| Ein Rückblick |
Der Urschamane der Cheyenne war Motseyiuef, oder „Stehende Süßwurzel.“
Die heiligen himmlischen Wölfe, die ihr Lager in den ewigen Sternen (bei
Aldebaran und Rigel) haben, waren seine Lehrmeister. Nachdem er auf die
Erde herabkam, lebte er 450 Jahre mit den Cheyenne und brachte ihnen
alles bei, was sie zum Leben zu wissen brauchen. Jedes Jahr, wenn es
Herbst wurde, wurde er alt, schwach und grau, aber dann über Winter
sammelte er seine Kräfte und im Frühling war er dann wieder jung und
stark.
Ein bisschen gelingt es mir diesen Aspekt Motseyiuef nachzuempfinden. Im
Herbst bin ich ziemlich ausgelaugt und saftlos. Da ist es höchste Zeit
sich zu erholen und Lebenskraft zu schöpfen.
Das tue ich meistens am
Meer, der Mutter des Lebens, da tauche ich in die Fluten und heile Leib
und Seele im Tanz mit den Wellen. Und dann, wenn der Winter tiefer wird,
folgt die Zeit der Abgeschiedenheit, da schreibe ich, hacke Holz und
stampfe mit den Hunden durch den Schnee. Wenn im April der Schnee
schmilzt und das Grün der Allgäuer Matten wieder zum Vorschein kommt, da
fühle ich neue Kraft. Die Zwerge verlassen die Geborgenheit des Herdes
und ziehen in den Garten. Auch mich zieht es hinaus und das Schreiben
muss ruhen. Umgraben, Beete anlegen, säen und pflanzen ist angesagt. Und
bald fangen die ersten Seminare und Kurse an.
So war es auch dieses Jahr.
Ein Höhepunkt war die Gründung des
Ethnobotanischen Instituts
Kaum war ich zurück im Allgäu, da musste ich gleich am nächsten Tag zu
einem Kräuterseminar im hohen Norden fahren, nach Nordholz bei Cuxhaven
am Wattenmeer. Als der Kurs begann, war gerade Ebbe; das Meer war wie
von Zauberhand verschwunden, nichts als grauer Schlick bis zum Horizont!
Also Schuhe aus und Wattwanderung! Kommentare einiger „Landratten“, die
das noch nicht kannten: „Igitt. In dem Matsch sollen wir laufen?“ oder
ein besorgtes, „Beißen die Krebse?“ Als wir uns auf den Weg machten und
das feste Land immer weiter in die Ferne rückte, rückte auch der Alltag,
den die Teilnehmer mitgebracht hatten, in die Ferne. Man hatte immer
mehr das Gefühl, sich am Rande Midgards zu befinden. Krebse und Krabben
bewegten sich in den Sielen, Wattwürmer hinterließen Spuren, hier und da
durchzogen Muschelbänke das Schlick, und am unendlich weiten Himmel
turnten und schrieen die Möwen. Ein Naturwunder, das Wattenmeer!(www.ethnobotanisches-institut.de) durch Sarah und Patrick Moritz im Saarland. Vergessenes Wissen in Wien und Halophyten im Wattenmeer Die
Stimmung wurde zunehmend ekstatisch. Als wir dann, weit draußen,
umkehrten, wandten wir uns den Pflanzen zu. Am Anfang waren es nur etwas
Tang und einige andere Algenarten, Meersalat (Ulva lactuca) vor allem.
In Standnähe kamen dann die ersten Halophyten, die es ertragen können,
vom Salzwasser überspült zu werden, etwa der aufgedunsene Queller, ein
Gänsefußgewächs, dessen Blüten unter dem Wasser durch Schwimmpollen
bestäubt werden. Fantastisch, zu was Pflanzen alles fähig sind! Seegras
(Zostera marina), ein Laichkrautgewächs, der Stranddreizack (Triglochin
maritima), Salzschwaden (ein Rispengras) traten dann auch auf. Und als
es dann zum festeren Stand ging kamen allmählich Pflanzen die einem
bekannter waren: Strandaster, Strandkamille, Edelraute, Strandflieder
(Limonium), verschiedene Melden und die Wilde Rübe, Löffelkraut und so
weiter, und schließlich auch der geliebte Beifuß.
