Juni 2011
Pilgerreise zum Kailash
Konrad rief an. (Das ist der Konrad Halbig vom KOHA-Verlag, der mein Shiva-Buch und eines meiner Lieblingsbücher, „Streifzüge am Rande Midgards“, herausgegeben hatte.)
„Du, Wolf, hast du Lust nach Tibet zu fahren und eine Kailash-Umrundung zu machen?“
„Nee,“ antwortete ich, „ich bin zu alt dafür und spare es für mein nächstes Leben auf.“
„Ach, was! Tun wir es einfach!“
Es war nicht schwer meinen Widerstand zu brechen. „Ja, gut! Tun wir es!“
Kailash, wohl der heiligste Berg
der Erde. Heilig für die Hindus, denn oben im ewigen Schnee sitzt Shiva, der
„Gott der Götter" (Mahadeva) und
erträumt das Universum. Oder er tanzt und spielt ausgelassene Liebesspiele mit
der schönen Parvati, seiner ewigen Gefährtin.
Heilig ist der Berg den
Buddhisten, er ist das Herz-Chakra Buddhas. Heilig ist er den Anhängern der
Jaina-Religion; er ist der Weltenberg Meru.
Er gilt als Mittelpunkt der Welt im Bön,
der schamanischen Urreligion der Tibetaner. Ganz Asien verehrt den Berg. „Wer
ihn sieht, dessen Sünden werden ausgelöscht, wie der Tau in der Morgensonne,"
heißt es. Gut, gut! Wie kann man da nein sagen, wenn sich die Möglichkeit
ergibt, das Heiligtum zu umwandeln.
Bald darauf - es war inzwischen
Mai - saßen wir im Flugzeug nach Katmandu. Als wir am Abend, nach unserer
Ankunft in der Stadt, in einem Dachrestaurant die Abendmahlzeit einnahmen,
zogen Wolken auf, es donnerte und regnete kurz. Krächzende Raben und weiße
Kraniche zogen vorbei; die Sonne leuchtete golden über die Stadt und ein voller
Regenbogen überspannte das Katmandu-Tal. Was für ein Zeichen, dachte ich. Die
Götter, die meine Seele kannte, sind alle da. Der starke Donar, Wotan mit
seinen Raben, Baldur der Sonnengott und Heimdal, der die Regenbogenbrücke zu
den Götterreichen hütet, ebenfalls. Es wird eine gute Reise!
Am nächsten Tag ging es mit einem
Geländewagen Richtung tibetanische Grenze. Immer höher ging es, durch
Bauernlandschaft und tropisch-subtropischen Wälder, auf einer nach zahllosen
Murenabgängen notdürftig geflickten Straße. Auf halben Weg stießen wir auf
einen Hanuman-Tempel. (Hanuman, der
„Affengott", der Superkräfte hat wie Superman und einst die Welt rettete, indem
er in den hohen Himalaja flog und einen Berg voller Heilkräuter zurück
brachte.)
„Sollen wir halten?" fragte
Konrad, „Mir ist's egal." „Klar halten wir," sagte ich, und
dachte daran, dass Hanuman in die ewigen Schneeberge ging und mit dem Heil
sicher wieder zurückkehrte. Im Tempel baten wir Hanuman um gute Reise und ein Sadhu segnete uns mit Gangeswasser und
einem roten Punkt auf der Stirn.
Nachdem wir übernachtet hatten,
überquerten wir die Grenze. Viele indische Pilger mit ihren Gurus und Mahatmas
warteten auf den Übergang. Ein freundlicher Sadhu erklärte uns, dass der
nächste Vollmond für Pilger zum Kailash besonders Glück verheißend sei. Was für
ein guter Zufall, dachte ich.
Die chinesischen Beamten durchsuchten das Gepäck
gründlich. Sie wollten verhindern, dass irgendjemand Bilder vom Dalai Lama in
das besetzte Land hineinschmuggelt. Wir trafen Niema, unseren tibetanischen
Fremdenführer, und dann ging die Fahrt immer aufwärts. Umso höher wir kamen,
umso kühler wurde es. Der Wald veränderte sich. Mit Koniferen, Hemlock-Tannen,
Rhododendron, blühendem Holunder und anderen Bäumen und Sträuchern nahm er
immer mehr den Charakter der Wälder der gemäßigten Zonen an. Bald war es ein
Frühlingswald, der gerade ergrünte; Aurikel (Schlüsselblumen) und andere
Frühlingsblumen blühten gerade. Schließlich erreichten wir die Ebene über der
Baumgrenze. Die drei folgenden Tage fuhren wir durch eine unendlich
erscheinende, weite, öde, kalte Landschaft.
