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Iwans Chai Weidenröschen

Mit Iwans Chai[1] oder Koporye-(Kaporie-)Tee ist ein fermentierter Tee aus den Blättern des zirkumpolar wachsenden Weidenröschens gemeint. Ehe der teure chinesische Schwarztee zum Inbegriff des Tees wurde, war der Weidenröschen-Tee das beliebteste Heißgetränk im Russischen Reich. Die russischen Bauern tranken diesen Tee den ganzen Tag über, um ihre schwere Arbeit bewältigen zu können.

In der russischen, tibetanischen und mongolischen Volksmedizin ist der Weidenröschen-Tee sehr beliebt. Er wirkt, sagen die Russen, gegen dreißig Krankheiten. Wenn die Salzgurkenlauge den Alkoholkater nicht wegbringt, dann tut es Iwans Chai auf jeden Fall. Der wie Schwarztee schmeckende Chai kann rein getrunken werden oder, je nachdem welche therapeutische Wirkung man erzielen will, mit anderen Kräutern, Kirschblättern, dem Saft der Apfelbeere (Aronia arbutifolia oder auch A. melanocarpa), der Schwarzen Johannisbeere oder des Sanddorns gemischt. Die Burjaten trinken ihn mit Butter und Salz. Der Tee gilt als Tonikum, er wirkt immunmodulierend, soll Tumoren im Darmtrakt entgegenwirken und wirkt entzündungshemmend bei urologischen Beschwerden. Letztere Anwendung kennt auch die europäische Volksheilkunde: Maria Treben setzt Weidenröschen-Tee bei gutartiger Vorsteherdrüsenvergrößerung oder -entzündung ein.

Das Schmalblättrige Weidenröschen bedeckt weite Flächen Sibiriens.

Weidenröschen

Bolo erzählte uns, dass der Weidenröschen-Tee in Sowjetzeiten als reaktionäres Getränk verboten wurde. Tatsächlich war der Weidenröschen-Tee vor dem Ersten Weltkrieg ein großer Exportschlager für Russland. Er war bei den orthodoxen Mönchen und Einsiedlern, denen Kaffee und Schwarztee verboten waren, beliebt. Nicht nur Bauern und Gottesmänner tranken ihn, sondern auch die Reichen und Aristokraten. Für sie gab es eine berühmte Nobelklinik, in der sich auch Persönlichkeiten wie Rasputin und die kaiserliche Familie behandeln ließen, wo das therapeutische Hauptmittel der Chai aus diesem Nachtkerzengewächs war. Ein Mediziner namens Peter Badmaev leitete die Klinik. Er war burjatischer Mongole und galt als Meister der tibetanischen Medizin. Badmaev behauptete, Iwans-Tee könne das Leben bis auf zweihundert Jahre verlängern – heute würden wir es als »Anti-Aging-Mittel« bezeichnen. Den Bolschewiken war der Gesellschaftsarzt dermaßen verhasst, dass sie ihn – er war zu der Zeit schon hundertneun Jahre alt – und seine Mitarbeiter sowie alle, die mit dem »Aristokratengesöff« Forschung betrieben, töteten. Alle Dokumente und Forschungsresultate wurden zerstört. Das Verbot wurde wahrscheinlich besonders streng in Sibirien durchgesetzt, denn dort war der Weidenröschen-Tee ein wichtiges Element beim Fliegenpilz-Ritual, das im sibirischen Schamanismus eine zentrale Rolle spielt.[2] Vor dem Einnehmen der getrockneten Pilzhüte werden größere Mengen entweder Weidenröschen-Tee oder Rauschbeerensaft (Vaccinium uliginosum) als synergistisches Mittel getrunken (Preiselbeersaft geht auch). Schamanen wurden ja, wie wir schon hörten, von den Kommunisten stark verfolgt und liquidiert, da ihr Weltbild als irrational und reaktionär galt.

Weidenröschen
Sagan-Dale-Tee, ein beliebtes Gesundheitselixier, wird wild gesammelt und vermarktet.
 
 
 

Erst im Zweiten Weltkrieg besannen sich die Sowjets auf Iwans-Tee und gaben ihn ihren Truppen als Tonikum, um die Durchhaltekraft zu stärken. Hitler, der sehr abergläubisch war, hatte gehört, dass die Russen ein geheimnisvolles Elixier für die Rotarmisten herstellten, das für ihren zähen Widerstand verantwortlich wäre. Also gab er den Befehl, die Produktionsstätte von dem Tee in der Ortschaft Koporye, nahe bei Leningrad, nicht nur zu bombardieren, sondern er zweigte Panzertruppen ab, um die Ortschaft einzunehmen und Felder sowie Teefabrik zu verwüsten. Wegen diesem Manöver, glauben manche Russen, fehlte die Schlagkraft, um Leningrad (ehemals und auch heute wieder St. Petersburg) einzunehmen.

Eine sibirische Legende

Warum eigentlich heißt der Tee Iwans Chai? Eine sibirische Legende erzählt, dass einst wegen der Sünden der Menschen boshafte Krankheiten auftraten. Die Schamanen und Heiler waren machtlos dagegen. Nur eine einzige Göttin hatte Erbarmen und hörte das Flehen der Menschen. Es war die Wassergöttin. Sie segelte in einem silbernen Boot über den Nachthimmel und verstreute feine federige Samen. Daraus wuchsen schöne rote Blumen hervor. Ein unschuldiger, junger Bursche namens Iwan, der immer ein rotes Hemd trug und im Wald unterwegs war, hatte das gesehen. Er sammelte die Pflanzen, machte einen Tee daraus und erkannte dessen Heilkraft.

Auszug aus dem Buch "Wolfmedizin"

Im reich bebilderten Buch, Wolfsmedizin, werfe ich einen eingehenden Blick auf die Tier- und Pflanzenwelt in der Mongolei und Sibirien und erzähle von meiner Reise ins Land der Schamanen und Wölfe.

[1] Chai (Tschai), die hochchinesische (Mandarin) Bezeichnung für Tee, wurde in die Sprachen der Slawen, Inder, Araber und Türken übernommen.

[2] Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) spielt im Schamanismus von Nordeuropa über Sibirien bis nach Nordamerikaeine zentrale Rolle als Kommunikationsmittel mit den Natur- und Totengeistern. Die Einnahme von sieben bis neun getrockneten Pilzhüten findet vor allen in den dunklen Nächten der Wintersonnwendzeit statt. Der Pilz wirkt sympathikolytisch, das heißt, der Sympathikus wird gedämpft, sodass es zu einer völligen Entspannung kommt. Helles Licht stört, denn nun nimmt man das Licht der Anderswelt wahr. Wenn die Trance tief genug ist, findet der Schamane Eingang ins Reich der Zwerge, der ätherisch-astralen Wesenheiten, die in der Natur wirken; er wird selbst zu einem Zwerg. Ein noch tieferes Trancestadium führt ihn ins Reich der toten Ahnenseelen; er wird selbst zu einem Toten und erfährt dessen Wissen und Weisheit, die er – wenn er selbst einen starken Geist hat – in die diesseitige Welt mitnehmen kann. Es heißt, das Pilzwesen selbst entscheidet, ob sich das Tor zu diesen Dimensionen öffnet oder nicht (Storl 2016:71).

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