In „de groote Deel“, einem umgebauten Klinkersteinbauernhof, wo wir
übernachteten und aßen, gab es die Speise der friesischen Eingeboren zu
essen: Fisch und Fisch; und Matjes, wie man ihn noch nie gegessen hatte.
Krabben gab’s dazu, auch sie frisch. Ich erinnerte mich an meine
Schulzeit in Oldenburg, wo ich meine ersten vier Schuljahre verbracht
hatte. Da hat die Schulklasse gelegentlich einen Ausflug zum Jadebusen
gemacht. Fischer, die nur dat olle Platt snackten, saßen da mit ihren
Netzen am Strand und pulten Krabben. Uns Kindern gaben sie dann immer
einige zum kosten. Die waren echt lecker! Heutzutage, im globalisierten
Zeitalter, werden die Meerestierchen nach Marokko geflogen und dort – da
der Stundenlohn sehr niedrig ist – aus ihren Schalen gepult, ehe sie
zurück in die Supermärkte transportiert werden. Das ganze dauert 28 Tage
– und so schmecken sie dann auch. Ein kulinarischer Höhepunkt war ein
Mittagsessen mit „Röhr“. Das ist der friesische Name für den
Standdreizack. Dieses Blumenbinsengewächs, das roh etwas nach Chlor
riecht, ist eigentlich geschützt, aber die Eingeborenen haben es seit
Urzeiten gegessen und bestanden auf ihr angestammtes Recht ihren
„friesischen Kohl“ weiterhin zu ernten und zu essen. Sie schützen ja
auch ihre „heilige“ Pflanze, und pflanzen sie sogar im Schick um sie zu
vermehren. Ähnlich wie die Inuit (Eskimo), die ihr Recht auf
Seesäugerjagd verteidigten, so haben die Friesen ihr traditionelles
Recht beibehalten können.
Zum Schluss gab es ein „Puja“-Ritual unter einem alten Baum zum Dank an
Tiere und Pflanzen der Nordseeküste.Kaum war das Ritual vorbei, da fing es an zu regnen. Ich stieg in meine Zauberkutsche, einen 25 Jahre alten Mercedes, in dem – da bin ich sicher – sich ein paar Gnome eingenistet haben und fuhr los mit ständigem Auge auf die Neophythen, die im Mittelstreifen der Autobahn wachsen. Kilometer über Kilometer wuchs da das freundlich gelb blühende südafrikanische Greiskraut (Senecio inaequidens); auch der chinesische Götterbaum war immer wieder zu sehen.
Feuerlauf im SchwarzwaldSchade, dass es keinen Stau gab, so dass man die Pflanzen hätte näher betrachten können. Mein Ziel war das Haus Lichtquell in Todtmoos im Schwarzwald, wo ich die Pflanzen etwas besser kenne als am Strand. Jedes Jahr machen wir dort Kräutererkundungen, Baummeditationen und sitzen am Abend in geselliger Runde am Lagerfeuer. Und jedes Mal schicken uns die freundlichen Götter irgendwelche Musiker, Tänzer oder Künstler in unsere Runde. Diesmal waren es zwei Jungs aus Zwickau; mit Gitarre und Mundharmonika gaben sie wunderbare Interpretationen von Niels Youngs Liedern. Dann irgendwann spät in der Nacht, breitete ganz spontan Therese Eschbach die glühende Kohle vom Feuer zu einem Teppich aus und lud zum Feuerlauf ein. Wer den Lauf wagt, dem durchglüht und erwärmt es Leib und Seele, und wenn man zentriert ist, bekommt man auch keine Brandblasen an den Füßen. Ansonsten betreibt Therese ein Häxehüsli (Hexenhaus) in Wintersingen bei Basel – „da wuseln Wichtelmänner, wispern Elfen ...