Auch wenn es so schien, als hätte
der Winter das Land noch im Griff, sah man immer wieder dicke gelbe
Murmeltiere. „Ein sicheres Zeichen, dass es nun Frühling wird! Eine Freude für
uns Tibeter !" sagte unser Guide. Hier und da zogen Nomaden mit Yaks oder
Schafen vorbei. Endlose Ketten von Schneebergen, von denen viele über 8,000
Meter hoch waren, säumten den Horizont. Die Straßen waren gut. Die Chinesen,
auf materiellen Fortschritt bedacht, hatten sie gebaut. Auf den alten
Schotterpisten hätte die Reise von der Grenze zum Kailash mindestens sieben
Tage gedauert.
Übernachtet wurde in Ortschaften
entlang des Weges, in „Hotels," die ohne Heizung, fließendes Wasser oder
Toiletten waren. Man sah, dass sich viele Chinesen angesiedelt hatten. Die
Tibetaner sind inzwischen eine Minderheit im eigenen Land geworden.
Angesichts Kailash
fliehen die Dämonen
Am dritten Tag kam der heilige
Berg in Sicht. Von der Entfernung hatten wir zwar schon in der Kette der
Achttausender den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, gesehen, aber
dieser Kailash war einmalig. Wie ein Juwel, wie ein gigantisches Linga, ragte er heraus. Wir
übernachteten in einer Ortschaft am Manasarovar See, dem heiligen See unterhalb
vom Kailash. Die Nacht war kalt. Als ich in meinen Schlafsack kroch, fror ich.
„Der Schlafsack ist nichts wert," dachte ich, „ der sollte doch für mindestens
15° C unter Null gut sein!" Bald jedoch
merkte ich, dass nicht der Schlafsack das Problem war, sondern, dass ich
Schüttelfrost hatte.
Konrads Magen rumorte, er musste
sich übergeben. Dazu kamen Kopfschmerzen, so dass er überhaupt nicht schlafen konnte.
Und als ich glaubte Darmwind zu lassen, merkte ich, dass es ein stinkender,
wässriger Dunnpfiff war. Die Unterhose musste ich wegwerfen.
Das war enttäuschend, denn am
nächsten Morgen wollten wir doch im Manasarovar-See baden! Auch wenn er eiskalt
ist, so wäscht er einem die Sünden von vielen tausend Lebzeiten weg. Oder, wie man
sagt, ein Bad garantiert eine göttliche Wiedergeburt. Wir waren aber in keinem
Zustand in den See zu springen. Aber ein Puja,
ein kleines Ritual der Verehrung, wollten wir trotzdem machen. Ein
befreundeter Baba, ein
Shiva-Anhänger, hatte mir drei ungebrannte Statuen Ganeshas mitgegeben - das ist der „Elefantengott," der die Wege
entweder blockiert oder sie freimacht. Diese, das hatte ich dem Baba
versprochen, würde ich rituell im heiligen See versenken.
In den frühen Morgenstunden
versuchten wir das Ritual durchzuführen, aber es klappte nicht so richtig. Der
Wind blies immer wieder die Streichhölzer aus und, da wir die Höhe nicht
gewöhnt waren und es uns miserabel ging, kamen wir nicht gut in das Ritual
hinein.
Am nächsten Tag fuhren wir nach
Darchen, einem kleinen Ort, der Ausgangspunkt für die Umwanderung des Kailash
ist. Die Inder, die wir an der Grenze kennen gelernt hatten, waren auch schon
da. Auch sie hatten Schwierigkeiten mit der Höhe und der Kälte.
Uns ging es immer schlechter.
Konrad konnte nachts kein Auge zudrücken. Essen konnten wir beide nichts. Als
ich dennoch versuchte, musste auch ich erbrechen. Konrad teilte seine
Kohlepillen mit mir; die halfen aber auch nicht, und als ich mich dennoch
übergab, kam es kohleschwarz aus mir heraus. Ich hatte den Eindruck, dass, umso
näher man an Kailash herankam, umso mehr rumpelten die Dämonen, die man in Leib
und Seele mit sich trägt. Sie können die Gegenwart des heiligen Berges nicht
ertragen; in Form von Durchfall, Erbrechen, übel riechenden Darmwinden und
Fieber springen sie von einem ab. Kailash hat eine reinigende, läuternde
Wirkung.
