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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Newsletter November 2014
Liebe Freunde,

was für ein verregneter Sommer! Das Eichen/Eschenorakel hatte wieder mal recht. Im September blühten die Herbstzeitlosen besonders früh und üppig. Die alten Bauern sagen deshalb, dass der Winter früh kommt und vielleicht auch kalt wird. Mal sehen, ob diese alte Bauernregel noch stimmt. Meine Frau dagegen glaubt, dass der Winter mild wird, da im Herbst wenige Mäuse im Haus Zuflucht suchten.

Im August fuhr ich mit einer kleinen Gruppe nach China. Ich wollte vor allem etwas über die traditionelle chinesische Heilkräuterteekultur erfahren und mich mit der Vegetation bekannt machen, die in Ostasien die Eiszeit überlebt hat.
Vor 31 Jahren waren Ganga und ich als Rucksackreisende in dem Land gewesen und schauten uns die Gemüsegärten und Felder an. Für die Chinesen, die kaum Ausländer kannten, waren wir Außerirdische. Auf staubigen Holperstraßen fuhren damals noch klapprige Fahrräder und gelegentlich LKWs russischer Machart. Nudelküchen und Straßengarküchen boten alles von Hundegulasch bis zur Hühnerkrallensuppe. In den Gassen tönte Militärmusik oder alte chinesische Oper, die in unseren Ohren wie Katzengejammer klang. Die Menschen waren alle in der grauen oder blauen Mao-Kluft gekleidet. Das Land war offensichtlich arm, man sah jedoch keine Hungernden. Zu der Zeit hatte die Partei die Parole ausgegeben, dass Hunde nutzlose Mitesser seien, die geschlachtet und im Kochtopf landen sollten. Spatzen und Tauben galten als „Mäuse und Ratten der Luft“, auch sie sollten ausgerottet werden. Arbeiterbrigaden scheuchten die armen Vögel ständig auf, bis sie erschöpft zu Boden fielen. Jetzt erzählte mir ein Alter, dass es in den darauf folgenden Jahren zu heftigem Käfer- und Schädlingsbefall kam.

Als wir diesmal in Shanghai landeten, traf mich der Kulturschock. Das Land ist nicht wiederzuerkennen. Ein Wolkenkratzer nach dem anderen, chic gekleidete Menschen in vollem Konsumrausch; Pop und Rap vibrieren im Äther; und zwischen glitzernden Läden – alle Konzerne von Adidas über KFC, McDonalds, Starbucks bis zu Wal-Mart sind vertreten – rasen teure Importautos auf mehrspurigen Straßen. Man hat das Mao-Grau abgestreift – wie Deutschland nach dem Krieg, erlebt China ein Wirtschaftswunder, inklusiv Fresswelle und Konsumwelle. Fortschritt und Wissenschaft – sagte mir einer – ist die neue Religion. Davon erhofft man sich, was man einst von den Göttern erhoffte.

Jadebuddha-Tempel

Jadebuddha-Tempel in Shanghai, gegründet 1882

Als erstes, als Einstieg sozusagen, besuchten wir den Tempel des Jade Buddhas, der mir vorkam, wie das ruhende Auge im Wirbelsturm der Geschäftigkeit. Wie durch ein Wunder hatte sie die Kulturrevolution, deren blinde Zerstörungswut viele heilige Stätten hinwegfegte, überdauert. Die Ausstrahlung dieses Buddhas, dessen rechte Hand die Erde tastet, ist so lieblich und innig, dass es einem das Herz berührt. Man sagt, die im Tempelhof wachsenden Scheineiben (Podocarpus macrophyllus) seien die in Bäume verwandelten Schüler des Buddhas. Ihm zur Ehre zündete ich Räucherstäbchen und machte ein kleines Puja-Ritual. Selbstverständlich besuchten wir die Chinesische Mauer – dort wächst übrigens sehr viel Beifuß (Artemisia vulgaris) – und die Verbotene Stadt, wo sich u.a. die Halle des Erntegebets befindet, wo einst der Kaiser zwei Mal im Jahr die Fruchtbarkeitszeremonie durchführte. Die Halle wurde ohne Verwendung von Eisennägeln aus dem Holz der Douglasien Tanne gebaut.

Puja

Puja mit Incense

Der gigantische Botanische Garten (600 Hektar) war eher enttäuschend, denn die einfachen Weg-, Wild- und Unkräuter spielen da keine Rolle, sondern nur die allgemein beliebten, kulturell relevanten Pflanzen: Etwa 1,5 Hektar bepflanzt mit Päonien (die Nationalblume); 6,1 Hektar waren reserviert für die „Japanische Pflaume“ (Prunus mume), ein Zierbaum, dessen Blüte den Frühling symbolisiert; 3000 Quadratmeter mit Funkien (Hosta); 7 Hektar Rosengarten mit einer Millionen Rosen, usw. Für die Stadtbewohner war der Botanische Garten vor allem ein Ausflugsort zum Picknick machen und Zelten.

