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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Newsletter Juli 2015
Liebe Freunde,

bin gerade aus Amerika zurück und leide noch etwas vom Zeitverschiebungskoller, war nämlich eingeladen worden zum International Herb Symposium, dem jährlichen Treffen der Kräuterzunft an der Wheaton College in Massachusetts, nicht weit von Boston. Ein buntes, hoch motiviertes, inspiriertes, mutiges Völkchen von knapp tausend alternativen Medizinern, Heilkräutergurus, weisen Frauen, Pflanzenheilmittelherstellern, Ethnobotanikern und Schriftstellern aus aller Welt versammelte sich dort auf dem Campus, um den Pharmagiganten, denen es weniger um das Wohl der Menschen geht, sondern eher um Macht und Geld, die Stirn zu bieten. Auch Rechtsanwälte waren da, die – zum Teil erfolgreich – gegen Gesetze ankämpfen, die den Menschen die Heilkräuter verbieten wollen und Hebammen und Kräuterheiler, wegen „unerlaubter Ausübung der Medizin (illegal practice of medicine)“, willkürlich verhaften und einsperren lassen. Die Gesetzeshärte kann jeden treffen, der seinem Nachbarn, der Bauchschmerzen hat, einen Kamillentee gibt, oder den Farmer, der einem Kranken die immunanregende Kolostralmilch (Biestmilch; die erste Milch nach dem Kalben) verkauft.

International Herb Symposium


Es waren dennoch keineswegs verbissene, verbitterte, ideologisierte „grüne“ Revoluzzer, die sich da trafen. Der Geist des Symposiums war einer der Lebensfreude, Güte und Liebe zur Natur. Dafür sorgte schon Rosemary Gladstar, ein ehemaliges „Blumenkind“ (flower child), die dieses internationale Treffen seit zwölf Jahren organisiert. „Verschwendet eure Kraft nicht indem ihr das vermeintlich Böse bekämpft, sondern setzt sie ein um das Positive zu stärken“ – das hätte das Motto der Veranstaltung sein können. Entsprechend zeigte sich das Wetter von seiner schönsten Seite, mit Sonnenschein und blauem Himmel.
Die Vortragenden und Leiter der Seminare waren durchaus sachkundig. Unter ihnen befand sich auch Matthew Wood, der mir zum Freund wurde und der mir einst den Hinweis auf die Karde (Dipsacus) als Heilmittel bei Borreliose gegeben hatte.

International Herb Symposium

International Herb Symposium, Wheaton College

Mein Beitrag war ein Workshop zum Thema „Globalisierung und Neophyten (agressive alien plants)“. Dank des globalen Handels wachsen immer mehr fremde Pflanzen in Amerika. Die invasive Flora stammt aus der ganzen Welt; die Mehrzahl – Wilde Möhre, Karde, Giersch, Johanniskraut, Habichtskraut, Knoblauchrauke, die schwarze Schwalbenwurz und viele andere – kommen aus Europa. Inzwischen reagieren die Amerikaner panisch. Mit massiven Herbiziden-Einsätzen, gehen sie auf die neueingebürgerten Pflanzen vor, nach dem Motto „Erst schießen, dann fragen!“ Die Neophyten sind offiziell Angelegenheit der Homeland-Security, jener Behörde, die auch für Terroristen und Jihadisten zuständig ist. Anstatt, wie gewohnt, diese Neophyten in das typische schwarz/weiß, gut/böse Schema zu pressen und dann Ausrottungsstrategien vorzuschlagen, versuchte ich den Zuhörern das Wesen dieser Pflanzen und ihre ökologische und kulturelle Bedeutung klar zu machen. Viele sind in den Ländern, aus denen sie kommen, wichtige Heil- oder Nahrungspflanzen. Viele, wie etwa das Johanniskraut, haben eine interessante Geschichte und symbolische Bedeutung. Die Natur ist sowieso weiser als unser beschränktes Verstandesdenken; diese Pflanzen sind nicht böse; es gibt einen guten Grund, warum sie wachsen wo sie wachsen. Ich erinnerte die Zuhörer an die Worte des alten Cheyenne Medizinmanns Bill Tallbull, der mir sagte, „Auch diese fremden Pflanzen sind Kinder der Mutter Erde; auch sie sollte man mit Respekt behandeln.“

Wort und Wurz

Wort und Wurz (erscheint vorraussichtlich im September 2015)