Unser Guide brachte
unaufgefordert eine reizende junge chinesische Ärztin, um nach uns zu schauen.
Sie gab Konrad Pillen. Mich schloss sie an einen Tropf an, wahrscheinlich weil
ich durch den Durchfall dehydriert war. Zusätzlich gab sie mir giftig
aussehende, bunte Pillen. Seit ich vor fast 30 Jahren wegen Antibiotika eine
gefährliche Superinfektion erlitten hatte, hatte ich mich bisher gescheut diese
Art von Medikamenten einzunehmen. Sie ließ mich wissen, dass damit der
schreckliche Dünnschiss in ein oder zwei Tagen vorüber sein werde. Na gut, ein
bisschen Vertrauen muss man ja haben; außerdem wäre es sehr schwer die
Umrundung des Berges in dem Zustand durchzuführen. Tatsächlich war der
Durchfall am nächsten Tag so gut wie weg; der kleine Teufel, der durch ihn den
Körper verlassen wollte, war jedoch noch in mir drin.
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Unser Guide wollte sich
vergewissern, ob wir die nötige Ausdauer und Kraft hätten, um die Kailash-Umrundung
durchzustehen. Als Probelauf schnauften wir an der Südflanke hinauf zu zwei abgelegenen buddhistischen Klöstern. In der dünnen Atmosphäre mussten wir nach
Luft schnappen, wie gestrandete Fische. Dass uns das Atmen schwer fiel, ist
verständlich, denn schließlich befanden wir uns auf einer Höhe über 5000 Meter.
Das ist weit über den 4800 Metern des Mont Blanc, dem höchsten Berges Europas.
Aber die Anstrengung lohnte sich, denn beim zweiten Kloster, wo uns der
Einsiedler freundlich empfing, hatte man einen herrlichen Blick auf den
magischen Berg.
Wie eine weiße Perle in einem
Lotus, umkreist von Blütenblättern, so ist Kailash umgeben von einem Ring
Vorbergen. Für die Tibeter sind diese Höhen Götter, die den Nabel der Welt hüten,
den Ort, wo die Erde die kosmische Energie aufnimmt. Den Vorberg, der gerade
vor uns lag, deuten die Hindus als Nandi
- Shivas treues Reittier, der kosmische Stier.
Wir hatten die Prüfung bestanden.
Unser Guide fand uns fit genug für die Umrundung - die Kora, wie die Tibeter sie nennen, oder Parikrama, wie es bei den Hindus heißt - zu schaffen. In der Nacht, jedoch, überkam
mich ein schrecklicher Husten. Es war, als lösten sich meine Lungen auf. Ich
konnte nicht liegen, musste die ganze Nacht sitzend verbringen. Tuberkulose,
oder Schlimmeres? Wahnvorstellungen peinigten mich. Niema, unser Guide, wollte
die chinesische Ärztin wieder rufen. Aber mitten in der Nacht war mir ein
andersweltliches Wesen erschienen, ein Engel, der mir sagte, ich brauche keinen
Arzt, das Schlimmste wäre in drei Tagen vorüber. Niema verstand als ich ihm
sagte, „Heut Nacht ist mir der Medizin-Buddha erschienen; er wird mir helfen."
Später erklärte mir ein befreundeter Arzt, dass das Lungentrauma eine
Nebenwirkung der Antibiotika gewesen sei: Was ursprünglich als Durchfall heraus
wollte, quälte sich dann über die Lunge heraus.
Wo die Steine reden
Nach der schlaflosen Nacht, früh
am nächsten Morgen, zogen wir los. Drei Tage sollte die Umrundung dauern. Der
Weg, der entlang einem Tal zur ersten Station führte, war relativ einfach zu
bewältigen. Dennoch kamen uns viele indische Pilger, die es nicht weiter
geschafft hatten, auf Yaks oder Ponys reitend und in warmen Kleidern gepackt, entgegen.
Sie schienen dennoch glücklich, den Kailash wenigstens gesehen zu haben.
Manche Pilger lassen sich von
Yaks oder Ponies um den Berg herumtragen. Aber, wie Niema erklärte, ist das
sehr schwierig für die Tiere. Sie leiden viel, bluten an den Hufen. Und so
fallen die karmischen Verdienste der Umrundung ihnen zu und nicht den faulen
Menschen, die sich tragen lassen.
