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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Filmreise zu den Kräuterleuten Nordamerikas
Filmreise zu den Kräuterleuten Nordamerikas








Diesen Sommer, von der ersten Julihälfte bis Mitte August, war ich in den USA. Das Hauptanliegen war nicht Familienbesuch, sondern ich wurde vom Montana Herbal Gathering eingeladen. Das Treffen in den Rocky Mountains vom 22. Bis 24. Juli, das unter dem Motto „Plants can do it!“ (Pflanzen können es!) lief, hatte fast etwas konspiratives. Kräuterweise Frauen, Wurzelkundige, Heiler, Hersteller von Salben und Präparate und auch einige Indianer begegnen sich hier um ihre Erfahrungen auszutauschen und um Vorträge und Pflanzenerkundungen zu veranstalten.

Man muss wissen, dass es der Heilkräuterkunde in Amerika - unter Druck der mächtigen Pharma-Lobby - sehr schwer gemacht wird. Man kann zwar Kräuter als „Nahrungsergänzungsmittel" verkaufen, darf aber keinesfalls angeben für welches gesundheitliche Problem sie anwendbar sind oder wie man sie dosieren muss. Das würde als „illegale medizinische Praxis" (illegal practice of medicine) gelten und wäre somit strafbar. Allein mögliche schädliche Nebenwirkungen der pflanzlichen Mittel dürfen auf den Verpackungsetiketten angegeben werden. Trotz dieser Hindernisse, nehmen viele Amerikaner, besonders solche die sich die ärztliche Versorgung nicht leisten können, die Heilkräuterkunde in Anspruch.
Tipi in Montana

















Vor einigen Jahren in Basel, bei der großen Party, die zu Albert Hofmanns 100sten Geburtstag stattfand, sprach mich ein Amerikaner an - seine roten Haare waren in Zöpfe geflochten und er trug Buckskins wie ein Indianer. Man würde sich freuen, teilte er mir mit, wenn ich mal beim alljährlichen Kräuter-Event in Montana mitmachen würde. Dabei überreichte er mir einen Zopf aus Mariengras (sweet gras) und getrocknetes Büffelfleisch. Ein Gruß der Cheyenne Indianer: Sie hätten mich nicht vergessen.

Nun, ich hätte nicht gedacht, dass ich diese weite Reise auf mich nehmen würde. Aber da dieses Jahr (2011) schien die Zeit dafür reif. Ausschlaggebend war wohl, dass Ingo Storl mitfahren wollte um aus der Reise ein pfiffiges „Road Movie" zu drehen. Er organisierte zwei junge Kameraleute und einen genialen Ton-Mann, mietete ein Fahrzeug und los ging die Reise.

Larry und Wolf Die Fahrt began in den Laubwäldern des Mittelwestens, die ich seit Kindheit kannte und liebte. In Menomonie, Wisconsin, besuchten wir meinen alten Freund Larry Berger, einen Gärtner, der die endlos langweiligen Rasen der Suburbs in Heilpflanzen- und Blumenoasen verwandelt. Wir fuhren durch die Prärie, wo einst Hundertmillionen Büffel grasten und die heute von den endlosen Mais- und Soyafeldern der Agrarindustrie bedeckt wird. (We feed the World!)

Dennoch wachsen da an den Straßenrändern viele interessante „Unkräuter". Wilder Hanf, zum Beispiel, den die Jäger und Naturschützer begrüßen, denn er ist ein wertvolles Vogelfutter; oder die beifußblättrige Ambrosie, die angeblich Heuschnupfen verursacht; auch die Wilde Karde, die sich seit den 1980ger Jahren als „aggressiver Neophyt" von Osten nach Westen hin ausbreitet - zufällig zur gleichen Zeit wie die Borreliose, die sich ebenfalls seither von der Ostküste her ausbreitet. Die Karde ist ein übrigens wirksames phytotherapeutisches Mittel bei dieser aggressiven Spirochäten-Erkrankung. Kann das Zufall sein?

Durch die Black Hills fuhren wir, entlang der Tetons und durch die Yellowstone Wildnis, sahen Tiere - Elche, Büffel, Antilopen usw. -, Pflanzen und ungewöhnliche Menschen - und filmten sie. Höhepunkt war das Montana Herbal Gathering. Kris Hill, eine Kräuter-Power-Frau aus Bozeman, Montana, hatte es organisiert. In den Bergen, auf einer Höhe von über 2000m, in der Nähe der nahezu verlassenen Bergarbeiterstadt Anaconda, weit ab von der Zivilisation, trafen wir uns. Die Teilnehmer schliefen in Zelten oder in Blockhütten. Gute, warmherzige Menschen waren es, denen man da begegnete. Viele fröhliche Kinder sprangen herum. Das Essen war gut und natürlich. Eine positive hoffnungsgebende Stimmung!