“ Eine Zone der Verzauberung, die einen Besuch wert ist (www.haexehuesli.ch). Wie immer war auch Peter Ulbrich da, der die Woche, jeden Morgen und jeden Abend, mit einer Feuerpuja segnete. Peter ist Wildhüter und Naturwart im Biosphären Reservat in der Oberlausitz. In seinem Revier gibt es mehrere Rudel frei lebender Wölfe; Seeadler kreisen am Himmel und auch ein paar Elche streifen durch die wilde Landschaft. Er kennt die Natur wie kaum ein anderer – vor allem die Pilze. Also gingen wir Pilze sammeln. In diesem feuchten Herbst gab es ja besonders viele davon. Leider aber hatten schon seit Tagen ganze Heerscharen Pilzsammler den Schwarzwald durchkämmt und die meisten Maronen, Pfifferlinge und Steinpilze weggeholt. Für Peter kein Problem. Er zeigte uns die Arten, welche die normalen Pilzsammler stehen lassen, da sie sie für Giftpilze halten. Zwei große Körbe voll sammelten und verspeisten wir. Neben seinen Feuerzeremonien, die er in Indien von Haidakhan Babaji, gelernt hat, stellt Peter Tinkturen und Elixiere her und baut Schamanentrommeln. ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können ) Ein weiterer großer Naturkenner war in der Woche mit dabei: Frank
Brunke, der die schönen Fotographien für das Buch Die Seele der Pflanzen
gemacht hat. Er scheint wirklich jede Pflanze zu kennen, auch wo die
Art wächst und warum sie dort wächst, weiß er. Wenn ich mal eine Pflanze
nicht kenne, da frage ich ihn und prompt kommt er mit dem korrekten
Namen und auch den lateinischen. Ich erzählte ihm von „Röhr“, den
Friesenkohl, ob er ihn kenne – ich war sicher, den kannte er nicht.
„Ach, meinst du Triglochin maritima?“ fragte er, und ich war platt wie
'ne Scholle. Im Sommer 2011, vom 27 Juni bis zum 3. Juli veranstaltet
Frank eine Seminarwoche in Haus Lichtquell in der schönen Natur rund um
Todtmoos. „Bäume, Wiesen, Landschaft: Entdecken der Vielfalt“ ist der
Thema der Woche. Wenn ich nicht andere Verpflichtungen hätte, würde ich
mich mit einschreiben. (Mehr Info dazu bei www.lichtquell.de)
Während der Woche erklärte Marion Alemeier einer Gruppe Interessierter, was zur natürlichen Pflege ihrer Haare richtig und gut ist, etwa wie man aggressive chemische Präparate, die Haar und Haut verletzen, vermeiden und ersetzen kann durch sanfte, heilsame Kräuterpflegemittel. Mit dem Haar, als Ausdruck der Persönlichkeit und Lebenskraft, sollte man sorgsam umgehen. Marion hält sich, wenn es um Haarpflege geht, an Friedrich Schiller, der einmal sagte: „Nichts führt zum Guten, was nicht natürlich ist.“ Marion betreibt den anspruchsvollen, innovativen Friseursalon, „Im Wesentlichen Haare“, in Köln. (www.im-wesentlichen-haare.de ) Lichtquell Peter Wenzel, der Gründer von Lichtquell, ging im letzten Jahr in die geistige Welt ein. Er war ein charismatischer, gottestrunkener spiritueller Lehrer, der die suchenden Seelen an das göttliche Selbst, das in jedem Herzen wohnt, zu erinnern versuchte: „Aus dir strahlt Gottes ewige Liebe. Gottes Friede segnet Dich. Seine Gegenwart erleuchtet jetzt Dein Herz, nun und in Ewigkeit.“ Ein schweres Schicksal traf Peter Wenzel. Nach einer Hirntumoroperation gaben ihn die Ärzte noch 3 Wochen zu leben. Er war gelähmt, konnte nicht mehr sprechen und alle 15 Minuten musste Schleim und Speichel aus einer Öffnung im Kehlkopf gesaugt werden. Aber er gab nicht auf, er blieb noch weitere 16 Jahre auf Erden. Dadurch verstand er, wie er sagte, wenn es heißt: „Ich habe einen Körper, bin aber nicht mein Körper.