Die Goldrute (Solidago virgaurea: S. canadensis)

Freundlich leuchten die goldgelben Blüten der einheimischen Goldrute dem Wanderer entgegen, dessen Weg durch den lichten, herbstlichen Laubmischwald oder durch die Gebirgswälder führt. Schon die keltischen und germanischen Stämme Europas schätzten die Pflanze als entzündungshemmendes Wundheilkraut. Im Mittelalter, einer Zeit in der die Urinschau in der ärztlichen Kunst eine wichtige Rolle spielte, entdeckte man diesen Korbblütler als Heilmittel für die Harnorgane. Die alten Kräuterärzte sahen in der gelben Blütenrispe die Signatur eines gesunden Urinstrahls.  Sie verwendeten das Kraut als Tee zum „Lösen des (Nieren-) Steins“ und zum „Reinigen des groben Schleim aus den Harngängen“. Auch bei „Bauchflüssen“, Ruhr und Blutspeien wurde das in rotem Wein gekochte Kraut getrunken.

Das Nierenkraut

Der geniale Arzt Johann Gottfried Rademacher, der die Überzeugung hegte, dass die Natur für jedes Organ ein spezifisches Heilkraut bereitstellt, machte die einheimische, „echte“ Goldrute als das Nierenkraut aus. Er verschrieb es bei Nephritis, Blasenhalsentzündung, Urämie und Harngrieß. Von der aus Nordamerika eingebürgerten „falschen“ Goldrute hielt er nicht allzu viel. Und dieser Meinung sind viele Kräuterexperten noch immer.

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Die kanadische Goldrute, eine äußerst vitale, hohe Staude mit goldgelben Blütenschweif, kam im 17. Jh. nach Europa und wurde bald zur neusten Gartenmode. Jeder Gartenbesitzer wollte den Herbstblüher haben. Der Neuankömmling ließ nicht bitten: Mit seinen Kriechwurzeln überwucherte diese Pionierpflanze die Beetränder, und die zahllosen, winzigen Flugsamen machten sich wie Fallschirmjäger auf, den gesamten Kontinent zu erobern. Inzwischen hat sich die Ruderalpflanze an Bahndämmen, Wegrändern, brachliegenden Äckern, Halden und andere besonnten, tiefgründigen Böden dermaßen breit gemacht, dass die Naturpuristen über „Überfremdung“ und „Verdrängung“ der einheimischen Flora jammern.

Die Heilkraft der kanadischen Goldrute

Von der Heilkraft der amerikanischen Goldrute war mir nichts bekannt, bis ich vor einigen Jahren an der Sheridan-College (Wyoming) eine Vorlesung über Heilkräuter hielt. Dabei erwähnte ich das europäische Goldrutenkraut als bewährtes Nierenheilmittel. Unter den Zuhörern befand sich eine Frau, der es gesundheitlich offensichtlich recht schlecht ging. Sie war blass, abgemagert und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Erst ein Jahr später traf ich sie zufällig wieder in der Stadt, wobei ich feststellen konnte, dass sich ihr Zustand sichtlich verbessert hatte. Darauf angesprochen, entgegnete sie: „Ja, ich war damals schwer nierenkrank. Die Ärzte konnten mir nicht helfen. Da habe ich ihren Rat zu Herzen genommen und mir Tees aus der Goldrute gemacht. Ich habe das getrocknete Kraut in kalten Wasser eingeweicht, 10 Stunden ziehen lassen – genau wie sie es beschrieben haben – und täglich mehrere Liter davon getrunken. Nach einiger Zeit ging es mir besser, und nun habe ich überhaupt keine Beschwerden mehr.“

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Die Goldrute, die ihr das Leben rettete, war nicht die europäische, sondern die dort heimische kanadische Solidago. Tatsächlich kannten auch die Indianer die Goldrute als Nieren- und Wundheilmittel. Die Zuni in Neumexiko bereiten einen Kaltwasserauszug aus den Zerstampften Blüten bei „Schmerzen im Körper“. Verschiedene Stämme verwenden die Abkochung der „Sonnenmedizin“ um Wunden und Geschwüre zu heilen. Sie kauen die Blüten bei Halsschmerzen.

Die echte und falsche Goldrute

Inzwischen haben Wissenschaftler die Unterschiede zwischen der „echten“ und der „falschen“ Goldrute untersuchen lassen. In beiden sind, in unterschiedlichen Konzentrationen, dieselben oder ähnliche Wirkstoffe vorhanden. Die Kommission E, die es sich zur Aufgabe macht, die wichtigsten Heilkräuter nach wissenschaftlichen Kriterien zu untersuchen, bestätigt, dass alle Solidago-Drogen harntreibend, krampflösend sowie entzündungshemmend wirken. Sie eignen sich allesamt zur „Durchspülung bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Harnsteinen und Harngrieß.“ Die Goldrutensaponine – insbesondere bei der europäischen Goldrute – haben zudem eine antifungale Wirkung, insbesondere auf den Candida-Pilz.

Goldrute auf dem Vormarsch

Die Niere ist zuständig für die Ausscheidung von Abfallprodukten des Stoffwechsels, für die Regulierung des Salz- und Wasserhaushalts des Körpers. Es sind nicht nur Schadstoffe und vagabundierende Chemikalien, die diesem Organ heutzutage zu schaffen machen. Auch Stress und Beziehungsprobleme können einem „auf die Nieren gehen“. Psychosomatiker sagen, dass die Nierentätigkeit auch mit dem Ausscheiden negativer Gefühle zu tun hat, insbesondere solche, die mit zwischenmenschlichen Beziehungen, sozialen wie geschlechtlichen, zu tun haben. Nierenerkrankungen stellen sich oft ein bei Verlust von Besitztümern, sozialer Position, eines Geliebten. Nierenprobleme haben zu tun mit gestauter Wut, die an Stelle von Trauer und Traurigkeit eintritt. Die Homöopathen erkennen in der Solidago-Persönlichkeit jenen Typus, der dem Verlangen nach liebender Verbindung mit vernünftiger Zurückhaltung begegnet. Derartige Probleme scheint es heutzutage viele zu geben. Single-Haushalte und Single-Bars zeugen von zunehmender Bezugsunfähigkeit. Kein Wunder, dass Goldruten als „Unkraut“ auf dem Vormarsch sind. Mutter Gaia sorgt somit für die Gesundheit ihrer Menschenkinder. Auch für die Bienen und anderen Gliedertierchen, die in den goldenen Blüten eine reiche Nektar- und Pollenquelle finden, sorgt sich die Erdmutter.

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  • Cornelia Jansch
    Antworten

    Lieber Wolf-Dieter,

    danke für den informativen Artikel.
    Im Absatz ‚Die Heilkraft der Kanadischen Goldrute‘ hat sich ein Tippfehler unter dem Foto eingeschlichen: Soldiago
    Ich freue mich, Dir morgen in der NDR-Talkshow zuhören und zusehen zu können (leider nur via TV).

    Viele Grüße
    Cornelia Jansch (Fachberaterin für Selbstversorgung mit essbaren Wildpflanzen, Phytotherapeutin)

    • Lisa Storl
      Antworten

      Liebe Cornelia,

      vielen Dank für den Hinweis!

      Beste Grüße,
      Lisa Storl

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