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Wolf-Dieter Storl

Maiengrüße an alle Pflanzenliebhaber

Die sieben Zwerge grummelten und schimpften herum nach Zwergen-Art. Sogar im Traum erschienen sie mir in der Walpurgisnacht.

„Morgen ist Maientag. Da vermählt sich unsere Königin mit dem Sonnengott.
Siehst du nicht wie alles blüht und grünt!
Wie von Zauberhand weggefegt ist der Schnee und das Grün bricht hervor, mächtig.
Ah, da freut sich das Herz aber, springt vor Freude, und tanzt zu den Liedern der Waldvögel.
Hörst du die Waldfrösche singen? Sie singen den Maienregen herbei.
Schau, die Blüten auf sprengen ihre Fesseln!
Wie Feuer lodern sie aus dem dürren Holz hervor und duften, und lassen die Bienen und Hummeln summen.
Und du dummer Mensch sitzt da mit den außerirdischen Elektronenelfen!
Komm, trag uns hinaus in den Garten!
Lange genug haben wir Zwerge bei Euch auf der Kante über dem Küchenherd gesessen.
Jetzt musst du pflanzen und säen und ackern, und wir wollen dir dabei helfen.“

Zwerge im Garten

So ist es jedes Jahr, am ersten Mai, oder besser beim Maivollmond, da ziehen die Zwerge in den Garten. Und im November, wenn es still und nebelig wird, und die Pflanzenpracht verschwunden ist, da wollen sie wieder ins Haus. Halloween, wenn die Geister umherziehen und die Verstorbenen um milde Gaben bitten, da nehmen sie ihre Sitze über dem Herd wieder ein. Im wonnigen Mai begann für die Kelten und die europäischen Ureinwohner die lichte Jahreshälfte. Da stellten die Menschen Maibäume auf und tanzten unter ihnen oder unter der Dorflinde:

... hei, unter grünen Linden, da leuchten weiße Kleid,
heija, nun hat uns Kinden, ein End all Wintersleid.

Im November dagegen, ist die Sonne schwach, die finstere Jahreshälfte beginnt; da sind die Menschen nicht mehr so ekstatisch, sondern werden innig, ziehen sich in ihre Häuser und Hütten zurück und warten auf die Wiedergeburt des Sonnenkindes zur Wintersonnwendzeit.

Ja, all das wissen die Zwerge, an all das können sie sich erinnern. Sie sind den Wurzeln nahe, nicht nur den Wurzeln der Bäume und Pflanzen, sondern auch den Wurzelgründen unseres Daseins.
„Alles Quatsch!“ sagt da der beschränkte Verstand. „Das ist doch nur Einbildung!“ sagt das reduktionistische Bewusstsein. Aber was wissen die neunmal klugen Reduktionisten? Das Sein ist weiter und tiefer und wunderbarer, als sich das freche Schneiderlein denkt oder überhaupt denken kann.
Zwerge gibt es. Wer die Seelenaugen offen hat, kann sie sehen. Und, wer etwas über Heilkräuter, Edelsteine oder Gärtnerkunst erfahren will, sollte sich gut mit ihnen stellen. Die kleinen bunten Tonfiguren, die ich im Mai in den Garten trage, sind selbstverständlich nicht die Zwerge an sich – ebenso wenig wie eine Marienstatue die heilige Jungfrau, Mutter Gottes oder die Göttin ist. Aber sie helfen das, für äußere Augen unsichtbare sichtbar zu machen; die Figuren sind so etwas wie eine Bildersprache für unsere Seele. Sie weisen auf wirkliche ätherische, seelische Wesenheiten hin, die – jenseits des Vermögens des Verstandes – in unsichtbaren Bereichen tätig sind.
In der Maiennacht feiern die Zwerge und alle anderen Wesen. Da mache ich ihnen ein Licht und gieße etwas Bier. Das bringt Segen in den Gemüsegarten.

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Ach so, hätte fast vergessen: Ein schönes neues Buch an dem ich lange gearbeitet und geforscht habe, mit Bildern von Frank Brunke, ist gerade bei AT-Verlag erschienen. Wandernde Pflanzen heißt es, und handelt von den Neophyten, den zugewanderten, fremden Pflanzen. Das sind vitale Pflanzen – Herkulesstaude, Ambrosie (Traubenkraut), Indisches Springkraut, Japanischer Staudenknöterich, Kanadische Goldrute, und viele mehr – an denen sich viele Gemüter erregen. „Naturschützer“ behaupten sie bedrohen die einheimische Flora; giftig und umweltschädlich seien sie; Politiker signalisieren billige Betroffenheit und rufen zu Ausrottungskampagnen auf; Herbizid-Verkäufer wittern großes Geschäft; ja, mit der Neophyten-Hysterie kann man auch gut von anderen gesellschaftlichen Problemen ablenken.

Nun, als Ethnobotaniker kümmert man sich darum, wo die besagten Eindringlinge herkommen und wie sie von den indigenen Völkern benutzt werden; welche Rolle sie als Heilpflanzen, Nahrungspflanzen oder Nutzpflanzen sie spielen, welche symbolische Bedeutung sie haben. Tatsächlich haben manche an ihrem Ursprungsort sogar den Status einer heiligen Pflanze.

Warum sind sie zu uns gekommen? Was will uns die Natur damit sagen?
Wer von uns weiß schon, dass man aus der Herkulesstaude ein gutes Gemüse machen kann; dass man die schwarzen Samen des Springkrauts essen kann – sie schmecken gut, wie Walnüsse – und aus Blüte und Kraut ein pilzwidriges Heilmittel herstellen kann? Wer weiß schon, dass der Riesenknöterich aus Ostasien bei Venenbeschwerden helfen kann, schwermetallverseuchte Böden Sanieren kann, das Bio-Gärtner mit Auszügen aus den Wurzeln ein Mittel gegen Mehltau, Blattpilz und Feuerbrand zu Hand haben? Dass die Blätter des Essigbaumes oder Hirschkolben-Sumachs bei den Indianern mit als Tabak in die Friedenspfeife kamen; dass man Wein aus den blauen Beeten der Mahonie machen kann ...usw. Da ist so viel, man könnte echt ein Buch darüber schreiben. Und das habe ich eben gemacht. Das alles zu erforschen hat viel Spaß gemacht, es war wie eine Abenteuerreise in die Welt der Vegetation. Auf dieser Reise habe ich die Neophyten lieben gelernt:

Also,
lasst uns weise werden
und liebevoll
und mit gütigen Augen auf die Pflanzen schauen,
die von weit her kommen
und wie brausende Wellen gegen unsere Deiche branden.
Noch nie gehörte Geschichten
Können sie erzählen, diese uns fremden Kräuter, Stauden, Bäume,
nähren und heilen können sie
und mit ihren Blüten Regenbogenbilder in unsere Seele zaubern,
wenn wir still werden und aufhören mit bösem Geschrei und ängstlichem Geschwätz,
wenn wir zuhören
und lauschen
wie Kinder.
Auch sie sind Kinder:
Kinder des Himmels wie wir
und Kinder der selben Mutter Erde
die uns trägt.


Wolf-Dieter Storl

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