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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Notizen aus Mexiko - März 2010

Schon im Oktober kam eine Kältewelle und dann, nachdem die Mammutklimakonferenz in Kopenhagen gelaufen war, kam Schnee und Kälte, und das Schneien wollte nicht aufhören. Bei uns verschwanden die Zaunpfosten unter dem Weiß. 2 Meter hohe Schneeverwehungen und, nach Dachlawine, 3 Meter vor dem Haus. Zur selben Zeit Schneechaos in den USA, Schnee und Kälte in Sibirien und China. Die Antwort der Wettergötter auf die gottlosen Klimapropheten?

In den 70ger Jahren wurde eine neue Eiszeit vorausgesagt, nun aber die Hitzekatastrophe. Doch was wissen wir wirklich? Computermodelle scheinen nicht viel besser zu sein als Kristallkugelschauen. Wer weiß wirklich, welches Karma sich entfaltet? Wer weiß, welches Schicksal uns die Göttin Werdandi (Wierd) hervorspinnen wird?

Tiefer Winter auf dem Berg. Stille, wochenlang keinen Menschen zu Gesicht bekommen:  Beste Voraussetzung den Geist zu vertiefen und ein neues Buch hervorzubringen. Neophythen – Pflanzen mit Migrationshintergrund – soll es sein. Interessant, weil die einheimische Kräuterheilkunde, Volksmedizin und Brauchtum nichts über die neuen pflanzlichen Zuwanderer wissen. Da muss die Ethnobotanik her. Da muss man die Schamanen und Heilkundigen der Herkunftsländer fragen. Man kann natürlich auch den Geist meditativ in die Pflanzen versenken, schamanische Trance-Techniken anwenden. Aber das ist leichter gesagt als getan. Und die Pflanzen nehmen sich viel Zeit um zu antworten. Sie leben ja in einer anderen Zeitdimension als wir.

Ein Freund meines Sohnes sollte in Mexiko an einem medizinischen Experiment teilnehmen, einer randomisierten, doppel-blinden Studie zur Erforschung einer Impfung gegen die Durchfallserkrankung („Montezumas Rache“, „Bombay Bomber“ usw.), die den rund 10 Millionen Touristen jedes Jahr ihren Tropenurlaub vermiest. Eine solche Impfung wäre ein satter Gewinn für die Pharma-Industrie. Der Freund ließ sich impfen – mit echten Coli-Bakterien oder einem Placebo – und sollte es sich, auf Kosten der Pharma, einen Monat lang in Mexiko gut gehen lassen, ohne Bedenken alles essen und trinken. Nun, dachten wir, da gehen wir mit. Da schaue ich mir die Pflanzen an und stöbere  etwas bei Curanderos und Yerberos (Kräuterkundigen). Einige mexikanische Pflanzen – neben Mais, Amarathus, Studentenblumen, Chilipfeffer – haben schließlich als Neophythen auch ihren Weg in die wärmeren Gegenden Europas gefunden. Und ein bisschen Body-Surfen in den Pazifik-Wellen in Südmexiko würde auch nicht schaden. Schon in Mexico City entdeckte Neophyten, europäische Wildkräuter – Hirtentäschel, Rauke, Gänsedistel, Löwenzahn, Ackersenf, Wegerich, Reseda, Portulak, usw. – die dort als ortsfremde Eindringlinge Fuß gefasst hatten. Globalisierung also auch in der Pflanzenwelt.

Selbstverständlich besuchten wir den riesigen Pyramidenkomplex der Tolteken in Teotihuacan, das Herz des amerikanischen Doppelkontinents, das Kraftzentrum. (Die Mormonen glauben ja, dass zur selben Zeit als Jesus auf Golgatha gekreuzigt wurde, er dort ebenfalls in der Gestalt des Quetzalcoatl hingerichtet wurde). Ich war schon einmal dort gewesen, vor langer Zeit, als Zwanzigjähriger, per Anhalter von Ohio aus, mit fünf Dollar in der Tasche. Indios hatten mich mit Tortillas durchgefüttert und Montezumas Rache hatte mich fast umgebracht. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich in einem späteren Buch mal erzählen werde. Inschallah.