Joanne Rand Joanne Rand - sie nennt sich selber „psychedelische Folk-revival Sängerin und Liedermacherin" - hat Musik gemacht, das die Herzen öffnete und im Einklang mit Himmel und Erde tanzen ließ. Ihre Musik wird auf Ingos Film, Manitus Grüne Krieger , der Ende Oktober herauskommt, mit zu hören sein. Auch das traditionelle Trommeln des Crow-Indianers Shane Doyle, der über die zeremoniellen Pflanzen der Prärieindianer erzählte, wurde mit in den Film aufgenommen.

Für mich war der Höhepunkt des Kräuterfestes die Begegnung mit dem Medizinmann Linwood Tallbull. Er ist der Sohn meines alten Freundes Bill Tallbull, mit dem ich in einer Zeitspanne von anderthalb Jahren durch die Bighorn Mountains gewandert bin und der mir ein tieferes Verständnis der Spiritualität der Pflanzen schenkte. Mit Linwood über Wiesen und Wald zu gehen, war fast so, wie mit seinem Vater zu gehen. Derselbe Geist lebt in ihm.

Linwood zeigte mir Pflanzen,  wie etwa den Wollknöterich (Erigonum subalpinum), im Volksmund auch als „Schirmpflanze" oder „wilder Buchweizen" bekannt. Eine einzige dieser Pflanzen war für die Cheyenne so kostbar, dass sie ein Pferd dafür zahlten.

„Ein Pferd! Wie kann das sein?" fragte ich. „Die kann doch jeder pflücken."

„Nein" klärte Linwood mich auf, „die wuchs nicht im Territorium der Cheyenne. Die musste erhandelt werden. Hier lebten die Shoshone, Blackfoot und andere. Es ist eine Blutmedizin. Wenn das Bluten bei Frauen nicht aufhört, dann kann ein Tee aus den Blüten und Stängeln ihr das Leben retten."

Linwood Tall Bull

















Neben dem Knöterichgewächs wuchs eine Gruppe Perlkörbchen oder Silberimmortellen (Anaphalis margaritaceae, var. subalpina), eine absolute Kraftpflanze für die Cheyenne, eine Kriegerpflanze. Krieger kauten die getrockneten weißen Blüten, spuckten sie in die Hände und rieben Arme, Beine und Brust damit ein, um ihre Kraft und Ausdauer zu erhöhen. Keine Frau durfte den Mann berühren nachdem er sich so eingerieben hatte, denn das würde die Kraftmedizin unwirksam machen. Auch Pferden rieb man das Pulver an die Hufe und hinter die Ohren, damit sie schnell rennen und nicht müde werden. Man zog Speere oder Gewehre durch den Rauch, nachdem man das trockene Kraut in die Glut gestreut hatte. Noch heute benutzen es die „alten Männer" (Medizinmänner) um Pferde für Wettrennen oder Basketballspieler zu „dopen". Das Perlkörbchen, das sich auch als Gabe an die Sonne oder die Geister eignet, erinnerte mich an die ähnlich aussehenden, nahe verwandten Immortellen (Helichrysum), die ich in Südafrika gesehen hatte und die von den Zulu ganz ähnlich verwendet wurden.

Als wir sprachen und ich von der spezifischen Heilwirkung der jeweiligen Kräuter erzählte, sagte der Indianer: „Das mag schon stimmen, dass bestimmte Pflanzen bestimmte Wirkungen haben. Aber Pflanzen helfen ganz allgemein; man muss nur auf sie eingehen, sie anschauen, mit den Sinnen berühren und sie dann um Hilfe bitten, dann werden sie das hören und helfen, egal was für Wirkstoffe sie haben. Pflanzen sind unsere besten Freunde."   

Das Herbal Gathering hat uns tief berührt. Es machte Hoffnung. Hier, im Schatten jener Megamaschine, die die Welt mit Kriegen, Gen-Saat, Finanzkriminalität und Paranoia überzieht, wächst - kaum bemerkt -  eine  friedliche und freudvolle Gesellschaft heran. Hier keimen Samen eines neuen harmonischen Miteinanders. Mir kamen dabei die geflügelten Worte Friedrich Hölderlins in den Sinn: Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

Sonnenblumen in Minnesota









Auch unsere Filmer haben das gespürt. Auch sie waren voll dabei. Jetzt im September war ich in dem BeWo-Filmstudio in Freiburg und half beim Zusammenschneiden und der Herstellung des Films. So viele schöne Bilder! Über zwanzig Stunden lang. Das alles auf eine kinogerechte Stunde und zehn Minuten zu reduzieren und die richtigen Tonspur - Musik, Sprache - darunter zu legen, ist nicht einfach. Ich hätte nie gedacht wie viel Arbeit und künstlerisches Können es bedarf. Aber es ist gut gelungen. Der Geist des Herbal Gatherings und der wunderbaren Natur des Landes kommen gut rüber. Ich freue mich sehr auf die endgültige Fassung von Manitus Grüne Krieger , und auch darauf, dass ich sie mit Euch teilen kann.  

Euer Wolf-Dieter