Die erste Station war eine
Karawanserei, wo Hirten mit ihren Yaks halt machen, wo es Tee und Nudelsuppe
gibt, und kalte Zimmer ohne Wasser oder Klo. Einer der schönsten Blicke auf
Kailash wird einem dort gewährt. Wir schauten lange. Manchmal öffnete sich der
Nebelschleier, in dem sich der Berg gerne verhüllt, und er erstrahlte im
Vollmondlicht. Ein wahrer Götterpalast! Ich schenkte dem, majestätisch im
Mondlicht leuchtenden Berg einen Kieselstein von unserem winzigen Berglein im
Allgäu und bat für Segen.
Am nächsten Morgen stampften wir
in die Höhe, teilweise durch frischen Schnee, der in der Nacht gefallen war.
Mit jedem Atemzug und jedem Schritt chantete ich Shivo-ham, Shivo-ham. Der Vorhang zwischen dieser und der Götterwelt
ist hier sehr dünn. Ich rutschte zwischen den Wirklichkeitsebenen hin und her.
Die Steine vibrierten. Jeder Stein war eine Persönlichkeit. Es fehlte nicht
viel, ich hätte mit ihnen gesprochen. Wenn ich stehen blieb, öffnete sich die
Erde und zeigte wundersame Bilder anderer Welten. Tiefe Einsichten kamen, die
mir, wie Träume, zum größten Teil, wieder aus dem Gedächtnis entschwunden sind.
Shivo-ham, so-ham ... Ham sa. Die
Seele im Flug, jeder Atemzug ein Flügelschlag. Ein wilder Gander.
Immer höher wand sich der Pfad,
bis hinauf zum Dölma La Pass, auf 5670
Meter. Es ist der „Pass der Retterin", der tibetanischen Göttin Tara, der
Sternengöttin, die die Seelen aus der Verstrickung der Welt des Samsara, aus dem endlosen, gnadenlosen
Kreis des Leidens und der Illusion herausführt und das Rad der Wiedergeburt
anhält.
Lange Reihen flatternder
Gebetsfahnen markieren den Pass. Jacken, Hosen und andere Kleidungsstücke aus
Kunststoff liegen dort überall verstreut. Sie gehörten den Toten, denen man
dort eine „Luftbestattung" gegeben hat. All ihr Besitz wird weg gegeben,
derweil Wildhunde und Geier den entseelten Körper entsorgen.
Sich niederwerfende Pilger robben
vorbei: Hände falten, Mantra aufsagen, drei Schritte voran, der Länge nach
hinwerfen, aufstehen, Hände falten, Mantra aufsagen, drei Schritte voran,
hinwerfen, aufstehen ... und so weiter. In tiefer Konzentration, in Trance,
bewegen sie sich, Verdienste sammelnd. Zwölf bis vierzehn Tage brauchen sie für
die 58 Kilometer der Korma (Umrundung).
Während sie vorbeiziehen, mach ich ein Puja. Zünde Räucherstäbchen, streue
rotes Pulver (Sindur) auf einen
Stein, gieße Wasser und begrüße die Hüter der vier Himmelsrichtungen, die obere
Welt, die untere Welt, die Wesen der Mitte und die, in den Tiefen unseres Herzens,
bitte für Heil und Segen, für Familie und Freunde, für unser Land, für die
Lebenden und Verstorbenen, für die Wälder und Felder, die Tiere und Pflanzen.
Und dann geht es weiter, steil
hinab ins Tal. Immer wieder bleib ich stehen, zwischen Welten schwebend.
Konrad stürmt voraus. Hält an,
wartet.
„Was wartest du?" frag ich.
„Auf dich. Wenn dir was passiert;
Bein brichst oder so was."
Was für ein Blödsinn, denke ich,
„Mir passiert nichts. Hau ab. Ich brauche keinen Papa der auf mich aufpasst!"
Seine Fürsorge war natürlich gut gemeint, aber ich wollte einfach in ruhiger
Meditation laufen und lauschen, was mir die Steine zuflüstern.
Unser Guide kommt noch mal auf
mich zu und blickt mich fragend an. Ich verstehe ihn, schließlich trägt er die
Verantwortung. „Ich will alleine laufen, und nicht unter Gruppenzwang," sag ich
ihm. Ich merke, dass er tief in mich hineinschaut und erkennt, dass er keine
Sorge zu haben braucht.