“ Ich hatte den Eindruck, dass er, während dieser 16 Jahre, wie ein großer Yogi, auf Seelenreise ging und bei jedem Seminar, das wir veranstalteten, mit dabei war. Als Bairam, der Lichtquellleiter, mich und Hky einmal zu einem Besuch an sein Bett mitnahm, buchstabierte Peter, indem er mit einen Finger auf eine Tafel mit Alphabet zeigte, folgenden Satz: „Ich höre, bei deinem Seminar wird viel gelacht und getanzt?“ Ich schluckte, wahrscheinlich würde es keine weiteren Seminare geben, denn Lichtquell war als ein seriöses spirituelles Zentrum gedacht und da ist doch eine so eine oft ausgelassene Stimmung fehl am Platz. Er buchstabierte weiter: „Das ist gut! Das gefällt mir.“ Nachdem Peter gestorben war hat Bairam für ihn eine große Engelstatue zum Dank aufgestellt. Diese Statue weihten wir mit einem Pujaritual ein. Auch da konnte man Peters Gegenwart spüren. Bairam Leka ist der Leiter von Lichtquell. Als ich ihm vor vielen Jahren
sah das erste Mal begegnete, wechselte er gerade das Bettzeug, kehrte
Böden und putzte Toiletten in dem Seminarhotel. Der junge Asylant, dem
Kriegswirren im Kosovo entkommen, hatte eine offene und freundliche
Natur. Sein Deutsch war zum Schießen, besonders wenn er von einigen der
„Heiligscheinenden“ – er meinte, Scheinheiligen – , die ihm manchmal in
der Eso-Szene begegneten, erzählte. Inzwischen ist er so etwas wie die
Verkörperung des amerikanischen Traums in Deutschland – als Einwanderer
vom Tellerwäscher zum Chef. Seine Geschichte hat Bairam nun in ein
Büchlein verfasst. Das Buch, von Shiva-Devotee Konrad Halbig
(KOHA-Verlag) herausgegeben, heißt „Kurs in Liebe“. Die Essenz des
Büchleins: „Die Liebe leben und das Leben lieben!“ Für mich ist Bairam,
Bhai-Ram, das ist Hindi und bedeutet „Bruder Gottes.“
Benvenuti in Italia! Am Sonntag noch, nach Abschluss des Pflanzen-Seminars und nachdem wir den Kräuter- und Blumengarten der Bäuerin Calixta besucht hatten, sattelte ich meinen weißen Hengst und ritt Richtung Italien, also, fuhr – Mantras von Krishna Das und Meera Ma oder Lieder von Gerhard Gundermann im CD-Spieler – über Mailand und Bologna in die Toskana. Aber nicht zu den Weinbergen und Olivenhainen, sondern in die Wildnis des Nationalparks Casentinesi, der größten erhaltenen Waldfläche Italiens. In den Laubwäldern findet man mächtige, uralte, von Naturgeistern bewohnte Kastanienbäume, viele Heilkräuter und an der Schotterpiste süße Brombeeren. Als Neophyt wucherte in aufgegebnen Äckern das chinesische Moxakraut, eine Artemisia-Art, für die jeder Botaniker – so scheint es – einen anderen lateinischen Artennamen vorrätig hat. Nicht nur 'ne Menge Wildschweine, Hirsche und andere Waldbewohner gibt es da, sondern da heulen auch noch die Wölfe. (Leider gibt es auch eine Masse schießwütiger Jäger). In diesen wilden Bergen leben, auf einem alten Gutshof praktisch am Ende der Welt, in dem verlassenen Weiler Il Doccione, Andreas, Renate und Familie. Wunderbare Gastgeber und Musiker sind sie. (www.musikurlaub.com) Auch hier kann man die Abende am
Lagerfeuer verbringen. In der Gegend hat einst der Heilige Franziskus
gelebt. Nicht weit von Il Doccione befindet sich der Berg Monte Penna
mit der Höhle, wo er angeblich stigmatisiert wurde.
