Mittsommer

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Endlich Sommer. Endlich die ersehnte Wärme nach einem langen kalten Winter und kühlen verregneten Frühling. Blütenwunder. Summen und Zirpen in wogenden Gräsern, sanftes Muhen der Rinder, Kuhglocken klingen über den Wiesen der Alp (Alm), Vögel singen, das duftende Heu der Bauersleut ist geschnitten, Menschen baden im Baggersee und einige sammeln Kräuter. Es ist Mittsommer.  Was für eine magische Zeit. Mutter Erde träumt ihren Sommertraum.

Es war, als hätt‘ der Himmel Die Erde geküsst, Dass sie im Blütenschimmer Von ihm nur träumen müsst.

– Joseph Freiherr von Eichendorf

Holunderküchlein zur Sommersonnwende

Üppig blüht – wie immer zur Sommersonnwende – der Holunder. Heuer haben wir am 21. Juni, dem längsten Tag und der kürzesten Nacht des Jahres, viele Holunderblütendolden gesammelt, in Bierteig getaucht, frittiert und mit einem Kompott aus reifen Erdbeeren gegessen. Ach, war das lecker! Als echter Feinschmecker könnte man das auf die Spitze treiben und die Holunderküchlein mit Ahornsirup und Schlagsahne schlemmen. 

Der Brauch Holunderküchlein zu essen, geht bis in vorchristliche Zeiten zurück. Im Allgäu wurde einst der Schmalz, in denen die Küchlein gebraten wurden, als Heilsalbe verwendet. Die übrig gebliebenen, gesammelten Blüten liegen an einer schattigen Stelle im Haus auf Papier und trocken. Im Winter, wenn es wieder Grippe- und Erkältungszeit ist, werden sie gute Dienste leisten, denn ein Holunderblütentee ist ein wirksames Mittel gegen Viruserkrankungen und hilft das Immunsystem anzuregen.

Holunder

Holunder (Sambucus)

Die Johanniskräuter

Die Holunderblüten gehören zu den Johanniskräutern, die zu dieser Zeit, in der die Sonne in dem Tierkreiszeichen der Zwillinge am Zenit steht, gesammelt werden. Diese Heilkräuter tragen das Licht der Sonne in sich und vermitteln dessen Heilkräfte:

  • Der Kräuterbüschel enthält selbstverständlich das Johanniskraut oder Hartheu (Hypericum perforatum), dessen Tee die Nerven entspannt und beruhigt, und trübe Gedanken und Melancholie vertreibt. Hypericum bedeutet „über dem Bild“, das heißt, es vertreibt krankhafte Einbildungen. Teufelsflucht ist ein weiterer Name der lichtdurchfluteten Pflanze.

Johanniskraut (Hypericum perforatum)

Johanniskraut
  • Die Kamille gehört mit zu diesen gesegneten Kräutern. Sie heilt Wunden und vor allem Entzündungen im Darmbereich. Die Skandinavier weihten sie dem Sonnengott Baldur.
  • Die Arnika, auch Bergwohlverlei genannt, das Mittel bei Prellungen und frischen Wunden, wurde einst um die Kornfelder gesteckt, damit der Kornwolf oder die Roggenmuhme, die Träger der Wachstumskraft, das Getreidefeld nicht verlassen oder damit der Bilwis oder Bilmesschneider keine Kornkreise (Hexenschnitte) in die Felder zaubert.
  • Der Beifuß, den man als „Johannisgürtel“ trug, wenn man über das Sonnwendfeuer sprang, und der Bärlapp, den man mit in den Gürtel flocht, gehörten auch zu diesen heiligen Pflanzen.
  • Weitere Johanniskräuter waren der Thymian oder Quendel, die Ringelblume, die Schafgarbe, der Ziest, Eisenkraut, Klette, Kümmel, Königskerze, Gundermann, Margeriten, Rotklee, Blutwurz und andere.

