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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Internet News – Erntezeit: Herbst 2015
Liebe Leser,

die Herbstzeitlosen blühten früh und üppig. Wenn die Bauern richtig liegen, dann wird es ein früher, kalter Winter.
Scharen kleiner Vögel machen sich über den reifenden Zuckermais her. Das haben sie in den vergangenen Jahren nie getan. Irgendein geniales Vöglein scheint entdeckt zu haben, wie man systematisch, den Kolben von der Spitze her aufhackt um an die süßen Körner zu kommen und hat es den anderen vorgemacht. Die angepickten Maiskolben sehen natürlich nicht gut in dem Film aus, den Ingo gerade über das biologische Gärtnern dreht. Meister Grimbart, der Dachs, wühlt im Kompost. Die Kartoffeln gerieten, wegen der Trockenheit, recht klein und die meisten wanderten in den Magen der Wühlmäuse, ehe wir sie ernten konnten. Und dann ist noch einer der Ochsen von der Weide ausgebrochen und durch den Garten gestampft. Na, ja, so ist es im wirklichen Leben. Da gibt es – im Gegensatz zur berechenbaren Maschinen- und Roboterwelt – keine Perfektion. Wer hundertprozentige Perfektion erwartet, der sollte das Gärtnern lassen.

Erntedank

Mit dem Erntedankfest erinnern wir an die enge Verbundenheit von Mensch und Natur

Es ist Erntezeit. Trotz Widrigkeiten gibt es mehr als genug Frisches und Nahrhaftes zu essen. Dank der Hitze im Sommer haben wir dieses Jahr sogar schöne Hokkaido-Kürbisse. Die chinesischen Gemüsemalven, deren Samen ich beim Rühlemann bestellt hatte, wurden zu stattlichen zweieinhalb Meter hohen Pflanzen, deren Blätter ein herrliches Suppengrün oder Spinat hergeben.

Zur Ernte gehört auch das Buch Ur-Medizin: Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde, das eben im AT-Verlag erschienen ist. Es sollte erst Wort und Wurz heißen, weil das Heilen einst zwei Aspekte hatte, das therapeutische Wort und das Heilkraut (Wurz). Aber unter dem Titel konnte sich kaum jemand etwas vorstellen. Im Oktober folgte die „Lesereise“ für das Buch angefangen in Hollerbach (Tirol), Bozen (Südtirol), Zürich (Schweiz), Renchen-Ulm (Baden), Karlsruhe, Geisa (Thüringen), Berlin, Rostock, Hamburg, Bremen und dann – im Dezember – in Leipzig. Genaue Daten findet man auf der Web-Site.

UR-MEDIZIN - Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde
Gebunden, 304 Seiten, ISBN: 978-3-03800-872-9
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24,95 EUR oder bei Amazon bestellen


Eva Rosenfelder, Kräuterkennerin und begabte Dichterin aus Winterthur, die für die Zeitschrift Spuren schreibt, fragte mich etwas über Ernte, beziehungsweise Lebensernte, zu schreiben. Das habe ich getan. Und da es zum Thema passt, will ich es Euch nicht vorenthalten.
 
Der Sturm hat einige alte Fichten umgehauen. Das ist Holz für den Herd. Da muss man sägen, spalten und aufbeigen. Das hält dann später, wenn es gelagert und getrocknet ist, die Stube warm und kocht das Essen. Der Garten muss umgegraben, der Kompost umgesetzt und die Saaten gepflegt werden. Alles gute, harte Arbeit, die in der hellen Jahreszeit den Körper kräftigt, die Seele mit wahren Bildern nährt und schließlich Erdäpfel und Gemüse auf den Teller bringt. Man hat die Arbeitsgänge schon so oft gemacht, dass man nicht viel darüber nachdenken muss. Es fließt einfach, in einem natürlichen Rhythmus. Der Kopf kann sich dabei ausruhen, leer werden. Man kann sagen, es ist Meditation. Das arme Hirn hat es auch nötig, denn im Winter beim Schreiben läuft es auf Hochtouren, voller Gedanken und Formulierungen, die einen bis in den Schlaf hinein verfolgen und die Nerven anspannen.