Das war das letzte große Seminar in dem Jahr für mich. Der Winter steht vor der Tür Zuhause warteten noch die Kartoffeln, die geerntet werden mussten – würden die Wühlmäuse uns einige lassen? Ja tatsächlich, seit ich mit den Gartenzwergen geredet hatte, als diese eine Party im Garten feierten und ich ihnen Raucherstäbchen und eine Bienenwachskerze dafür schenkte, sind die Wühlmäuse erträglicher, friedlicher geworden. Ich hatte den Zwergenhäuptling – er heißt Reichard – nämlich gefragt, ob er für uns ein gutes Wort bei den Nagetieren einlegen würde. Unsere Äpfel mussten auch noch geerntet werden. Aber an einigen Bäumen waren sie nicht reif geworden, der Sommer war ja ungewöhnlich kühl und regnerisch gewesen. Auch die Tomaten, die ich mit schwarzer Folie im Hintergrund, an die Südwand gesetzt hatte, haben es nicht geschafft reif und rot zu werden. Nach dem sehr kalten, langen Winter – wir hatten mehr Holz verbraucht als in anderen Jahren – da glaubte ich, dass ein richtig heißer Sommer folgen würde. Das wäre doch logisch. Aber nein. Und nun, schon seit dem frühen Oktober, ist der Säntis, der 2500 m hohe Berg, den wir von hier aus sehen, schon bis unten weiß. Die globale Erhitzung scheint uns vergessen zu haben. Mitte Oktober kam prompt der erste Schnee. Zur Frankfurter Buchmesse kam das Interviewbuch „Schamanentum“ beim
Kamphausen-Verlag (Aurum) heraus. Schamane und Schamanismus – jeder
redet davon und keiner weiß so richtig was das ist. In diesem Buch
versuche ich das Thema aus kulturanthropologischer (ethnologischer)
Sicht etwas klarer darzustellen. Auch um unsere eigenen schamanischen
Wurzeln geht es, um indigene Schamaninnen (Weledas, Walas, Spakonas,
Lachserinnen), um den Schamanengott Odin (Wotan, Woden, Wodi, Wuotis) um
den angelsächsischen Kräutersegen und um die Welten in die der Schamane
reist.
Wurzelkundige und weise Frauen Im November hatte ich schließlich noch einige Buchvorstellungen, ein Tagesseminar in Meister Tillmann Schlossers Kräutergarten Artemisia (www.artemisia.de) und war auch eingeladen zum „Wörishofener Herbst“, einer Veranstaltung mit allen möglichen Koryphäen, die der evangelische Berserkerpfarrer Jürgen Fliege ins Leben gerufen hat. Ich dachte, das wäre es auch, denn nun war ich wirklich wie Motseiuef, am Ende meiner Kräfte, reif für die Insel, sozusagen. Aber es meldete sich noch ein Verlag (North Atlantic Books , Berkeley) aus Kalifornien. Sie wollten unbedingt ein Buch, Wortcunners and Wise Women (Wurzelkundige und weise Frauen), das ich vor 25 Jahren in Wyoming geschrieben hatte, herausgeben. Meine Frau hatte das alte Manuskript ihnen zugeschickt und der Verlag war begeistert. Ja, nun musste ich, trotz allem, meine Kräfte sammeln und das Manuskript aktualisieren und auf Vordermann bringen. Das Buch war zustande gekommen, als ich damals an der Sheridan College in Wyoming Vorlesungen zum Thema, „Medical Anthropology“ hielt. Da hab ich den Studenten viel über die Geschichte der Volksmedizin und Heilpflanzenkunde erzählt. Sie wollten wissen, ob es Literatur dazu gäbe. Nein, leider hatte ich die meiste Information durch Gespräche mit anthroposophischen Heilern, Gärtnern, mit Eingeborenen in Süd- und Ostasien und von den Indianern oder auch aus obskuren Schriften der Alchemisten oder Bio-Dynamiker erhalten. Da fragten sie, ob sie wenigstens die Vorlesungsnotizen haben könnten. Klar, das ginge. Und aus den Notizen wurde halt ein Buchmanuskript. Die University of California Press in Berkeley zeigte sich an der Publikation interessiert. Ein Komitee von Experten begutachtete das MS und