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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Newsletter Frühling 2014
Liebe Freunde,

Maria Lichtmess (am 2. Febr.) war trüb und grau. Für die alten Bauern bedeutete das, dass der Frühling nicht auf sich warten lassen würde. An diesem Tag kommt der Bär (oder Dachs) aus seinem Bau, schnuppert die Luft und wenn er blinzeln muss, weil die Sonne hell scheint, dann verzieht er sich für 6 weitere Wochen in seine Höhle, dann bleibt es bis zur Frühlingstagnachtgleiche Winter. Dieses Orakle ist alt, seine Wurzeln reichen bis in vorkeltische Zeiten. 

Tatsächlich kam der Frühling besonders früh in diesem Jahr. (In Nordamerika dagegen gab es Rekordkälte, und in China fror der Jangtse zu, so dass die Chinesen auf dem Fluss Schlittschuh fahren konnten.) Für uns war der milde Winter gut, denn das sparte eine Menge Holz, die beim Heizen draufgegangen wären. Auch mit dem Garten konnte ich früh anfangen umzugraben und mit Kompost zu düngen. Der Versuchung gleich mit dem Säen und Pflanzen zu beginnen, konnte ich – dank langjähriger Erfahrung – widerstehen. Irgendwann kommt dann doch noch ein Kälteeinbruch und die Pflänzlein hocken da traumatisiert und getrauen sich nicht recht weiter zu wachsen. Und was die Erdäpfel betrifft, da heißt es ja:

Setz mich im April, komm ich wann ich will,
Setz mich im Mai, komm ich glei(ch)!

Was wird es für ein Jahr? Nass oder trocken? Die alte Bauernweisheit besagt:

Grünt die Eiche vor der Esche, bringt der Sommer große Wäsche:
Grünt die Esche vor der Eiche, bringt der Sommer große Bleiche!

Danach schaue ich jedes Jahr. Fast immer stimmt die Vorhersage. Dieses Jahr war die Eiche voraus. Ein nasser Sommer also. Aber wer weiß, ob die Wetterregeln noch gelten? Nach Medienberichten schlägt das Wetter weltweit Kapriolen. Angeblich wegen Klimawandel. Wer weiß es wirklich? Vielleicht sind auch die massiven Wetterkontrollversuche – etwa das HAARP-Projekt in Alaska – für die Unbeständigkeiten verantwortlich.

Gamander-Ehrenpreis
Gamander-Ehrenpreis (lat. Veronica chamaedrys):
Früher von Minnesängern als Wonneblume des Mai besungen (Foto: Lisa Storl)

Was den Gemüsegarten betrifft, so dreht Ingo dieses Jahr einen Begleitfilm für das Buch Der Selbstversorger. Es soll gezeigt werden, wie man alles genau und richtig macht mit den Ackern, Kompostieren, den Pflanzengemeinschaften, Begleitkräutern, Fruchtfolgen usw. Ich gärtnere und er filmt. Das ist für mich etwas anstrengend, denn sonst befinde ich mich in tiefer Meditation beim Gärtnern; nun aber komme ich mir manchmal vor wie ein von Ethnologen observierter Eingeborener. Aber ich gebe das Wissen gerne weiter, das mir einst mein Gärtnermeister Stauffer vermittelt hatte.