Nun aber merke ich, mit dem Überschreiten des siebenten Lebensjahrzehnts, dass die körperliche Arbeit schwerer fällt. Hier und da zwickt und zwackt es, die Knochen meutern, die Zähne beißen nicht mehr die harte Brotkruste. Mögen amerikanische Wissenschaftler von der Ausschaltung eines sogenannten Alters-Gens träumen, die Ärzte ein Anti-Ageing Diät verschreiben, oder Wissenschaftsgläubige gar von der Kryo-Konservierung des Leichnams in flüssigen Stickstoff bei 196° C, sprechen, in der Hoffnung von einer zukünftigen Wissenschaft zu neuem Leben erweckt zu werden. Für mich ist das Wahnsinn. Unser Leben verläuft wie die Jahreszeiten der Natur. Herbst und Winter lassen sich ebenso wenig aufhalten, wie das erstarken der Sonne im Frühling. Geburt und Tod sind natürliche Geschehen. Götterkräfte sind da am Werk, unerbittliche, mit denen wir uns in Einklang bringen sollten.
Wie die Kräuter und die Blumen im Feld, kommen wir ins Leben hinein, blühen dem Himmel entgegen, versamen (im Herbst) und gehen wieder fort. Der göttliche Geist, der uns durchweht, sich in uns verkörpert und unser eigentliches Selbst ist, ist Zeuge dieses Werdens und Vergehens in dieser Raum-Zeit-Dimension. Es ist seine wilde, ekstatische Fahrt, auf der Achterbahn des Daseins. Unser Leben ist das Abenteuer des Göttlichen in uns, ein Wagnis und Berserkergang mit unvorhersehbarem Ausgang. Es ist der Tanz Shivas, dem Selbst aller Wesen, mit seiner verführerischen, bezaubernden, schrecklichen, betörend schönen, grausamen, lieblichen sanften Maya.

Es ist der Tanz, der dem Ego Angst macht, vor dem es sich zu schützen sucht, vor dem es Rettung in der Religion oder als angepasster Gutmensch erhofft. Es ist der Tanz den das Ego durch diese oder jene Ideologie auszublenden, oder durch Suff, Sexsucht oder virtuellem Spiel sich abzulenken versucht. Aber – sorry –, es gibt keine Rettung für das Ego! Und dennoch, ehe man das Ego im Nirwana verdammt, sollte man wissen, das auch es dazugehört, das auch es Teil des Abenteuers ist: Es ist die Plattform auf welcher der göttliche Tanz stattfindet und manifestiert. Diese Sicht der Dinge – auch das ist ein Teil der Lebensernte – habe ich übrigens den indischen Sadhus zu verdanken. Die lebendige Erde unter unseren Füßen, die Materie (aus dem lateinischen mater = Mutter), die uns unseren physischen Körper geliehen hat, bleibt uns treu. Der Himmel, der die Welt und auch unsere Seele mit seinem Licht erleuchtet; die Nacht, die uns Tiefe schenkt und mit den Sternen verbindet; die Pflanzen, die uns nähren, kleiden, behausen, heilen und uns sogar die Luft zum atmen geben; die Tiere, die verkörperten Seelen, die unsere Gefährten sind und mit unserer Seele reden, damit wir nicht einsam werden; die Steine die uns die Stille lehren – sie alle sind uns treu. Sie geben uns wahre Inspiration, sie reden mit unserem Wesen. Daher ehren wir sie, achten sie und lieben sie alle. Das habe ich von den Cheyenne gelernt; auch das ist Teil der Lebensernte.

garten

Die letzte Ernte wird eingebracht und der Garten winterfest gemacht


Viele Lehrer – Menschen, Tiere und Geistwesen – kamen des Weges und bereicherten mich. Sie alle aufzulisten würde ein ganzes Buch füllen. Unter ihnen die Grundschullehrerin, Fräulein Caesar, die uns Kinder immer in die Natur nahm und uns das, was vor den Augen liegt, zeigte, damit wir es wirklich sehen. Auch der alte Hufschmied, unser Nachbar in Ohio, der mich in die Geheimnisse des Gärtners einweihte, die Bauern im Emmental, die mir das Melken, das Pflügen mit Rossen und vor allem das Dürrehebe (Durchhalten) beibrachten, die Indianer in Montana, der Bergbauer Arthur Hermes aus dem Waadtland, der mir die Natur als Erscheinung der Götterwelt nahebrachte, sie alle bereicherten mich.