Unsere Reise führte uns nach Oaxaca. Die schöne alte Stadt, deren Bevölkerung fast rein indianischen Ursprungs ist, wird von der beeindruckenden antiken Tempelanlage Monte Alban überragt. Die Sternen- und Himmelsbezogenheit der alten Zivilisation schimmert noch immer durch die Ruinen hindurch und spricht mit den ebenfalls archaischen Schichten unserer Seele – das ist, wenn man es zulässt. Der Bundesstaat, von dem Oaxaca die Hauptstadt ist, enthält eine der vielfältigsten Flora der Erde. In der Stadt selber ist ein gut gepflegter ethnobotanischer Garten (Jardín Ethnobotánico), den jeder Pflanzenfreund besuchen sollte. Er enthält ausschließlich dort einheimische Pflanzen: Agaven, Feigenkaktusse, den Wollbaum (Kapok, Ceiba), der Weltenbaum der Mayas; den Kaugummibaum (Chicozapote), den Tempelbaum, aus dessen Blüten Frangipani-Parfüm gewonnen wird; der Terpentinbaum, aus dessen köstlich duftenden Harz das heilige Räuchermittel (Kopal) der Indianer gewonnen wird und dessen Rinde sich schält wie sonnenverbrannte Haut (daher nennt der einheimische Volksmund den Baum, „ein sich schälender Gringo“) und viele, viele mehr.

Auch eine Unterart  der amerikanischen Traubenkirsche (Prunus serotina), die in Mitteleuropa als „aggressiver Neophyt“ auftritt,  wächst dort. Capulin heißt sie in der Nahuatl-Sprache. Sie wurde von den Azteken sogar kultiviert. Noch heute wird eine Capulin-Maisgrütze (Tamales de Capulin) gegessen. Zudem gelten, wie auch bei den nordamerikanischen Indianern, Rinde und Frucht als wertvolle Medizin.

Gerne hätte ich in dem wunderbaren ethnobotanischen Garten und dem nahe liegenden Biosphärenreservat viele Tage verbracht, aber das Meer, die Wellen des Pazifiks, riefen mich. Ich blieb an einem Ort, der in der Lokalsprache (Zapotekisch) „Bitte legt viele Eier“ heißt. Der Name richtet sich an die Seeschildkröten, denn die Lokalbevölkerung lebte von ihren Eiern und Fleisch. Das heißt, bis zur Globalisierung, wo sich auf einmal der nimmersatte Weltmarkt sich für die, als aphrodisisch geltenden Schildkröten-Eier, für die Panzer und ein transnationaler Buchsensuppenkonzern für das Fleisch interessierte. Allein am dem Ort wurden pro Jahr 50,000 der friedlichen Tiere getötet. Zum Glück wurde 1990 ein Fangverbot verhängt. Touristen sind nun die „Eierleger“.

Die Jungens zogen weiter, mich jedoch nahm die rauschende See in Bann, die hellen Strände, die stolzen Wellen und der klare Himmel voller Möwen, Kondore (Truthahngeier), Kormorane, ganzer Schwärme Pelikane, die sich wie Sturzkampfflieger auf die Fische stürzen, und viele andere, die ich nicht kenne. Im Hinterland dichter Wald mit schillernden Kolibris, Iguanas und gelegentlich den Hütten Zapotek sprechender Indianer. Ich war froh da zu sein. Das Wellenreiten, die Mangos, Papayas und das andere frische Obst, die Tamales, Enchiladas, Tortillas und das gute mexikanische Bier würden mir gut tun.

Aber schon in der ersten Nacht hatte ich einen starken luziden Traum. Es war düster und ich sah eine mir abgewandte ältere Person, von der ich glaubte, es könne Albert Hofmann sein. Er drehte sich um und, ehe ich mich versah, küsste mich auf den Mund. Seine langen bleckenden Zähne waren mit ekeligem, eiterigem Schleim verklebt. Es war nicht nur ein Totengeist – es lauern viele dort – sondern ein Krankheitsgeist. Am nächsten Tag war es, als könne ich nicht richtig wach werden. Auch der Doppel-Espresso konnte nicht helfen. In der Nacht darauf folgte Fieber, starke Kopfschmerzen und die Mandeln schwollen, entzündeten sich und waren mit zähem gelben Schleim bedeckt.

Man muss nicht unbedingt krank werden, wenn ein solcher Krankheitsgeist erscheint. Wenn man auf der „nicht-alltäglichen Ebene“ wach genug ist, dann kann man mit den Geist verhandeln oder ihm geben, was er braucht, was ihm fehlt. Aber ich war einfach überrumpelt. Vielleicht war ich anfälliger, weil mir zwei Tage vor der Reise ein entzündeter Backenzahn gezogen wurde und ich noch eine offene Wunde im Mund hatte. Verdammtes Leiden! Wie immer in solchen qualvollen Situationen denke ich an Goethes Wort:

Du, danke Gott, wenn er dich presst

Und danke ihm, wenn er dich wieder entlässt!