Kailash strahlt eine mysteriöse
Kraft aus, ein ätherisches Leuchten. Ich nehme es auf, und die Landschaft und
die Geistwesen, die diese beseelen. Niederwerfende Tibetanerinnen überholen
mich und erinnern mich dadurch, dass ich noch eine lange Strecke vor mir
habe. Der schlängelnde Fluss im Tal ist
zum Teil mit einer weiten weißen Eisfläche bedeckt. Ich folge den Fußspuren im
frischen Schnee über die Eisfläche. Plötzlich kracht es. Das Eis unter mir
bricht weg. Unten tosendes Wasser und Gestein. Der Nordic-Walking Wanderstock
in der linken Hand zerbricht, der in der rechten hakt sich fest und bremst den
Fall. Außer einem völlig zerrissenen Hosenbein ist mir nichts passiert. Keine
Aufregung, ich nehme das Ganze sowieso wie von einer anderen Dimension wahr. Am
Ende der Eisfläche zieht gerade gemächlich eine Yak Herde vorbei, zottige
Tiere, deren Anblick mich in die nacheiszeitliche Tundra, in der einst unsere
steinzeitlichen Vorfahren lebten, verzaubert.
Es wird immer dunkler. Hab ich
mich mit der Zeit vertan? Zu lange getrödelt? Ich sehe keine weiteren Pilger.
Ich hoffe, es ist nicht schon Abend. Ich habe ja keine Uhr bei mir. Schwere
düstere Wolken ziehen über dem Himmel. Und plötzlich, von Kailash her, entlädt
sich, unmittelbar über meinen Kopf, krachend ein gewaltiger Blitz. Er
überspannt er das ganze Tal und taucht es für einen kurzen Augenblick in ein
grelles weißes Licht. Da ist keine Zeitspanne zwischen dem Aufleuchten und dem
Donnerknall, so nah ist er. Andere Blitze folgen, durchzucken den schwarzen
Himmel wie feurige Schlangen. Am Kailash vom Blitz getroffen zu werden, das
wär's doch!
Dem Gewitter folgt Schnee. So
dicht fallen die Flocken, dass ich zunehmend Schwierigkeiten habe, dem Pfad zu
folgen. Wie ein Indianer auf Fährtensuche bücke ich mich nieder. Zu meinem
Glück kommen drei Tibeter schnellen Schrittes heran und wollen mich überholen.
„Gömpa?" frage ich sie, als sie neben mir sind. Gömpa ist das
einzige Wort, das ich in ihrer Sprache kenne, es bezeichnet die Gebetshalle
eines Klosters. Ich frage das, weil die nächste Unterkunft, wo wir übernachten
sollen, die Herberge eines Klosters ist. Stumm zeigen sie mit vorgestrecktem
Arm den Weg: Immer weiter gerade aus und dann beim nächsten Tal rechts
abbiegen. Ich versuche ihnen zu folgen, mit ihnen Schritt zu halten. Aber sie
sind die Höhen gewöhnt, ihre Lungen sind stärker und bald verschluckt sie die
weite Landschaft.
Das Schneien hört auf. Einige
Raben krächzen - Wotan sei gegrüßt. Es wird heller. Vor mir sehe ich ein
Nomadenzelt, Yaks und Schafe in der Nähe. Davor steht unser Guide; er schaut
den Pfad hinauf, anscheinend besorgt, ob ich noch komme. Konrad liegt drinnen
nahe am Herd, wo ein warmes Feuer aus getrockneten Yak-Fladen brennt.
Ausgestreckt und sichtlich erschöpft liegt er da. Der Nomade, der einen kleinen
Nebenverdienst betreibt, indem er Tee und kleine Imbisse an Pilger verkauft,
macht mir eine chinesische Nudelsuppe - fade Fertigkost in Styropor, der man
nur heißes Wasser hinzufügen muss.
„Es sind noch vier Kilometer zur
Klosterherberge," sagt unser Guide. Die Nacht ist besonders kalt, die Decken
warm, Wasser und Klo, wie üblich, nicht vorhanden. Die letzte Strecke,
hauptsächlich bergabwärts, liegt vor uns.
Kein Mensch kann ihn
begreifen, keiner besteigen
Am Morgen verzichteten wir wieder
auf Frühstück und liefen los. Ich sah keinen Grund zur Eile; immer wieder ließ
ich meine Sinne in die Steine, in die karge Vegetation, in die winzige Tundra
Pflanzen und Flechten hineintasten. Recht häufig sah man eine stachelige
Berberitzenart, die gerade ergrünte und von den Yaks und Schafen gemieden
wurde. Irgendwann kam mir ein wild aussehender, mit Federn und Fellen
geschmückter, einen bunten Zauberstab tragender Bönpo-Schamane entgegen. Die
Bön, die Anhänger der vor-buddhistischen Naturreligion, umlaufen - im Gegensatz
zu den Buddhisten und Hindus - den Berg gegen den Uhrzeigersinn. Er grüßte
freundlich.