Schafgarbe (Achillea)

Die Sommersonnenwende

Einst wurde die Sommersonnwende, ähnlich wie die Wintersonnwende, volle zwölf Tage lang gefeiert. Dabei spielte das Feuer eine wesentliche Rolle. Mit der Feuerlohe, wie auch mit dem Rollen brennender Scheiben und Fackelläufen gab man der Sonne Beistand. (Später versuchten die kirchlichen Behörden das Rollen brennender Räder zu verbieten, nachdem um 800 n.u.Z. das Kloster Fulda deswegen abrannte.) Einzeln oder händehaltend sprang man über die Glut des Feuers, von der einen in die andere Jahreshälfte. Es war ein Freudenfest und es reinigte Leib und Seele, denn die kleinen dämonischen Geister, die sich so gerne in unsere Aura einnisten, springen ab, da sie nicht die Hitze nicht ertragen können. Die Bauern glaubten, wie hoch man sprang, so hoch würde das Korn und der Flachs werden. Die „Sonnwendbuschen“, die Büschel heilender Kräuter, wurden kurz an das Feuer gehalten, um sie mit Feuer- und Sonnenkraft aufzuladen. Sogar die Asche von dem Sonnwendfeuer sammelte man, denn auch diese galt als heilend. Das Baden im frischen Morgentau am Johannistag galt ebenfalls als heilend.

Veranstaltungstipp

Live Stream Vortrag "Die Seele der Natur"

Im Vortrag nähern wir uns dem geheimnisvollen Wesen und den seelischen Dimensionen der Pflanzen. Der Kopf, das klare Denken sind wichtig und hilfreich, um die Welt zu verstehen. Doch dem Herzen offenbart sich das große Mysterium unseres Seins. 

Sei live dabei am 8. Juli 2021 um 19:30 bei meinem ersten Live Stream Vortrag und stelle deine Fragen.

Infos & Tickets unter: storl.de/events

Das sind nur einige der vielfältigen überlieferten Bräuche, die sich auch oft je nach Region lokal unterschieden. Um sie alle aufzuzählen, müsste ich ein ganzes Buch schreiben, doch dazu fehlt mir die Puste. Etwas zu dem Thema habe ich ja schon in dem Buch Pflanzen der Kelten (Seite 160-164) und in dem Buch Einsichten und Weitblicke (Seite 242-244) geschrieben. Es sind die Feste, die seit Jahrhunderten gefeiert wurden und die uns, wenn wir sie begehen, mit unseren Vorfahren in Verbindung bringen können.

Ein Sonnwendfeuer konnten wir dieses Jahr noch nicht machen, denn am Abend zogen die Gewitterwolken herbei und brachten fruchtbaren Regnen: Der Donnergott, der Gefährte und Begatter der Erdgöttin, zog blitzend auf seinen Gewitterböcken über das Land und segnete es. Aber das macht nichts, denn die heilige Zeit erstreckt sich, wie gesagt, über zwölf Tage hinweg.

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Diskussion

  1. Vielen Dank für den schönen Text. Bin im Allgäu aufgewachsen, lebe jetzt südlich der Alpen. Hier ist der Holunder leider schon verblüht, ich habe den Aufgang des Mondes heute am Johannistag still gefeiert, um mich blinken dutzende Lichter der Glühwürmchen, und Grillen zirpen in die Nacht. Die Kräuter, die ich in den nächsten Tagen und Wochen bis zum Liebfrauentag, Maria Himmelfahrt, sammle und trockne, werden mir an kalten dunklen Wintertagen die Erinnerung an reifende Felder, grüne Wälder, bunte Wiesen, an helle Nächte, kurz, den ganzen Zauber des Sommers, zurückbringen.

  2. Vielen lieben Dank für die IMMER ganz tollen Briefe. Ich hätte eine Frage: von wann bis wann feierte man die 12 heiligen Tage? Alle vor der Wende? Oder danach? Oder 6 voher, 6 nachher? Habe leider zu diesem Thema wenig bis keine Literatur gefunden. Danke und liebe Grüße aus Wien

  3. Vielen Dank für den wunderbaren Newsletter . Immer eine Bereicherung für Herz und Seele. Alles Gute und eine kraftvolle Mittsommerzeit!

  4. Erstaunlicherweise, nein, wundersamer Weise, ist auch dieses Jahr, trotz des vielen Regens und auch Kälte, heute am 24. Juni, die erste Blüte des Johanniskrauts aufgegangen!

  5. Ich freue mich immer über den newsletter, zwischen all dem anderen “Kram”, der so im Internet versendet wird, lässt er mich innehalten und meditativ werden. Danke sehr dafür. Vieles ist mir bekannt, vieles wird erweitert. Sei behütet, und Deine Familie auch.
    Es ist kostbar, was da immer steht. Danke.


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