Mein zweites Workshop trug den Titel „Die altsteinzeitlichen Wurzeln der eurasiatischen und nordamerikanisch-indianischen Kräuterheilkunde“ (The paleolithic roots of Eurasian and Amerindian herbalism). Die Volksheilkunde der europäischen Waldvölker (Kelten, Germanen, Balten und Slawen) und die der Russen und Sibirier, weisen verblüffende Ähnlichkeiten auf, was Heilpflanzenanwendung, Sammelrituale, Schwitzhütte, Heilsprüche und dergleichen betrifft. Sie stimmen auch mit der Heilkunde der Indianer weitgehend überein, denn die paläoindianischen Mammut- und Büffeljäger nahmen dieses Wissen mit in die Neue Welt. Obwohl ihnen in Nordamerika eine breitgefächerte Vegetation zur Verfügung stand, blieben die indianischen Medizinmänner und -frauen bei den Heilpflanzen, die sie aus Sibirien kannten. Sie blieben auch bei der archaischen Schwitzhütte und bei bestimmten schamanischen Praktiken, die in den Weiten Russlands, des Baltikums und Sibiriens ebenfalls noch vorhanden sind. Das Thema ist übrigens auch Teil des neuen Buches, „Wort und Wurz: Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde“, das ich im Winter geschrieben habe und das nun im Herbst im AT-Verlag erscheinen wird. Neben der Gelehrtenmedizin der gebildeten Ärzte und Apotheker hat jedes Volk, jede Ethnie, eine funktionierende Heilkunde, angepasst an die vor Ort gegebenen ökologischen Bedingungen – an die vor der Hütte wachsenden Heilpflanzen, an das örtliche Klima. Dieses alte Heilwissen wurde hier wie dort meist von den Frauen gepflegt und weitergegeben, da sie sich traditionell um Kranke, Kinder und Alte kümmerten.

Boston Sykline

Skyline von Boston

Nach unserer Ankunft in Boston, machten Ingo und ich eine Rundfahrt durch die geschichtsträchtige Stadt. Boston war ja mit der berühmten Tea Party (1773) Mittelpunkt des Aufstandes der Siedler gegen die britische Kolonialherrschaft. Die junge Republik ging als Sieger gegen die autokratische Fremdherrschaft hervor und wurde für Demokraten weltweit zum Leuchtfeuer der Freiheit und Selbstbestimmung. Sogar Goethe war begeistert und schrieb: „Amerika du hast es besser!“ Das ist natürlich lange her. Das Yin verwandelt sich in das Yang, wie es in der taoistischen Philosophie heißt; die Freiheiten schmelzen zur Zeit dahin und ein neuer Feudalismus, der der internationalen Großkonzerne, ist im Vormarsch und strebt die globale Hegemonie an. Und damit sind wir wieder bei den sanften Aufständen, den Graswurzelbewegungen, wie es eben in dem International Herb Symposium zum Ausdruck gebracht wurde. „Wir sind zwar wenige, wir sind klein, aber der Funke des Geistes lebt in uns, und aus einem kleinen Funken kann ein großes Feuer entstehen. Auch wenn die Konzerne und Regierungen noch so mächtig erscheinen, wir lassen uns nicht entmutigen, denn die Wahrheit ist immer stärker als die Unwahrheit“, verkündete Rosmary. Aber nicht nur historische Orte und bunte Stadteile in denen irische oder italienische Einwanderer lebten bekommt man in Boston zu Gesicht, sondern auch, in Cambridge, Harvard und MIT die maßlosen, protzigen Gebäudekomplexe der Bio-Tech-Konzerne, der Gen- und Pharmaforschungsanstalten, wo hirngesteuerte, bösartige Primaten der Gattung Homo sapiens Tiere und Pflanzen schänden und ihr Erbgut mischen und patentieren. Als sei es ein Spiegel dessen, was in den Forschungszentren vor sich geht, so sahen die Bäume und eintönigen Rasen aus, die diese Zement- und Glasklotze umgeben: ungeliebt und trostlos. Für Naturgeister und Zwerge, die mit uns Zweisprache halten können, war da kein Platz.

Cornus florida

Blumenhartriegel (Cornus florida)

Als die Tagung vorbei war, fuhren wir mit einem Mietauto noch durch das schöne, bewaldete Neuengland. Überall blühte gerade der einheimische Blumenhartriegel (Cornus florida; „flowering dogwood"), mit seinen spektakulären, bierdeckelgroßen, cremig weißen Blüten. Das Bäumchen, das mit unserem Hartriegel und unserer Kornelkirsche verwandt ist, ließ gute Erinnerungen an meine Jugend in den Wäldern Ohios aufsteigen. Auch die Robinie oder Falsche Akazie (Robinia pseudoacacia) war in voller Blüte und duftete herrlich nach Honig. In Europa ist der Baum ja ein Neophyt und wird von naturpuristischen Fanatikern als Fremdling bekämpft. Dabei ist er eine hervorragende Bienenweide und der „Akazienhonig" von einmaliger Güte. Das fäulniswidrige Holz eignet sich im Bergbau als Grubenpfosten, im Weinbau als Trägerpfähle; man hat Zäune und Eisenbahnschwellen daraus gemacht. Das Holz hat eine Brennleistung vergleichbar mit Steinkohle, es brennt sauber mit wenigen Rückständen. Als elegantes Möbelholz kann es Tropenhölzer ersetzen. Die Indianer kochten die Samen der Hülsen als Nahrung; in der Volksheilkunde der Bergler der Appalachen werden die zu Pulver zerriebenen Blätter bei Darmgeschwüren und Gastritis eingenommen; und sogar als Krebsmittel fand es Verwendung - man kann das alles in meinem Buch „Wandernde Pflanzen - Neophythen, die stillen Eroberer" (AT-Verlag) nachlesen.