kam zu dem Schluss, es doch nicht herauszugeben. Warum? Weil ich behaupten würde, dass „analphabetische Schamanen gelegentlich mehr wissen als Akademiker“, und, weil ich zu glauben schiene, dass Pflanzen auf kosmische Einflüsse reagieren oder, dass es Wesenheiten geben könne, die sich jenseits der Erfassungsmöglichkeiten der wissenschaftlichen Analyse befinden. Also legte ich das MS auf Eis und vergaß es bis zum heutige Tag. Inzwischen, jedoch sind diese Themen in weiten Kreisen kein Tabu mehr. Damals, bei der ersten Vorlesung zum Thema medical anthropology (Ethnomedizin), saß mir in der ersten Reihe ein merkwürdiges Paar gegenüber. Schon ihre Kleidung war anders als die, der typischen Studenten. Der Mann eingezwängt in einem engen Anzug, die Frau in Kostüm, ihre Haltung steif und verspannt, ihre Gesichtsminen nicht gerade freundlich. Als ich verschiedene Heilkräuter herumreichen ließ, damit die Studenten sie fühlen und riechen konnten, wiesen sie diese im weiten Bogen von sich, als wäre es etwas Ekeliges. Nach dem Unterricht kam John, einer der Studenten den ich gut kannte, und sagte, „Weißt du wen du da vor dir hattest?“ „Nein, keine Ahnung.“ „Ja,“ sagte der Student, „ das ist ein Doktor. Er ist der örtliche Repräsentant der American Medical Association (die nationale Vereinigung der Mediziner). Der will nur schauen, ob du Diagnosen stellst und Medikamente verschreibst und falls, dann würde er dir an den Kragen gehen, würde dich verklagen wegen illegal practice of medicine.“ Das ungemütliche Paar – die Frau war die Sekretärin dieses Ärztefunktionärs – kam nicht wieder. Als ich von mittelalterlicher Kräuterkunde erzählte und erwähnte, dass da sehr viel Mars in der Brennnessel ist, Mond im Mohn und sehr viel Saturn im prairie sage (Steppenbeifuß), verstanden sie nur noch Bahnhof. Und als dann von „energetisch-ätherischen“ Wirkungen und nicht nur von molekularen Wirkstoffen die Rede war, kamen sie zum Schluss, dass sie es mit einem harmlosen Spinner, einem crackpot, zu tun hatten. Sie dachten wahrscheinlich, dass für mich die Erde noch immer eine Scheibe ist! (Selbstverständlich habe ich nichts gegen gute Ärzte, denen das Heilsein ihrer Patienten am Herzen liegt. Schön, wenn sie wieder zurück zu den Heilkräutern finden würden.) Zum Schluss noch als Betthupferl, ein Gedicht eines meiner Lieblingsdichter, Allama Prabhu, ein Shiva-Verehrer aus Karnataka, aus dem 12. Jahrhundert:
Ich sah,
wie die Blüte aufhörte zu duften, nachdem die Bienen sie besucht hatten. Was für ein Wunder! Ich sah, wie der Intellekt sich verflüchtigte, als sich das Herz öffnete. Ich sah, wie Tempel überflüssig wurden, als Gott zu mir kam. |











Der Urschamane der Cheyenne war Motseyiuef, oder „Stehende Süßwurzel.“
Die heiligen himmlischen Wölfe, die ihr Lager in den ewigen Sternen (bei
Aldebaran und Rigel) haben, waren seine Lehrmeister. Nachdem er auf die
Erde herabkam, lebte er 450 Jahre mit den Cheyenne und brachte ihnen
alles bei, was sie zum Leben zu wissen brauchen. Jedes Jahr, wenn es
Herbst wurde, wurde er alt, schwach und grau, aber dann über Winter
sammelte er seine Kräfte und im Frühling war er dann wieder jung und
stark.
Ein bisschen gelingt es mir diesen Aspekt Motseyiuef nachzuempfinden. Im
Herbst bin ich ziemlich ausgelaugt und saftlos. Da ist es höchste Zeit
sich zu erholen und Lebenskraft zu schöpfen. 
Die
Stimmung wurde zunehmend ekstatisch. Als wir dann, weit draußen,
umkehrten, wandten wir uns den Pflanzen zu. Am Anfang waren es nur etwas
Tang und einige andere Algenarten, Meersalat (Ulva lactuca) vor allem.
