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Stress – Kämpfen oder fliehen

Eigentlich leben wir wie im Schlaraffenland. Wir wohnen recht komfortabel und haben so viel zu essen, dass – in der westlichen Welt – die Hälfte der Nahrungsmittel im Müll landet. Und dennoch sind wir Spannungen ausgesetzt, auf die wir in unserer Entwicklungsgeschichte nicht vorbereitet wurden: Nachtverkehrsgeräusche und ferne Sirenen, die den Schlaf stören; Elektrosmog und elektromagnetische Felder (mobile Telefone, TETRA-Behördenfunk, WLAN, das geplante 5G-Netz usw.), die unsere Körperzellen belasten; grelle Straßenbeleuchtung, die dem Organismus signalisiert, dass es ewig Vollmond ist, und die Zirbeldrüse (Melatonin-Produktion, Schlaf-Wach-Rhythmus) in Bedrängnis bringt.

„»Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.«“

Johann Wolfgang von Goethe (Faust I)

Das Selye-Syndrom

Oft weckt uns der Wecker, ohne dass wir richtig ausgeschlafen sind, wir schlucken ein zuckerreiches Frühstück und Kaffee herunter, um in Gang zu kommen, um dann auf dem Weg zum Job im Stau zu stehen. Es folgen Frust und Mobbing am Arbeitsplatz und ein weiterer Stau auf dem Heimweg. Zum Abspannen genehmigt man sich dann etwas Alkoholisches und taucht ins Bildschirmgeflacker ein, mit Bildern von Totschlag und Gewalt, die den Blutdruck steigen lassen. Vielleicht wird dieser fatale Brei auch noch
durch Termindruck, Versagensängste oder eine gestörte Partnerbeziehung gewürzt. Ein solches Leben hält das uralte Reptilienhirn, das Erbe unserer evolutionären Vorfahren, in ständiger Alarmbereitschaft. Wenn derartige Spannungen über längere Zeiträume anhalten, ohne dass richtige Entspannung möglich ist, dann kommt es zum Selye-Syndrom oder AAS (Allgemeines Anpassungssyndrom) oder, wie wir es in der Alltagssprache nennen, zu Stress. Dann ist unser vegetatives Nervensystem überfordert und der Sympathikus befindet sich im Dauereinsatz.
 
Das vegetative oder autonome Nervensystem heißt so, weil es autonom reagiert, es lässt sich nicht mit dem Willen beeinflussen – es sei denn, man ist ein Meister des Yogas, aber das sind die wenigsten von uns. Dieses vegetative Nervensystem besteht aus Sympathikus und Parasympathikus. Der eine bereitet uns in Situationen, die unser archaische Reptilienhirn als Gefahr wahrnimmt, auf Flucht oder auf Kampf vor. Der andere, der Parasympathikus, hilft uns entspannen, wenn die Gefahr vorbei und die Flucht gelungen ist oder der Kampf erfolgreich beendet wurde. Der eine regt an, der andere regt ab und lässt uns zur Ruhe kommen, ermöglicht gute Verdauung und guten Sex.

Wenn ein Organismus Gefahr wahrnimmt, kann er fliehen oder kämpfen.

Hirsche

Schauen wir uns die sympathetische Reaktion an. Wie verläuft diese Kampf-Flucht-Reaktion? Was passiert im Körper?

  • Die Muskeln verspannen ebenso wie Venen, die bei anhaltender Spannung Risse bekommen können; der Körper versucht diese mit Cholesterin-Plaques zu flicken.

  • Die Pupillen erweitern sich (»Vor Wut kaum sehen können«).

  • Der Mund wird trocken (»Es bleibt einem die Spucke weg«).
    Der Verdauungsvorgang wird aufs Abstellgleis geschoben; die Magen-Darm-Aktivität und die der Bauchspeicheldrüse werden gehemmt. Der Sphinkter (Schließmuskel) wird verschlossen, sodass es zur Verstopfung kommt. Daher der Wiener Ausdruck »Gehn’s scheißn!« für: »Entspannen Sie sich!«.

  • Es schnürt einem die Kehle zu.

  • Die übergeordnete Hirnanhangdrüse (Hypophyse) aktiviert
    das endokrine Hormonsystem und stimuliert die Stress- und Aggressionshormone, Adrenalin und Noradrenalin.