Im vorhergehenden Newsletter hatte ich ja angekündet, dass ich diesen Winter über die wirkliche traditionelle europäische Heilkunde schreiben würde. Ayurveda, Indianermedizin, TCM und andere exotische Heilsysteme – alles schön und gut. Aber haben wir nicht auch Wurzeln? TEM – traditionelle europäische Medizin – wird für viele zunehmend interessant. Die Bücher erzählen von dem Ursprung in Ägypten und dem Nahen Osten, von Hippokrates und Äskulap im alten Griechenland, von Galen in Rom und dann, wie die braven Mönche das Wissen retteten und zu den barbarischen Waldvölkern nördlich der Alpen brachten, eingemauerte Klostergärten anlegten, und wie gelehrte Priester, Ärzte und Apotheker das Wissen bis in die Neuzeit vermittelten. Es klingt, als ob die Barbaren, die Eingeborenen, die Waldvölker (Kelten, Germanen, Slawen und Balten) keine eigene Heilkunde kannten! Das Gegenteil ist wahr. Es gab eine hochwirksame Heilkunde, getragen von schriftunkundigen Großmüttern, Lachsnerinnen, Hirten und Hellsichtigen. Wildwachsende einheimische Pflanzen als Tees, Umschläge, Räucherungen, auch Kräuterbiere und Kräuterbrote, schamanische Praktiken – mit Wurzeln in der Altsteinzeit –, Erhitzungstherapien und was wir heute „Zauber“ nennen würden, machten die wahre Heilkunde der hiesigen Ureinwohner aus. Vieles davon ist noch immer – unerkannt – präsent in der heutigen Volksmedizin. Tolles Thema! Ich war Feuer und Flamme.

Die alte Göttin und Ihre Pflanzen
Die alte Göttin und Ihre Pflanzen - erscheint im Juli 2014

Aber es sollte anders kommen. Eine Frau Teufel erzählte mir, dass sie die Märchen CDs, die ich bei Konrad Halbig (KOHA-Verlag) aufgenommen hatte, sehr mochte. Auch ihren Kindern gefielen die Märchen. Sie meinte, die Erzählungen müssten unbedingt in Buchform weitergegeben werden und sie würde das gerne machen. Sie hätte auch schon einen guten Verlag, der das veröffentlichen würde. „Tut mir leid“, – sagte ich – „ich habe absolut keine Zeit für ein derartiges Projekt“. „Es wird dir überhaupt keine Arbeit machen“, gab sie zurück. Nun gut, warum nicht? Fleißig übertrug sie die Märchen. Leider ist die gesprochene Sprache eine ganz andere als die geschriebene. So wie es war, konnte es nicht als Buch publiziert werden. Außerdem waren es viel zu wenige Seiten. Ich war bereit das Projekt zu vergessen. Doch der Verlag hatte schon alles in Gang gesetzt und Werbung gemacht. There is no such thing as a free lunch, sagen die Amis, das heißt, man bekommt nichts umsonst. Also legte ich mich ins Zeug, schrieb über die Frau Holle als Ausdruck der paläolithischen Göttin und ihrem Gefährten dem gehörnten Gott, schrieb über unsere steinzeitlichen Ahnen, über die sakralen Pflanzen der alten Göttin – Holunder, Wachholder, Hasel, Brennnessel, Gänseblümchen, Eichen und Erlen – und begab mich auf eine Reise in die Welt und die Weltanschauung der Ureinwohner im Waldland Europas. Es hat mir Freude gemacht, war ein geistiges Abenteuer. Ich denke das Buch ist gut! Es wird dieses Jahr – vorraussichtlich im Juli – unter dem Titel Die alte Göttin und ihre Pflanzen im Kailash-Verlag erscheinen. In verschiedenen Vorträgen werde ich dieses Jahr die darin enthaltenen Inspirationen zur Sprache bringen. (Z. B. im Vortrag „Unsere Heilpflanzen im Spiegel der Volksmärchen“ am 23. Mai in München).