Botanischer Garten

Im Botanischen Garten, Peking

Ein Nachtzug nahm uns in die Mitte Chinas nach Xi’an, wo einst der grausame Kaiser Qui Shihuangdi über 7000 Krieger aus Ton anfertigen ließ, um entweder seine Eroberungszüge in der anderen Welt weiterzuführen oder um sich vor den sich rächenden Geistern seiner vielen Opfer zu schützen. Viele Chinesen glauben, Mao Tse-tung sei die Wiedergeburt dieses Kaisers gewesen. Die Terra Cotta Armee, wie sie da teilweise ausgegraben in der Erde steht, erschien mir wie ein wahrhaftes Geisterheer.
Die Krieger, von denen jeder individuelle Gesichtszüge trägt, wurden in den 1974 von Bauern entdeckt. Diese wollten im Lössboden einen Brunnen graben, um ihre Kaki- und Granatapfelbäume zu bewässern. Dabei stießen sie auf eine der Figuren und erschraken. Der örtliche Schamane sagte, es sei ein böser Geist, der Unglück über das Dorf bringen würde. Man solle die Figur auspeitschen und wieder in die Erde versenken. Doch ein Bauer, der in der Armee gedient hatte, benachrichtigte die Behörden. Tatsächlich aber brachte die Entdeckung den Bauern Unglück. Sie wurden umgesiedelt – wo einst Reisfelder und Obstbäume standen, sind nun archäologische Ausgrabungsstätte, Parkplätze und Touristenunterkünfte. In den 80ger Jahren wurden duzende Bauern erschossen, da sie sich einige der kostbaren Funde – Nationaleigentum! – unter den Nagel gerissen hatten.

Terrakotta Armee

Terrakotta Krieger

In Chengdu besuchten wir die Panda Aufzucht und Forschungsstation. Die armen Bären, ihrer weiten Bambuswälder beraubt, weigern sich fortzupflanzen. Nun werden sie künstlich besamt. Wenn die Panda-Mütter ihre Jungen nicht annehmen, kommen die kleinen Wesen in eine grell beleuchtete „Säuglingsstation“, wo tausende Touristen sie ständig fotografieren.

Panda Forschungs- und Aufzuchtstation Chengdu

Panda Forschungs- und Aufzuchtstation Chengdu

Ein Flug brachte uns in die auf 3200 Meter hoch gelegene Ortschaft Gyalthang, die zum tibetanischen Kulturkreis gehört. Heute wird der Ort Shangrila genannt, nach dem Bestseller-Roman von James Hilten, Lost Horizon (1933). Die Geschichte erzählt von Überlebenden eines Flugzeugabsturzes, die dort ein verwunschenes Paradies auffinden. Der Kern der alten Stadt brannte letztes Jahr vollkommen ab, nur die neuen Touristenburgen rund herum blieben erhalten. Buddha-Statuen, Klöster, Lamas und Yaks findet man in der Umgebung trotzdem noch. Während Ingo und Freunde mit Motocross-Bikes unterwegs waren, wanderte ich im Potaso Nationalpark, wo es noch Bären geben soll. Überall im Wald stieß man auf, mit weißen Seidentüchern und Gebetsfahnen behangene Bäume, Quellen und Felsen. Aurikel, Läusekräuter, Kreuzkräuter, Schlangenknöterich und andere Blumen blühten in den lichten Kiefern- und Tannenwäldern. Die spitzblättrigen Eichen (Quercus aquifolia) gelten den Einheimischen als besonders heilig, weil ihre schirmähnlichen Kronen an Buddhas Parasol erinnern.

Ganden Songtsenling Kloster in Yunnan

Ganden Songtsenling Kloster in Yunnan

Auch Lijiang, die alte Hauptstadt des Volks der Naxi, besuchten wir. Dort im heiligen Hain mit seinen 800jährigen Zypressen, meditierte ich an einem mit Lotus bewachsenen Teich bei einer tropfenden Grotte und wurde Gast singender, tanzender Wassergeister. In der Stadt selber stießen wir auf eine Pizzeria, ein Treff für Exil-Amerikaner. „Ja, – bemerkte einer der angetrunkenen Yankees – unsere Geschäftsleute kommen daher, alles freundlich und smiling, aber zuletzt ist es doch nur der Konzern“.