Robinia pseudoacacia

Robinie oder Falsche Akazie (Robinia pseudoacacia)

Große Flächen Neu Englands sind mit wildem Wein überwuchert. Es ist diese üppig wuchernde Schlingpflanze, die die Wikinger veranlasste Nordamerika als Vinland (Weinland) zu bezeichnen. Dieser amerikanische Wildwein (Vitis riparia) hat die europäische Weinkultur gerettet als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Reblaus und der Mehltau die edlen Weinsorten auszulöschen drohten. Rudolf Steiner meinte damals zwar, „die Weinrebe hat ihre historische Mission erfüllt und verlässt den irdischen Plan", aber die alten Sorten wurden nun auf die Reblaus resistenten amerikanischen Stöcke gepfropft und wir können uns weiterhin auf kultivierte Art und Weise besäuseln.

In den zwei Tagen, die uns nach dem Symposium noch blieben, besuchten wir an der schönen Küste Neu Englands den Ort (Cape Cod), wo im November 1620 die puritanischen „Pilgerväter", an Land gegangen waren. Die eingeborenen Wampanoag-Indianer empfingen die Siedler freundlich. Ein Indianer, namens Squanto, sprach sogar fließend Englisch, denn Jahre zuvor hatten britische Sklavenjäger ihn gefangen und nach England verschleppt, ehe er auf abenteuerlichen Wegen seinen Weg wieder in seine Heimat fand. Ohne Squantos Hilfe wären die Puritaner verhungert und jämmerlich zugrunde gegangen. Die Indianer gaben den Siedlern Mais-Saatgut, zeigten ihnen wie man fischt und feierten schließlich das Erntedankfest (Thanksgiving Day) mit ihnen, zu dem sie Hirschbraten, Truthähne, Mais, Preiselbeeren und andere Leckerbissen auftischten. Bald aber nahmen die Spannungen zu. Die Puritaner - heute würden wir sie als Fundamentalisten bezeichnen -, die die Welt nach einem schwarz/weiß Schema, zwischen Gott auf der einen und Satan auf der anderen Seite einteilten, realisierten dass die Indianer Wilde und schwer zu bekehrende, „gottlose" Heiden waren. Nach 1630, als tausende weitere Puritaner eingewandert waren, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Epidemien, Gemetzel und Vertreibung löschten die Eingeborenen praktisch aus.

Aquinnah

Aquinnah auf Martha's Vineyard

Auf der Insel Martha’s Vinyard befindet sich Aquinnah, eine Klippe aus weiß-gelben Lehm, durchzogen mit einem breiten roten Streifen. Für die Wampanoag war es ein heiliger Ort, an dem ihr Kulturheros, der Riese Moshup, einen Wal zerschmettert hatte – daher die rote Färbung des Lehms. Neben dem Fels befindet sich ein Restaurant, in dem wir einkehrten um eine der berühmten Muschelsuppen (clam chowder) zu probieren. Ich war ganz erstaunt zu entdecken, dass es Indianer sind, die den Betrieb führen. Man merkte, dass in ihnen viel afroamerikanisches und europäisches Blut floss, aber sie waren offensichtlich Indianer. „Ja, wir sind zwar nicht viele,“ versicherte mir die freundlich lächelnde Serviererin, „aber uns Wampanoag gibt es immer noch!“ „Jetzt bereut ihr es wohl, dass Squanto die Puritaner so freundlich aufgenommen und vor dem Verhungern gerettet hat?“ fragte ich. „Was hätten wir machen sollen? Man versucht doch gut zu sein“, gab sie zur Antwort.

Heilkräuter und Märchen – die Sachsentour

Indianer und andere eingeborene Völker sagen, dass die Vegetationsdecke, die Kräuter und Bäume die eine Landschaft prägen und ihre Schönheit ausmachen, der Traum der Erde ist. Die Natur lässt unsere Seele daran Teil nehmen, lässt sie fliegen und lässt bunte Bilder in uns aufsteigen. Die sanfte melodische Landschaft Sachsens spricht mich besonders an, denn, auch wenn ich weit hinaus in die Welt schweifte, habe ich dennoch meine Wurzeln da. Aus diesem Grund freue ich mich sehr in Sachsen eine Vortragstour im Juli unter dem Titel Unsere Heilpflanzen im Spiegel der Volksmärchen zu veranstalten. Auch die echten Volksmärchen sind Ausdruck dieses Traumes und deuten auf tiefe Weisheiten hin.

Termine sind die folgenden:

·  20. Juli: Vortrag in Leipzig

·  21. Juli: Kräuter und Pflanzenwanderung in der Stadt Leipzig

·  26. Juli: Vortrag in Dresden

·  27. Juli: Vortrag in meiner Heimatstadt Crimmitschau

Ihr seid herzlich eingeladen, mich dabei zu begleiten!

Mit herzlichen Grüßen,
Wolf-Dieter