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Wolf-Dieter Storl

November 2017

Es ist höchste Zeit endlich mal etwas über unsere Reise im Sommer (Juli-August) in die Mongolei und zum Baikalsee in Sibirien zu erzählen. Als Völkerkundler hatte ich mich ja schon vor Jahren mit den Mongolen, Burjaten und den Ewenken (Tungusen) eingehend beschäftigt. Den Ewenken verdanken wir übrigens das Wort Schamane – „jemand der bewegt und abgehoben ist“, ein Meister der Ekstase.

In Ulan Bator begrüßten uns die Begleiterinnen, die fließend deutsch sprachen, da sie damals im sozialistischen Bruderstaat DDR studiert hatten. Darunter auch – was für eine Überraschung! – Orgilmaa, die ich noch von dem „Schamanenkongress“ in Garmisch (im Jahr 2000) her kannte. Sie war Assistentin des großen burjatischen Schamanen Zeren Baawai gewesen. Zusammen übersetzten wir das Gespräch zwischen dem Cheyenne Medizinmann Elkshoulder und diesem Meister der Schamanen.

Wir zelteten in den wildesten Gegenden, schliefen in Jurten und gelegentlich in einem Hotel, aßen Hammelfleisch in Teigtaschen und auch ein Murmeltier, das die Nomaden geschossen hatten.

Die Mongolei ist eines der reichsten Länder was Bodenschätze betrifft. Kupfer, Gold, Kokskohle und seltene Erden – diese werden etwa für die zukünftige E-Mobilität gebraucht – werden von internationalen Konzernen abgebaut; dabei werden weite Flächen verwüstet. Franzosen suchen nach Uran. Zudem lassen die Chinesen riesige Flächen der instabilen Steppenböden pflügen, um darauf Raps (als Rohstoff) und Getreide anzubauen. Wir konnten sehen, wie Windböen den Staub der trockenen Böden aufwirbelte. Es erinnerte mich an die Staubstürme (dust bowls) in den 30er Jahren, wobei in den amerikanischen Steppen über 400,000 Quadratkilometer fruchtbarer Mutterboden vom Wind weggetragen wurde. Auf diese Weise verlieren die Nomaden immer mehr Weideflächen – deswegen auch die Überbeweidung. Viele Mongolen geben das Nomadentum gänzlich auf und ziehen nach Ulan Bator, eine Metropole, die aus allen Nähten platzt.

Gottseidank gibt es auch noch unberührte Naturgebiete in der Mongolei, die unter Schutz vor Ausbeutung stehen. Als wir in einem solchen unsere Zelte aufschlugen, heulte in geringer Entfernung ein Wolf. Ein wunderbarer Gruß! Mit Bold, einem einheimischen Kräutermann, der aussah wie ein Indianer, erforschten wir die Gegend. Selbstverständlich wusste er nichts von den, in den Pflanzen enthaltenen Wirkstoffen, manchmal gab er ganz unvermutete Indikationen an, die sich nicht mit der Wirkstoffanalyse decken; im Westen glauben wir ja, dass diese es sind, die die Heilung voranbringen. Was ist das also hier? Placebo-Effekte? Nein – sagte Marianne, eine mitreisende Ärztin, die sich in TCM auskennt – jenseits ihrer Inhaltsstoffe wirken Kräuter auf Energieflüsse und Blockaden, auf das Chi’i.

Schon hinter der Grenze zwischen Russland und der Mongolei fing die Taiga an, das unendliche Waldgebiet Sibiriens. Wir fuhren einige Tage durch das Bargusin-Tal, dem „Land der tausend Geister“, durch eine fast unberührte Landschaft, die an die alte Steinzeit erinnerte.    
Der Weg führte zum Baikalsee, der größten Süßwasserreserve der Welt. Mich konnte es nicht halten: raus aus den Klamotten und rein in den See. Wie kann man das Gefühl beschreiben. Es ist magisch! Die Energie eines Sees, der 65 Millionen Jahre alt ist! Der See ist 673km lang und um die 80 km breit.