Wir machten eine Radtour durch die konischen Berge im Süden, die so aussehen wie Zuckerhüte, wie Berge, die Kinder malen würden. Die Berge sind so steil, dass sie für Menschen nicht zugänglich sind, so dass Affen und andere Wildtiere hier ein Rückzugsgebiet finden.
Bei diesen Ausflügen schaue ich mir die kleinen, intensiv gepflegten, mit Reis, Taro-Knollen, Sesam, Baumwolle, Zuckerrohr und Gemüse bepflanzten Felder an. Es ist so nahe an Permakultur, wie nur möglich. Wir besuchten auch die Bauernmärkte, wo es alles gibt was man essen kann, darunter Entenköpfe, Hahnenkämme, lebende Schildkröten, dicke Ochsenfrösche, Fische, Schnecken, Schlangen, Insekten. Alles was sich bewegt, scheinen die Chinesen zu essen! Dazu werden seltene Gemüse feilgeboten: Amaranthus-Grün, Knoblauchschösslinge, Rettich-Samenschoten, Chrysanthemen-Triebe, junges Franzosenkraut, Bohnensprossen, Gemüsemalven und vieles was ich leider nicht kenne. Die lebenden Tiere taten mir leid, aber die Gemüse faszinierten mich und gaben mir Ideen, was den eigenen Garten und Küche betrifft.
Am Fluss sahen wir Fischer, die nachts beim Laternenlicht mit dressierten Kormoranen Fische fingen. Die Wasservögel haben einen Ring um den Hals, damit sie die Fische nicht schlucken können. Andere Fischer jedoch benutzten Autobatterien zum Fischen: Stromschläge töten dabei alles was schwimmt – gelegentlich auch einen Fischer, der das Wasser berührt.

Karstlandschaft in Yangshuo

Karstlandschaft in Yangshuo

Es gäbe noch vieles zu erzählen, aber ich lasse es sein. Alles was ich auf diesen Reisen erlebe, fließt in meine Bücher mit ein. Es ist immer besser die Dinge selber gesehen und erlebt zu haben. Ich bin meinen Lesern tief dankbar, dass sie mir diese Erkundungen möglich machen!

Hier noch eine Ankündigung, eine Aufforderung zu einem Leseabenteuer: Das Buch Streifzüge am Rande Midgards ist nun als Neuerscheinung – ab dem 10. 11. 14. – erhältlich im Taschenbuchformat beim KOHA Verlag. Ein weiteres Kapitel mit der Pilgerfahrt nach Tibet und der Umrundung des heiligen Berges Kailash ist hinzugefügt worden. Kailash gilt für die Buddhisten als das Herz-Chakra Buddhas, für die Hindus als der Sitz von Shiva und Parvati, für die Jainas und Bön als der Weltenberg.
Das Umschlagmotiv, ein berühmtes Gemälde des Russen Nikolai Roerich, zeigt den Heiligen Pantaleon beim Heilkräutersammeln im hohen Gebirge.

Streifzüge am Rande Midgards

Streifzüge am Rande Midgards
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Midgard ist bekanntlich der altgermanische Name für die natürliche Welt, für die Heimat der Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine. Midearth, Middamgard, oder Middle Earth – Tolkien verwendet diese Bezeichnung in seinem Werk Herr der Ringe – sind bedeutungsverwand. Diese Mitte ist umgeben von anderen Bereichen des Seins, etwa Utgard, wo Riesen (Titanen) und andere Wesen mit chaotischen Kräften rumoren, oder Asgard, wo die Götter (Asen) wohnen, oder die Zauberwelten der Zwerge oder die der Elfen. Wir stehen in Wechselbeziehungen mit diesen anderen Ebenen des Seins und werden von ihnen beeinflusst. Die Riesen oder Titanen, die Herren der Metalle, des schwarzen Erdöls, der Elektronik und der atomaren Energien bestürmen derzeit die Natur, versuchen Fuß zu fassen in Midgard. Götter (in der christlichen Deutung, die Erzengel), wie Donar, Heimdal oder Widar, sind die Freunde der Bewohner Midgards und beschützen sie. Wesen wie die Zwerge, stecken voller Klugheit und Wissen, und die Elfen besitzen eine zauberische Schönheit, die uns blenden und verführen kann. Die traditionellen Schamanen und Zauberfrauen, die Walas und Veledas, die indischen Yogis und Sadhus, die tibetanischen Bonpö und andere magische Menschen besitzen die Techniken und das Wissen um diese Dimensionen zu bereisen und mit ihren Bewohnern zu sprechen, verhandeln oder um Heil und Segen zu erbitten. In diesem Buch erzähle ich von wirklich erlebten Streifzügen am Rande unserer natürlichen Welt, von dort, wo der Schleier zwischen den Welten dünn und durchsichtiger wird. Unser Dasein ist nämlich eingebettet in den neun Welten, und unsere Welt ist weit mehr als lediglich geistlose Energie und Materie. Bewusstsein, Leben und Liebe durchwirken das Sein.

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Eine kleine Notiz noch. Es gibt die drei Vorträge Die Pflanze als Spiegel der Seele (Auschnitt), Herz - Heilung und Pflanzen (Ausschnitt) und Ursprung und Weg des Menschens (Ausschnitt) wieder auf DVD im Shop.

Nun ist Samhain; die Sonne steigt in die Tiefe, um in den Winterweihenächten neu geboren zu werden.

Ich wünsche Euch allen eine besinnliche Zeit und Licht im Herzen,

Wolf-Dieter