In Standnähe kamen dann die ersten Halophyten, die es ertragen können,
vom Salzwasser überspült zu werden, etwa der aufgedunsene Queller, ein
Gänsefußgewächs, dessen Blüten unter dem Wasser durch Schwimmpollen
bestäubt werden. Fantastisch, zu was Pflanzen alles fähig sind! Seegras
(Zostera marina), ein Laichkrautgewächs, der Stranddreizack (Triglochin
maritima), Salzschwaden (ein Rispengras) traten dann auch auf. Und als
es dann zum festeren Stand ging kamen allmählich Pflanzen die einem
bekannter waren: Strandaster, Strandkamille, Edelraute, Strandflieder
(Limonium), verschiedene Melden und die Wilde Rübe, Löffelkraut und so
weiter, und schließlich auch der geliebte Beifuß.
In „de groote Deel“, einem umgebauten Klinkersteinbauernhof, wo wir
übernachteten und aßen, gab es die Speise der friesischen Eingeboren zu
essen: Fisch und Fisch; und Matjes, wie man ihn noch nie gegessen hatte.
Krabben gab’s dazu, auch sie frisch. Ich erinnerte mich an meine
Schulzeit in Oldenburg, wo ich meine ersten vier Schuljahre verbracht
hatte. Da hat die Schulklasse gelegentlich einen Ausflug zum Jadebusen
gemacht. Fischer, die nur dat olle Platt snackten, saßen da mit ihren
Netzen am Strand und pulten Krabben. Uns Kindern gaben sie dann immer
einige zum kosten. Die waren echt lecker! Heutzutage, im globalisierten
Zeitalter, werden die Meerestierchen nach Marokko geflogen und dort – da
der Stundenlohn sehr niedrig ist – aus ihren Schalen gepult, ehe sie
zurück in die Supermärkte transportiert werden. Das ganze dauert 28 Tage
– und so schmecken sie dann auch. Ein kulinarischer Höhepunkt war ein
Mittagsessen mit „Röhr“. Das ist der friesische Name für den
Standdreizack. Dieses Blumenbinsengewächs, das roh etwas nach Chlor
riecht, ist eigentlich geschützt, aber die Eingeborenen haben es seit
Urzeiten gegessen und bestanden auf ihr angestammtes Recht ihren
„friesischen Kohl“ weiterhin zu ernten und zu essen. Sie schützen ja
auch ihre „heilige“ Pflanze, und pflanzen sie sogar im Schick um sie zu
vermehren. Ähnlich wie die Inuit (Eskimo), die ihr Recht auf
Seesäugerjagd verteidigten, so haben die Friesen ihr traditionelles
Recht beibehalten können.
Zum Schluss gab es ein „Puja“-Ritual unter einem alten Baum zum Dank an
Tiere und Pflanzen der Nordseeküste.
Feuerlauf im Schwarzwald
Ein weiterer großer Naturkenner war in der Woche mit dabei: Frank
Brunke, der die schönen Fotographien für das Buch Die Seele der Pflanzen
gemacht hat. Er scheint wirklich jede Pflanze zu kennen, auch wo die
Art wächst und warum sie dort wächst, weiß er. Wenn ich mal eine Pflanze
nicht kenne, da frage ich ihn und prompt kommt er mit dem korrekten
Namen und auch den lateinischen. Ich erzählte ihm von „Röhr“, den
Friesenkohl, ob er ihn kenne – ich war sicher, den kannte er nicht.
„Ach, meinst du Triglochin maritima?“ fragte er, und ich war platt wie
'ne Scholle. Im Sommer 2011, vom 27 Juni bis zum 3. Juli veranstaltet
Frank eine Seminarwoche in Haus Lichtquell in der schönen Natur rund um
Todtmoos. „Bäume, Wiesen, Landschaft: Entdecken der Vielfalt“ ist der
Thema der Woche. Wenn ich nicht andere Verpflichtungen hätte, würde ich
mich mit einschreiben. (Mehr Info dazu bei 
Auch hier kann man die Abende am
Lagerfeuer verbringen. In der Gegend hat einst der Heilige Franziskus
gelebt. Nicht weit von Il Doccione befindet sich der Berg Monte Penna
mit der Höhle, wo er angeblich stigmatisiert wurde.
Das war das letzte große Seminar in dem Jahr für mich. 