Vor allem aber war mein Großvater mein Guru. Als ich noch in der Schweiz lebte, besuchte ich ihn jedes Jahr in der DDR, wo er, wie ein Einsiedler, in der Garderobe, der vom Staat enteigneten Villa hauste, wo einst die Herrschaften ihre Mäntel, Spazierstöcke und Regenschirme ablegten. Der Raum war klein genug, so dass er ihn mit Elektrostrahler heizen konnte. Das ganze Jahr verbrachte er mehr oder weniger in Meditation, und dann beim Besuch philosophierten wir. „Alles Schwindel, was in den Zeitungen und Geschichtsbüchern steht!“ sagte er. Er musste es ja wissen, er hatte Kaiserzeit, Kriege, Hitlerdiktatur und den sogenannten Arbeiter-Bauern-Staat durchgemacht. Ich dache, das sei seine Lebensbilanz. Aber ich irrte. Im folgenden Jahr, fragte er mich, ob ich wüsste, wie alles entstanden sei, die Welt, die Natur, der Mensch. Da erklärte ich ihm die neuste wissenschaftliche Sicht der Dinge. Er schmauchte seine Pfeife und winkte ab: „Das sind lediglich Theorien, Einbildungen, alles imaginaire!“ Ich versuchte es mit der christlichen Version der Schöpfung und mit der anthroposophischen. Er schüttelte den Kopf: „Auch das ist erdacht, erdichtet, imaginaire!“ Nun kam ich mit der buddhistischen Sicht der Dinge. Er hörte gespannt zu und sann nach. „Ja,“ sagte er schließlich, „da ist was dran, aber Letzendes ist das auch Einbildung, auch imaginaire. Was wissen wir wirklich? Das Leben ist ein Rätsel; unser Dasein besteht aus Rätsel über Rätsel.“ Gut, das war also seine Lebensbilanz. Dachte ich. Als ich ihn im darauf folgenden Jahr besuchte, wurde mir klar, dass das noch nicht die endgültige Bilanz war. „Das Leben und unser Dasein besteht aus Wunder über Wunder!“ erklärte er mit leuchtenden Augen.
„Egal ob du reich bist oder arm, gesellschaftlich angesehen oder unbedeutend – das alles hat keine Bedeutung, klammere dich nicht an solche Dinge, auch das ist lediglich nur imaginaire.“ Das gab er mir als Rat mit. Ich habe mich daran gehalten. Ich fragte ihn noch, wie ihm, nach 96 langen Jahren auf Erden, das Leben vorkam. „Wie ein Windhauch! Im Nu verfliegt unser Dasein!“ gab er zur Antwort. Irgendwie begriff ich, dass man in diesem kurzen Dasein wahrhaftig und rechtschaffend leben sollte, um – wie die Inder sagen – nicht ein schlechtes Karma in die Ewigkeit hineinzuschleppen.
Es sollte der letzte Besuch sein. Die Behörden entdeckten den allein lebenden Alten und steckten ihn in ein Altersheim. Da entschied er, ganz bewusst, die Welt zu verlassen; er hörte auf zu essen und zu trinken, und nach drei Tagen war er tot. Sein Leben war bis zum Schluss selbstbestimmt.

Das, was mir meine Lehrmeister beigebracht haben, macht für mich die Lebensernte aus. Aber diese behalte ich nicht für mich, sondern versuche sie weiterzugeben in meinen Vorträgen, Workshops und vor allem meinen Büchern.


Einen bunten, fröhlichen Herbst wünsche ich Euch,

Euer Wolf-Dieter