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Dr. Wolf-Dieter Storl - Ethnobotaniker und Kulturanthropologe
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Die Natur bleibt dir treu
Mittwoch, 23. Dezember 2009
Brandenburg im Herbst. Die Leute von Sensatonics, Hersteller wahrhafter Zaubergetränke,  hatten mich zum Pflanzenseminar  eingeladen. Pflaumen und Äpfel hingen vollreif an den Ästen halb verwilderter Obstbäume; die Wege des Villenparks waren mit Bucheckern übersät.
„Es sind ja gute Zeiten, wo keiner es für nötig hält diese kostbaren Gaben der Natur aufzusammeln!" kommentierte ich, die Hungerjahre der Nachkriegszeit im Sinn.

„Nein, es sind gar keine guten Zeiten, es geht uns gar nicht gut," antwortete ein junger Mann. Er meinte es ernst. Zwar seien die Supermärkte voller bunt eingepackter Waren, aber es herrsche so etwas wie eine seelische Hungersnot. „Wie soll sich unsere Generation zurechtfinden? Wie können wir wissen, was wahr ist und was unwahr ist bei dieser Überflutung von Infos, Daten, Fakten? Wie kann man die Wahrheit von gefälschten, verdrehten, getürkten, von kommerziellen und politischen Interessen gesteuerten Desinformationen unterscheiden? An was soll man sich da orientieren?"

Ja, er hatte Recht. Die Menschen werden kirre gemacht. Das Unmittelbare verblasst und der Kopf wird mit AIDS-, SARS-, Vogelgrippe-, Schweinegrippe-Panik Klima-Hysterie, Terrorismus-Angst und Sport und Prominententratsch vollgestopft. Voll mit lauter Halbwahrheiten. Heißt es aber nicht: Die halbe Wahrheit ist die ganze Lüge?

Wo soll ein Mensch da Halt finden? Auch der Mensch braucht feste Wurzeln wie ein Baum wenn er wachsen und gedeihen will. Wer kann uns in dem Wirrwarr von abstrakten und beunruhigenden Informationen am besten den Weg zeigen, wenn nicht die wurzelnden Wesen selber, die Pflanzen! Seit Jahrmillionen fest in der  Mutter Erde verankert, Sonnenlicht, Sonnenkraft atmend, im Einklang mit den Jahresrhythmen. Überhaupt, die Natur, die ursprüngliche, die uns in unserem Menschwerden seit Urzeiten begleitet, kann uns wieder Mitte und Zuversicht geben. Der Himmel oben, der Erdboden unten, die Sonne und der Mond, beständig ihre Bahn ziehend, der ewige Sternenhimmel, das rauschende Meer, Gewitterstürme und Regenbögen, die Wälder und Auen, Fische, Vögel und die Tiere, die Elemente, das Feuer - sie waren schon unseren steinzeitlichen Ahnen treue Begleiter. Sie sind das offenbarte Göttliche.

Besonders die Bäume können unsere Helfer sein. Das alte indogermanische Wort für Baum (insbesondere Eiche) ist *deru. Im Deutschen ist es erhalten in Wörtern wie Holunder, Wachholder, Flieder, oder Affolder (Apfelbaum), im Englischen als tree (Baum); und der  Druide (keltisch dru = Baum, Eiche; wid = weise) war derjenige, der die Weisheit der Bäume besitzt. Das Wort ist übrigens verwandt mit „Treue", „Trauen" oder „Trost", denn Bäume verkörpern das Wahre, das Bewährte; es ist nichts falsches an ihnen, sie geben Trost. Ebenfalls verwand mit diesem indogermanischen Wortstamm ist Dharma, aus der Sanskritwurzel dhri (= tragen). Dharma bedeutet der wahre, bewährte Weg der einen trägt, der richtige Weg, den man vertrauen kann, der einem treu bleibt.

Der Baum ist - für viele Kulturen - die Mitte des Seins, das Tor zu den tieferen Dimensionen. Ja, Bäume können unsere weisen Lehrer, unsere Gurus sein, wenn wir uns die Zeit nehmen, ihnen zu Füßen zu sitzen, die Gedanken abzuschalten und in die Tiefe lauschen.

Die heutige Zeit imaginiert das Universum und das „Raumschiff Erde" als einen hoch komplizierten, kybernetisch vernetzten Mechanismus. Hochintellektuelle Dummköpfe wähnen, sie könnten alle Prozesse dieses Systems in Computermodellen erfassen und auf Grundlage dessen auch manipulieren, regulieren und „verbessern", etwa das Klima steuern, Vererbungslinien beliebig mischen und künstliche Biotope errichten. Geo-engineering und bio-engineering wird so etwas genannt.

Abgeschnitten von den Wurzeln haben die Menschen Angst. Wer von Angst getrieben wird, träumt von Kontrolle. Carl Djerassi, der verschiedene Insektiziden entwickelte und als Erfinder der Anti-Babypille bekannt ist, sagte einmal in einem Interview, er lehne die Vorstellung ab, „alles Natürliche sei per se gut. In Deutschland werden viel mehr natürliche Heilmittel genützt als anderswo. Alles Natürliche gilt hier automatisch als gut, obwohl die Natur im Großen und Ganzen überhaupt das Gefährlichste ist. Die Vorgänge in der Natur liegen außerhalb der menschlichen Kontrolle." Totale technologische Kontrolle, totale Überwachung, Sicherheit!

Daneben möchte ich die Aussage eines alten australischen Ureinwohners stellen, die der Ethnologe A. P. Elkin aufzeichnete: „Heute reden und handeln manche jungen Aborigines neunmalklug, sie haben die Vision nicht mehr, weil sie dieselbe Angst haben wie die Weißen. Das kommt daher, weil sie nicht in den Busch gehen und sich selbst ernähren können wie ich. Ich weiß, wo alle Wurzeln und Beeren und Früchte sind. Wer nicht weiß, wie man selbst Essen finden und sich ernähren kann, fürchtet sich wie ein kleines Kind, das seine Mutter verloren hat, und mit dieser Angst verlässt ihn die Vision der Geistwelt!"

Wie aber kann unser beschränkter Verstand je das tiefe Mysterium erfassen? Wie können wir es überhaupt wagen, dieses Mysterium zu verbessern? Dr. Frankenstein hat es versucht und nur ein zerstörerisches Monster geschaffen. Dazu das weise Wort Lao Tses (Tao Te King):

Unheil aber droht dem der das Leben fördern will mit Gewalt.
Nicht gewaltig, gewalttätig nenne ich den Geist
der zwingen will die Kräfte des Lebens.
Kraft missbrauchen bringt Verfall.
Das heißt: dem Tao (der Natur) widerhandeln.
Wer ihr zuwiderhandelt, endet früh. 

In Wirklichkeit, wenn wir es zulassen, leben wir in einer heiligen, magischen Welt. Der taoistische Begriff Tsu-jan (das Spontane, das aus sich selbst heraus so ist) wird oft als „Natur" übersetzt. Dazu aus einem chinesischen Gedicht, dieser Vers:

Während ich still dasitze und nichts tue
wird es Frühling,
das Gras sprießt,
die Wolken ziehen dahin.

Die Natur zu erkennen, das Wissen um Heilpflanzen wiederzuerlangen, die Seele für das Tsu-jan zu öffnen, die Verbindung zu den Wurzeln, zu den Ahnen und Göttern zu erneuern, das hilft uns durch diese apokalyptische Zeiten.