Märchenvorträge
Alle Infos zu den Vorträgen unter www.storl.de/veranstaltungen

Die echte traditionelle europäische Heilkunde, das Heilwissen unserer Vorfahren, ist aber nicht Weg vom Fenster. Es muss halt warten. Der nächste Winter kommt bestimmt, dann werde ich darüber meditieren und schreiben. Die Medizin der Waldvölker wird dennoch Thema vieler Veranstaltungen und Vorträge in diesem Jahr werden.
Heilpflanzen sind eben nicht nur wissenschaftlich-botanische Objekte, sondern sie sind ganzheitlich eingebettet in der Kultur und Sprache, im Glauben und Sage, in der äußeren, wie auch in unserer inneren Welt.
Mein Freund Heinz Knieriemen – einige von euch werden ihn kennen, er war Redakteur der Zeitschrift Natürlich – ist gestorben. Bei einem Natursee in der Nähe von Solothurn verabschiedeten wir uns von ihm. Sein ältester Sohn trug die ungebrannte Ton-Urne mit seiner Asche in den See, wo sie sich auflösen würde. Ohne dass die meisten es merkten, schwebte ein rotbrauner Milan herbei, zog in geringer Höhe einige Kreise und verschwand dann wieder in die Berge. Heinz war also mit dabei.

Hier nun noch einige Gedanken zum Sinn der Märchen:

Wenn die Märchen verstummen,
verdunkelt sich unser Lebensweg!

- Wolfdietrich Siegmund, Tiefenpsychologe

Kinder hungern nach Märchen. Märchen sind Seelennahrung für sie. Märchen sind Botschaften aus den anderen Dimensionen des Seins. Die Welt ist nämlich mehr, viel tiefer und weiter, als das was unser alltäglicher Verstand und unser ängstliches Ego uns vorspiegelt. Auch wir sind mehr als unser flüchtiges Dasein in einer materiellen Dimension vermuten lässt. Wir sind Lichtwesen, Seelen, auf Reise durch diese irdische Dimension. Die Märchen erinnern uns an unser wahres Wesen. Sie sind eine Landkarte, ein Kompass für die Seele. Sie bringen auf bunte bildhafte Weise in Erinnerung, was wir in unserem Alltag so leicht vergessen. Kinderseelen, den Nachklang himmlischer Welten noch in sich tragend, verstehen die Märchen – insofern diese echt sind und nicht nur erdachte Fantasiegebilde. Der verwunschene Königssohn und die von einer bösen Stiefmutter geschundene Königstochter stellen niemand anders dar, als unsere eigene göttliche Seele, die sich in einer verzauberten, stiefmütterlichen Welt zurecht finden muss.
Deswegen sind auch für Erwachsene die Märchen heilsam. In früheren Zeiten erzählte man solche Geschichten am Abend am warmen Herd, im Kreis der Familie. Der Feierabend war die segensvolle Zeit, wenn das Tagwerk ruhte und man sich dem Geistigen zuwendete. Jung und Alt, Kinder und Erwachsene lauschten dann gebannt, was die Alten, die Großmütter und Großväter, denen das Leben Weisheit geschenkt hatte, vortrugen.
Märchen vielschichtig. Sie auf unterdrückte sexuelle Wünsche und infantile Fantasien zu reduzierten, wie es freudianische Psychoanalytiker gerne tun, oder in ihnen Dokumente klassengesellschaftlicher Ausbeutung zu erkennen, wie man es von marxistischen Soziologen kennt, tut ihnen Unrecht. Märchen sind, wie das mittelhochdeutsche Wort Maere ursprünglich bedeutete, „Kunde, Bericht“. Es handelt sich also um eine wahre Kunde aus übersinnlichen Dimensionen. Noch für Martin Luther, in dem Weihnachtslied, hat es noch diese Bedeutung: „Vom Himmel hoch da komm ich her, ich bring euch gutem neue Mär; der guten Mär bring ich so viel, davon ich singen und sagen will.“ Diese Mär ist also kein Lügenmärchen, sondern bezieht sich auf das höchste spirituelle Mysterium, die leibliche Geburt des Göttlichen.

Diesen Faden folgend, habe ich mir also die überlieferten Volksmärchen angeschaut und dabei vieles über die alten Götter, der Frau Holle und ihre Pflanzen, erfahren können: Das war meine Winterarbeit und wird mich über den Sommer hin begleiten.

Herzliche Maiengrüße,

Wolf-Dieter Storl