Bald erreichten wir eine von den
Chinesen planierte Piste. Die Regierung hatte ja geplant, eine Straße um den
Kailash herum zu bauen, um die Touristenscharen mit Kraftfahrzeugen zu
befördern. Das würde Devisen bringen und dem Berg etwas von seiner
übersinnlichen Ausstrahlung nehmen. Auch würde es helfen, die Tibeter von ihren
rückständigen, abergläubischen Vorstellungen abzubringen. Die Bauarbeiten
wurden jedoch eingestellt, als es weltweite Proteste gab. Auch dem Plan den
heiligen Berg dem rationalen Geist unterzuordnen, ihn zu erobern, indem man ihn
besteigt, musste abgesagt werden. Reinhold Messner, den die chinesische
Regierung dazu eingeladen hatte, weigerte sich diesen Frevel zu begehen. Bis
jetzt hat noch kein einziger Mensch den heiligen Berg betreten.
Am Rande der Piste zog ein
gewaltiger zerbrochener Stein meine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah aus wie
eine urzeitliche Riesenechse mit einer Haut aus leuchtenden metallenen
Schuppen. Anklagend und traurig blickte er. Ein Bagger hatte ihn den Kopf
abgebrochen.
Und dann, irgendwie waren wir
wieder in Darchen, mit seinen Adobe-Lehmhäusern, Chörten, Läden und neuen
chinesischen Verwaltungsgebäuden. Wir hatten es geschafft. Wir waren von dem
Erlebnis so tief beeindruckt, dass wir keine Lust auf die geplanten
Besichtigungen von sehenswürdigen Klöstern und Touristenattraktionen hatten.
Wie nach einem großzügigen Festmahl waren unsere Seelen gesättigt. Om, Nama Shivaya!
Schamanenpflanzen:
Wachholder und Beifuß
Nun ging es wieder durch die karge,
teilweise gefrorene Landschaft des tibetanischen Plateaus. Es ist eine
Landschaft, wie sie einst vor zehntausend Jahren, als die großen
Eiszeitgletscher auf dem Rückzug waren, in Europa ausgesehen haben muss. Hier
und da, neben vereinzelten dürren Grashalmen und kleinwüchsiger Tundraflora,
sah man ab und zu eine Art Beifuss und niedrige Wachholdersträucher. „Das sind
für uns Tibeter heilige Pflanzen," sagte Niema, „sie halten Dämonen fern; damit
räuchern wir."
Immer wieder sah man
wettergegerbte Nomaden mit ihren Herden. Kleine zähe Pferdchen und große Hunde
begleiteten sie. Manchmal galoppierten Wildesel (Kyangs) vorbei oder Gazellen
zogen vorsichtig entlang der Hänge. Erstaunlich, wie diese Tiere von der kargen
Vegetation leben können. In kleinen Siedlungen in den Tälern wurden gerade die
Felder mit Hilfe von Pferden gepflügt, um die Gerste auszusäen. Aus dem Getreide wird Chhang, das tägliche Bier und Tsampa,
das Grundnahrungsmittel aus geröstetem Mehl, hergestellt.
W
ir hatten noch einige Tage im
warmen Kathmandu zum Ausruhen. Wir besuchten den Dakshinkali Temple im Urwald,
wo der Göttin, mit Blumen geschmückte Ziegenböcke und schwarze Hähne geopfert
werden. Man redet den Tieren gut zu, sagt ihnen, dass sie nun in den Himmel
kommen werden. Die Göttin trinkt das Blut; die Menschen nehmen das Fleisch mit,
für einen Festschmaus.
Wir besuchten Sadhus im heiligen Hain von Pashupatinath,
und waren zu Gast bei dem bekannten „Milch-Baba" (Dud Hari Baba), der sich seit
Jahrzehnten nur von Milch ernährt. Er ist fast 80 Jahre alt, aber sein Körper
ist geschmeidig und sein
Geist kristallklar. Und in ihrem Tempelpalast in
Katmandu wir durften Kumari-Devi sehen, ein Mädchen von ungefähr acht Jahren,
das als Verkörperung der Göttin Durga gilt. Aber das alles sind andere
Geschichten, die anderswo erzählt werden.
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