Einen ganzen Tag verbrachten wir auf einem Dampfer, der uns zuerst an eine Insel brachte, wo wir uns vorsichtig an eine Kolonie der endemischen Seehunde, der Baikalrobben, heranschleichen konnten. Wir übernachteten mehrmals bei russischen Bauern, die uns ebenfalls mit reichlich bedeckten Tafeln großzügig versorgten und uns immer wieder mit fröhlichem Trinkspruch – Auf die Gesundheit! Auf eine gute Reise! Auf die Liebe! Auf die Freundschaft! Auf die Frauen! Auf alle Guten Dinge! ... – anstoßen ließen. Jeden Abend gab es die Banja, das Schwitzen im Badehaus, samt Schlagen mit Birkenruten. Das hielt uns gesund und ließ den Wodka wieder verdampfen. Ah! Die russische Seele! Ein Geschenk Gottes an die Menschheit. Und draußen, in den Vollmondnächten heulten die Wölfe!

Am letzten Tag, ehe wir von Irkutsk abflogen, besuchten wir den burjatischen Schamanen, Walentin Wladimirowitsch Chagdaew, der mit einem hufartig gespaltenen Daumen an der linken Hand geboren wurde – ein sicheres Zeichen seiner schamanischen Berufung. In einer Holzjurte mit Feuerstelle in der Mitte, machte er eine kleine Feuerzeremonie und ein Milch-Wodka-Opfer. Dann erzählte er uns vom Ursprung der Welt: Eine Ente tauchte in die Tiefe, holte Schlamm hervor und formte daraus die Erde. Mächtige Mammutelefanten pflügten diese und formten so Berge und Täler ... Es ist fast dieselbe Kosmogonie, die ich von den Indianern einst hörte. Das erstaunt aber nicht; schließlich kamen die Vorfahren der Indianer aus der Baikal-Region und Ostsibirien.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Euch bedanken, dass Ihr meine Veranstaltungen besucht und meine Bücher lest, denn nur so konnte ich mir diese Reise leisten. Ich freue mich schon, Euch viel mehr über die Schamanen, den heiligen Baikalsee und der Ethnobotanik dieses zauberhaften Teils unserer Welt erzählen zu dürfen.

Noch etwas: Am 1. Oktober feierte ich meinen 75. Geburtstag. Meine Heimatstadt Crimmitschau lud mich ein: Am 30.September wurde zu meinen Ehren dort ein Baum gepflanzt; es war – sehr passend, finde ich – eine amerikanische Roteiche. Am Abend hielt ich im Stadttheater einen Vortrag und am nächsten Morgen durfte ich mich, im Beisein von Ratsherren und meiner Familie, im Goldenen Buch der Stadt eintragen. Es folgte noch ein Stadtkräuter-Spaziergang, zu dem mich die „Kräutergabi“ (Gabi Zens) animiert hatte.
Am 2. Oktober erfuhr ich, dass meine Mutter, im 101. Lebensjahr, das Zeitliche gesegnet und ihre körperliche Hülle verlassen hat.

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es.
- Goethe

Jetzt, Mitte Oktober, ging es nach Nova Scotia. Ich wurde eingeladen, dort über die Pflanzen und über die Ureinwohner, die Mi’kmaq- Indianer etwas zu erzählen. Auch hatte ich einen Vortrag über „The conciousness of plants“ am 9. November in New York. Im nächsten Newsletter werde ich davon erzählen.

Kostenloses Webinar

Thema: Mein amerikanischer Kulturschock
Termin: Donnerstag, den 16. November um 19.00 Uhr

Hier gehts zum Webinar

Vorträge

Zum Schluss möchte ich gern auf die ersten Vorträge in 2018 aufmerksam machen und einladen:

12. April Vortrag:"Meine Un-Kräuter" in Dornbirn
26. April Vortrag:"Meine Un-Kräuter" in München

Mit lieben Grüßen aus dem herbstlichen USA,
Wolf-Dieter

 

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