennen. Tat tvam assi!

 [1] Zur Verbundenheit der des kleinwüchsigen Volkes der Pygmäen mit dem kongolesischen Regenwald, siehe das Buch, W.-D. Storl Wir sind Geschöpfe des Waldes. (München: GU 2019, Seite 248ff)

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Diskussion

  1. Was ist überhaupt “Wissen” ?

    • Wissen ist was übrig bleibt, wenn mann alles Gelernte vergessen hat.

  2. Habe ich das richtig gelesen? Die Tiere die sich opfern?
    Literaturtipp: Eugen Drewermann. Von der Unsterblichkeit der Tiere.

    Wer Ethik und Moral verbunden ist lässt alle Lebewesen leben und ihre Milch ihren Kindern geben.

  3. Ich arbeitete viele Jahre als Kindergärtnerin. Ich erlebte, dass alle Kinder intuitiv den Rhythmus der Natur in sich tragen. Sie besingen die Sonne, das Werden und Vergehen mit einer Ernsthaftigkeit, die alle Unkenrufe, die Menschheit spüre ihre Wurzeln nicht mehr, Lüge strafen.
    Z underscht une tüüf im Bode, sitzed mir und wartet still, bis sich öppis afaat rode, öppis in eus wachse will. Und dänn fö.mir eus a strecke, wachsed nahdisnah zduruf. Z oberscht ide warme Sune tüe mir öisi Bletter uf.

    • Lieber Wolf – Dieter, ich vermag es kaum auszudrücken, wie tief mich Deine Worte bewegen. In meiner Seele,lebt diese unstillbare Sehnsucht nach dem einfachen Leben IN VERBUNDENHEIT mit Mutter Natur & Vater Himmel. Mein allergrößte Wunsch einen Partner, der so LEBT wie DU und DIR in seinem liebe & verständnisvollen Wesen gleicht.

  4. Lieber Wolf,
    vielen Dank für die fundierten Ausführungen.
    Schön, daß es Dich gibt.❤️
    Hiltraud

  5. Lieber Wolf Dieter, eine weitere Frage kann man sich dazu stellen:

    Was bedeuted es überhaupt, Mensch zu sein?!

    Hari om tat sat
    Magdalena

  6. Indien, Amerika, Allgäu: was für ein großer Wissensschatz. Mit Herz geteilt. Danke!

  7. schön das es dich gibt wolf


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