HomeKontaktBücherCDs und DVDsPresseVeranstaltungenNewsletter
Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
Deutsch English
Newsletter Sommer 2014

Ein ungewöhnliches Mittsommerfest

Die Sommersonnwende ist das Gegenstück zur Wintersonnwende. Beide heilige Zeiten wurden einst zwölf Tage lang gefeiert. Während die Menschen im Winter die Innigkeit pflegten und in tiefer Stille die Wiederkehr des Lichts, die Geburt des Sonnenkindes wahrnahmen, trieb es sie zur Sommersonnenwende hinaus in die freie Natur und in die freudige Ekstase, in den Höhenflug der Seele.

Am 21. Juni, dem Tag der Sonnenwende, oder am Tag des heiligen Johannes am 24. Juni war es allgemeiner Brauch ein großes Feuer zu machen, zu feiern, tanzen, singen, schmausen, Holunderküchle zu essen und mit einem Gürtel aus Beifuß über die Glut von der einen Jahreshälfte in die andere zu springen. Das ist gesund: Alle unguten, dunklen Astralwesen, die sich in der Aura einnisten wollen, werden versengt und fallen ab. Und die Heilkraft der mittsommerlichen Heilpflanzen – der „Johanniskräuter“, Arnika, Hartheu, Schafgarbe, Lindenblüten, Holunderblüten, Braunelle und wie sie alle heißen – wird gesteigert, indem man sie ans Johannisfeuer hält, so dass sie die Feuerkraft aufnehmen können. Auch wir feiern das Fest jedes Jahr auf diese Weise, denn das tut der Seele gut, verbindet mit dem kosmischen Reigen und mit den Ahnen, die das seit undenklichen Zeiten ebenso so machten. Nur dieses Jahr konnte ich nicht so feiern, denn ich befand mich gerade auf Tour im schönen Österreich. Thomas Rolin vom ThoR-Zentrum (www.thor-zentrum.at oder auch www.vergesseneswissen.at) hatte mich zu einer Reihe Vorträge und Kräuterwanderungen eingeladen.

Johanniskraut
Johanniskraut (Hypericum perforatum)
Foto: Claudia Meyer

Am Abend der Sonnenwende befanden wir uns bei in Wiener Neustadt. Es fing an zu dunkeln als der Vortrag, „Natur im Wandel“ beendet war. Es war mild und überall in den Gassen waren Leute unterwegs, alle in Party-Stimmung, aber nicht wegen dem archaischen Fest, sondern wegen der Fußball-WM in Brasilien. Auf der Party-Meile vor den Bars und Bistros, lungerten sie herum, tranken und schauten das Spiel. Ghana gegen Deutschland. Wir tauchten in ein dunkles, verrauchtes Lokal, bestellten ein Bier und starrten auf die Großleinwand im Hintergrund Gequatsche, Gelächter, chaotische Technomusik und blinkende bunte Lichter. In dieser Atmosphäre war es leicht das kosmische Ereignis – die Sonne am Gang über den Zenith – zu vergessen.
Während ich den Kickern zuschaute sprach mich ein junger Mann an. Er hätte mich erkannt, er sei Botanik-Student und meine Bücher gelesen. Er wäre lieber draußen in der Natur, sagte er, aber er müsse halt in dem Lokal bis vier Uhr morgens jobben. Das Studium, erzählte er, sei interessant, auch nehme er sich Zeit um mit den Pflanzen so zu meditieren, wie es in meinem Buch gelesen hätte. Besonders in das Johanniskraut, das er liebe, hätte er hineingelauscht. Dabei sei ihm ein Pflanzenlied geschenkt worden – so eine Art Ikaros, wie es die Amazonas-Indios nennen. Während die Übertragung des Spiels im Hintergrund plärrte und angetrunkene Fußballfans johlten, sang er mir – eher schüchtern – das Lied vor:

Hartenau, Johanneskraut,
Du gold’nes Blut der Sonne.
So man dich nur kurz erschaut
Durchflossen wird von Wonne.

Ein solches Lied ist für die Indianer ein persönliches Geschenk des Pflanzengeists und gehört nur demjenigen, dem es offenbart wurde. Es ist wie ein Schlüssel zum Wesen der Pflanze: Jedes Mal wenn man es singt, verbindet man sich erneut mit dem Pflanzenwesen und kann es um Hilfe bitten.
Ein Sonnenlied, mitten in der Sonnwendnacht! Die heilige Zeit hatte mich plötzlich wieder gefunden und das, in einem düsteren, lauten Lokal. Auf einmal wurde das Fußballspiel zu einem Mysterien-Drama, zum Ausdruck des kosmischen Geschehens: Die schwarze Mannschaft rang gegen die weiße, das aufsteigende Sonnenjahr gegen das absteigende. Ein hartes, heiß umkämpftes Spiel war das und endete unentschieden.

Johannes Gutmann im Sonnentor-Hauptsitz
Gründer Johannes Gutmann im Sonnentor-Hauptsitz in Sprögnitz
Foto: Sonnentor

In den Tagen zuvor hatte ich eine Kräuterwanderung und Vortrag im Waldviertel, in Sprögnitz, wo lokale Waldbauern die Firma „Sonnentor“ mit Bio-Kräutern beliefern. Die Firma hat eine strahlende, lachende Sonne als Logo. (www.sonnentor.com) Der Gründer, der „Kräuterflüsterer“ Johannes Gutmann nahm uns freundlich in Empfang. Auch diese Begegnung schien nun, im Nachhinein nachdem ich in der Bar das Kraftlied gehört hatte, als geheimnisschwangere Chiffre. Sonnentor! Und Johannes! Der Geist des Mittsommers, offenbarte sich mir da in der Gestalt des Kräutermanns! Wieder einmal wurde ich gewahr, dass die göttlichen Urbilder sich ständig wandeln und immer anwesend sind; sie huschen durch die Erscheinungen, auch wenn wir es heutzutage in unserer prosaischen Welt kaum mehr wahrnehmen und auch immer wieder vergessen. So hatte ich trotz allem, die Sonnwende erlebt. Das Sonnwendfeuer werde ich nachholen können, denn schließlich dauert diese heilige Zeit volle zwölf Tage.

Ein Wermutstropfen während der Tour war der erste Vortrag in Linz gewesen. Die lokalen Veranstalter – irgendein esoterischer Buchladen – hatten, ohne dass wir davon wussten, viel zu viel Eintritt für eine Stunde Vortrag verlangt und für sich eingesackt. Das tut mir leid. Das nächste Mal werden wir besser aufpassen.

Zuhause wartete der Garten auf mich. Kaum fing ich an zu Jäten und Hacken, da regnete es. „Nun gärtnert der Petrus!“ – das hatte mein Gärtnermeister Stauffer immer gesagt, wenn es goss. Was für ein Segen! – es war in den letzten Wochen zu trocken gewesen. Einen schönen Sommer und die Wonne des Mittsommertraums wünsche ich Euch, vielleicht sieht man sich bei einer Kräuterwanderung oder auch anderswo.

Euer Wolf-Diete