  • Rücken und Nacken verspannen, die Haare stehen einem zu Berge (wie bei ängstlichen Tieren, Hunden oder Katzen, sträuben sich die Nackenhaare) und Schauer laufen einem
    über den Rücken.

  • Die Bronchien erweitern sich; es kommt zu schneller und flacher Atmung, um dem Gewebe rasch Sauerstoff zuzuführen.

  • Der Kreislauf wird hochgefahren, der Herzschlag beschleunigt sich (Herzjagen); Blutdruck und Puls steigen.

  • Zwecks Energiezufuhr wird Zucker ins Blut gepumpt.

  • Man wird blass, weil sich das Blut von der Hautoberfläche zurückzieht, um bei einer eventuellen Verwundung den Blutverlust zu verringern. Die Füße werden kalt.

  • Man zittert und schwitzt kalten Schweiß (Angstschweiß).

  • Das Zwerchfell verkrampft sich.

  • Es herrscht »tote Hose«. Anhaltender Stress führt zu Erektionsschwierigkeiten und Frigidität

Wald

Der Wald hilft Stress zu reduzieren 

Vorübergehende Anspannung ist nicht schädlich. Wir sind evolutionsbiologisch darauf eingerichtet. Schädlich wird es dann, wenn Stress und Reizüberflutung anhalten und wir kaum Ruhe und Entspannung finden. Dann kann es zu chronischer Schlaflosigkeit kommen; das Stresshormon Cortisol hemmt Melatonin. Anhaltender Stress lässt das Blut überzuckern und ist ein Faktor für die Auslösung eines Diabetes; chronische Muskelverspannung begünstigt muskuläre Atrophie; hoher Blutdruck und Herzrasen führt zu chronischen Herzleiden. Herz-Kreislauf-Versagen,
heute die Haupttodesursache in der urbanen, technologisierten Welt, war einst fast unbekannt. Da das vegetative Nervensystem die Funktion fast aller Organe steuert, kann man vermuten, dass die meisten heutigen Krankheiten auf Stress zurückzuführen sind.

 

Da bietet der Wald Hilfe an!

Alleine einen Wald oder einen Park aus dem Fenster anzuschauen entspannt und regt die guten Geister im Menschen an. Yoshifumi Miyazaki, Professor an der Chiba-Universität in Japan, hat das gemessen: Allein beim Betrachten des frischen Grüns sank der Stressspiegel bei den Untersuchten um 13,4 Prozent. Zu einem ähnlichen Schluss kommt Roger Ulrich, Professor für Architektur, der sich auf das Entwerfen von Krankenhäusern spezialisiert hat. In beweisgestützten (evidenzbasierten) Studien konnte er zeigen, dass allein schon der Blick vom Krankenhausfenster auf einen Baum die Heilung beschleunigt. Die Patienten brauchen weniger Schmerzmittel, leiden weniger an postoperativen Komplikationen und Depressionen. Er konnte ebenfalls nachweisen, dass die Bewohner eines Stadtviertels umso gesünder sind, je mehr Bäume es im Viertel gibt.

Frauen in guter Hoffnung, sagt Ulrich, sollten sich viel im Grünen aufhalten, denn dann verlaufen Schwangerschaft und Geburt viel einfacher. Das wussten die Inder schon lange; in den Shastras heiß es, Schwangere sollten viel Zeit in schönen Baumgärten verbringen. Was sie da sehen, riechen und hören nehmen sie in ihre Seele auf und das kommt dem Kindlein zugute.

„Es geht eine magische Kraft aus vom Walde, ein unbestimmtes Weißnichtwas, das sänftigend auf Gemüt und Seele und anregend auf die Sinne wirkt.“

Carl W. Neumann (1871–1939)

Auszug aus dem Buch "Wir sind Geschöpfe des Waldes"

In meinem Buch, Wir sind Geschöpfe des Waldes, geht es um mein gesammeltes Wissen zur geliebten “grünen Lunge”. Der Wald ist nicht nur ein Ökosystem irgendwo da draußen; der Wald ist auch in uns, er ist Teil unserer Seelenlandschaft. Unsere Verbundenheit mit den Bäumen hat innige und tiefe evolutionäre Wurzeln.

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