Oder an Nietzsche, der gesagt haben soll, „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

Nach sechs Tagen Halsweh, setzte sich die Krankheit in den Lungen fest. Ein- und Ausatmen fiel schwer. Die Mandeln blieben entzündet und – das war wenigstens eine Veränderung – eine Beule formte sich in der Mundhöhle. Gurgeln mit Salzwasser brachte nichts. Ich kramte in meinem Medizinbeutel: Propolis-Tinktur schien es noch schlimmer zu machen, es verklebte Zähne und Gaumen. Aber der Tigerbalsam, mit dem ich den Hals einschmierte, und das Kauen von Kamillenblüten halfen – Kamille ist einer meiner pflanzlichen Verbündeten, ich nehme sie auf jeder Reise mit. Und dann entdecke ich nicht weit von meiner bescheidenen Unterkunft einen weiteren geliebten Verbündeten, den Niem-Baum (Azadirachta indica, spanisch Margosa, englisch Neem), ein Kind Indiens. Dort hatte ich ihn auch zuerst kennen gelernt und, wie die Inder selber, meine Zähne mit den angekauten, antiseptisch wirkenden Zweigen geputzt. Nun kaute ich frische Niem-Zweige, deren entgiftende, entzündungshemmende, auswurffördernde Wirkung unumstritten ist. Das half wirklich! Für die Inder ist Niem das, was für uns der Holunder ist: des Bauern Apotheke. „Heiler allen Leidens“ heißt er und wurde der Göttin Shitala, der Pockenheilerin, geweiht.

Und dann, nach einem kurzen Durchfall – Stuhl flüssig wie Wasser – war es vorüber. Das Kranksein war wohl notwendig gewesen, um alte Verspannungen, seelische Verhärtungen und Verkrustungen zu lösen, um das Ego etwas zu raspeln, damit andere Dimensionn wieder durchschimmern konnten. Und indem die Krustenhaut wieder dünner geworden war, konnte ich mich der Ekstase der Wellen hingeben und erneut erfahren;

Das Meer ist eine Göttin, eine liebkosende. Überbewusst und uralt ist sie.
Wie soll unser kleiner Verstand sie begreifen, die Göttin, aus deren Schoß wir alle krochen?
wir Licht fangenden, nährenden Pflanzen;
wir Einzeller, Würmer, Krebse, Insekten, Tausendfüßler,
wir Weichtiere, Schnecken, Mollusken,
wir Lurche, Echsen, Vögel, Säugetiere und Menschen.Sind wir nicht alle ihre Kinder? Sind wir nicht alle Geschwister?
Alle aus dem Meer kommend, der alles Gebärenden und alles Verschlingenden.
Bin ich nicht das Meer selber, auf Abenteurerreise auf trockenem Land?
Noch immer trage ich das Meer in mir als Blut, das jede Zelle des Körpers umspült und die gleiche Salzkonzentration hat wie Meereswasser.
Nun sitze ich am Strand im sonnendurchglühten Sand und singe der salzigen See zu:
In mir schaut das Meer auf das Meer zurück – mit bewundernden Augen.
In mir lauscht das Meer seiner eigenen Symphonie, dem Rauschen, Tosen, Brausen und flüsterndem Geplätscher der Wellen.
Ich bin das Meer selber, das in die Wogen springt und delfinenartig Wellenkämme reitet – bis hin zur Ekstase.
Auch Kind der Sonne bin ich, Kind des Himmelslichts,
Sternensaat, die sich aus kosmischen Fernen strahlend, tief in ihren wässrigen Schoß hineinversenkte und sie wonnevoll schwängerte.
Wie alles Leben – trage auch ich Licht in mir und himmlische Zeugungskraft.


So dankte ich dem Totengeist, mit seinen ekeligen schleimverklebten Totenzähnen, denn nun konnte meine Seele wieder das Meer sehen und den Himmel, konnte wieder das Opfer erkennen, des Fischleins, das mir die Zapotekin, am Abend briet.

Entschuldigung und Korrektur

In dem Interview-Buch, „Unsere Wurzeln entdecken“, entdeckte ich, als ich es kürzlich noch mal durchlas, einen gravierenden Fehler. Auf Seite 7, in der Einführung, schreibe ich von den Neandertalern in der Mittelsteinzeit (Mesolithikum). Als ich das las, bekam ich einen Schreck. Das Mesolithikum fand nach der letzten Eiszeit statt. Da gab es selbstverständlich keine Neandertaler mehr! Wie peinlich! Ich weiß es doch, und wusste es schon als Anthropologe-Student! Die Neandertaler lebten rund 200,000 Jahre früher, in der Mittleren Altsteinzeit, im Mittelpaläolithikum. Ein Flüchtigkeitsfehler, der mir durch die Lappen ging, den leider auch kein Lektor bemerkte und für den ich mich bei Euch Lesern entschuldigen möchte.